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05. Juni 2016 11:28 Uhr

Musik für Millionen

So entwickeln sich deutsche Rock- und Popfestivals

Unwetter hin oder her: in Deutschland startet die Saison der Rock- und Pop-Festivals. Den Verdrängungswettbewerb von 2015 haben die arrivierten Open Airs gewonnen. Platz für neue und regionale Ideen gibt’s trotzdem.

  1. Rock am Ring (Freitag). Foto: dpa

War was? Ein Jahr nach der verrücktesten Saison in der Geschichte deutscher Rock- und Pop-Festivals sind die Fronten geklärt, köchelt der überhitzte Markt wieder auf Normaltemperatur. 2015 attackierte die Deutsche Entertainment AG (DEAG) mit den Premieren der Grünen Hölle am Nürburgring, von Rockavaria in München und Rock in Vienna die Mutter aller deutschen Mehrtagesfestivals, Rock am Ring, und deren Schwester, Rock im Park in Nürnberg, ausgerichtet von Marek Lieberbergs Agentur MLK.

Das Duell der Marktführer endete mit einem Abbruchsieg. Die Grüne Hölle am Nürburgring fiel aus und wurde unter dem Titel Rock im Revier in Gelsenkirchen durchgezogen. Die Neugründungen bescherten der DEAG Millionenverluste. Lieberbergs Rock am Ring dagegen war mit 90 000 Besuchern ausverkauft.

Die Claims sind abgesteckt

Die Hackordnung ist damit zementiert. Dass Rockavaria und Rock im Revier Ende Mai über die Bühnen gingen, wurde überregional kaum registriert. Als Startschuss in die Saison und Inbegriff des Festivals gilt weiter Rock am Ring, das, zum xten Mal ausgebucht, am gestrigen Freitag in der Eifel begonnen hat. Das seit Februar ausverkaufte Southside in Neuhausen ob Eck und sein norddeutscher Zwilling Hurricane bleiben erste Wahl für Indie-Rock, das Metal-Mekka im schleswig-holsteinischen Wacken ist sowieso unantastbar.

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Für Jens Michow, Präsident und Geschäftsführer des Bundesverbands der Veranstaltungswirtschaft, ist die Schlussfolgerung aus den Verteilungskämpfen des Jahres 2015 klar: "Bereits vorhandene, etablierte Genrefestivals anzugreifen, ist schwer". Veranstaltungen wie Wacken oder Rock am Ring sind über die Jahrzehnte zu Markenartikeln und Synonym eines Lebensgefühls und Flairs geworden. "Das Publikum von Wacken identifiziert sich mit dem Namen und dem Image. Die Künstler kommen für viele an zweiter Stelle."

Neue Konzepte haben Chancen

Ist der Kuchen also bis auf den letzten Krümel verteilt? Nicht unbedingt, sagt Michow. "Konzepte, die neue Akzente setzen, haben immer eine Chance." Parookaville ist so ein Beispiel. Dabei handelt es sich nicht einfach um ein zweitägiges Festival für elektronische Popmusik, "die Besucher tauchen in eine Traumwelt ein". Der Veranstaltungsort, ein ehemaliger Militärflughafen bei Düsseldorf, verwandelt sich in ein fiktives Dorf mit eigenem Bürgermeister, Postamt und Ausweispapieren für die temporäre Bevölkerung. Zur Premiere 2015 kamen 25 000 Menschen. 2016 zählt Parookaville doppelt so viele Einwohner – die Karten waren nach einem Tag weg.

Dieser so erfolgreichen wie originellen Neugründung verlieh die Branche im April ihren Live Entertainment Award. Parookaville setzte sich dabei gegen den Konkurrenten "A Summer’s Tale" durch. Dieses Sommermärchen in der lauschigen Natur der Lüneburger Heide richtet sich an Hipster mit Kindern. Familienyoga, Kanu fahren, Slow Food, Arthaus-Filme in Anwesenheit des Regisseurs, intellektuelle Comedy mit Oliver Polak, ein Konzert des Britpop-Helden Noel Gallagher oder der Ambient-Sound der isländischen Klangbastler Sigur Rós – alles kann, nichts muss.

Besucher-Trend: Wenige, aber teure Konzerte

Das Vier-Tages-Ticket für maximal zwei Erwachsene und drei Kinder zwischen sechs und 14 und Komfortcamping kostet 519 Euro – und da ist noch keine Portion Pulled Pork in Bioqualität und nicht eine Flasche veganer Wein bezahlt. "Sie haben das ja heute im gesamten Konzertangebot. Wenn Sie heute zu einem Topstar gehen, 180 Euro für eine Karte zahlen, vielleicht Ihren Partner und ein Kind mitnehmen, sind Sie am Ende eine ganz beträchtliche Summe los.

Die Konsequenz ist: Statt auf drei Konzerte wie früher geht man nur noch auf eins im Monat". Oder es blutet einer, der nicht um Konzertbesucher buhlt, wohl aber um das Budget, welches das Publikum insgesamt in seine Freizeit investiert – Gastronomen oder Kinobetreiber zum Beispiel. Michow: "Das Geld ist schließlich nicht endlos."

Regionale Formate wachsen

Im Windschatten der Open-Air-Festivals mit bundesweitem Ruf ist ein regionales Format immer beliebter geworden. Südbaden oder Ostdeutschland – in mehr und mehr Klein- oder Kreisstädten gibt es auf öffentlichen Plätzen Konzerte mit Popgrößen unter freiem Himmel. "Das ist ein Wachstumsmarkt", bestätigt Michow. Mal kommt der Veranstalter auf die Kommune zu, mal ist es andersrum – das richtige Händchen beim Programm vorausgesetzt, profitieren beide: "Musik ist ein Standortfaktor", sagt Michow. Gut fürs Image, den Tourismus und das Lebensgefühl der Bevölkerung, die vor der eigenen Haustür etwas geboten bekommt.

Ob Marktplatz oder Flugplatz, am Ende ziehen Freiluftfestivals das Publikum immer aus demselben Grund an: "Es geht um das Gemeinschaftsgefühl." Das sich aus Michows Sicht auch niemand von der Unsicherheit kaputtmachen lassen sollte, die durch Anschläge wie in Paris geschürt werden soll: "Umfassenden Schutz gibt es nicht. Aber mehr als die Veranstalter hierzulande sowieso schon tun, können Sie nicht machen."
Millionenschwerer Wirtschaftsfaktor



Konzerte und Festivals sind ein großes Geschäft: 1325 Konzertveranstalter gaben 2014 in Deutschland zusammen einen Umsatz von 1,56 Milliarden Euro an, hat eine Studie im Auftrag von neun Verbänden der Musikwirtschaft ergeben. Insgesamt arbeiteten 33 000 Menschen bei Konzertveranstaltern, Veranstaltungsstätten und Dienstleistern der Branche.

Die Ausgabebereitschaft ist hoch: Private Haushalte zahlten laut der Gesellschaft für Konsumforschung im Jahr 2013 2,7 Milliarden Euro für Konzerte, davon 12 Prozent, etwa 337 Millionen, für Festivals. Die Hälfte dieser Umsätze von Festivals, 51 Prozent, werden mit Rock und Pop erzielt. An zweiter Stelle steht elektronische Musik mit zehn Prozent, an dritter Klassik mit neun Prozent. Die Besucher von Rock/Pop-Festivals sind überwiegend in ihren Zwanzigern, ihre Gruppe macht 44 Prozent der Festivalbesucher aus. Die zweitgrößte Besuchergruppe sind die 40- bis 49-Jährigen, ihr Anteil liegt bei 18 Prozent, dahinter erst die 30- bis 39-Jährigen und die 10- bis 19-Jährigen mit 12 Prozent.

Die Eintrittspreise für die mehrtägigen Festivals liegen im dreistelligen Bereich. Drei Tage inklusive Camping bei Rock am Ring kosteten im Vorverkauf dieses Jahr zum Beispiel 170 Euro, dazu kommen noch Versand und Gebühren. Etwas günstiger waren Ticket und Camping beim Southside-Festival im Landkreis Tuttlingen. Dort zahlten Besucher 146 Euro. Das sind pro Tag knapp 57 beziehungsweise 49 Euro. Im Laufe des Vorverkaufs stiegen die Preise noch weiter an.

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Autor: Peter Disch & Alexander Schumacher