Interview

"Wir gegen sie": Ein Gespräch über Rechtsrock

Nina Lipp

Von Nina Lipp

So, 11. März 2018 um 00:00 Uhr

Rock & Pop

Der Sonntag Die Wochen gegen Rassismus widmen sich dem Rechtsrock. Experte Michael Weiss erklärt, warum die Übergänge zwischen Mainstreambands wie Freiwild und neonazistischer Ideologie fließend sind.

Am Dienstag, 13. März, hält der Journalist und Rechtsrock-Experte Michael Weiss in Freiburg einen Vortrag über "Rechtsrock und Grauzonenbands". Hier spricht er über fließende Übergänge zwischen Mainstream und neonazistischer Ideologie.

Der Sonntag: Herr Weiss, bei Interviews drucken wir in der Regel die Fotos unserer Gesprächspartner ab – das aber haben Sie abgelehnt. Warum?

Weiss: Da bitte ich um Verständnis, aber ich recherchiere seit vielen Jahren in neonazistischen Szenen und habe es dort mit militanten Neonazis zu tun. Für meine Sicherheit und Bewegungsfreiheit ist es daher förderlich, wenn es keine öffentlichen Bilder von mir gibt.

Der Sonntag: Popkultur galt einst als progressiv und emanzipatorisch. Diese Zeiten sind vorbei, längst hat sie sich nach rechts geöffnet: Das zeigt die Band Freiwild, die im April in Freiburg auftritt.

Weiss: Die Übergänge zwischen Mainstream und neonazistischen Ideologien sind fließend, hier gibt es sicher eine Grauzone. Außerdem halten sich rechte Inhalte nicht an Genregrenzen – es geht hier längst nicht mehr nur um Rockmusik, sondern um ein Lebensgefühl, eine politische Einstellung.

Der Sonntag: Die erste rechte Band, die in Deutschland kommerziell erfolgreich war, waren die Böhsen Onkelz. Nach ihrer Gründung 1980 geriet sie wegen ihrer Nähe zum Rechtsrock in die Kritik. Ihr erstes Album von 1984 wurde erst als jugendgefährdend indiziert und kurz darauf wegen Gewaltverherrlichung beschlagnahmt.

Weiss: Die Onkelz gelten als die Pioniere des Rechtsrocks in Deutschland. Ihre ersten beiden Platten brachten ihnen einen Kultstatus in der rechten Skinhead-Szene. Hitlergrüße und Sieg-Heil-Rufe aus dem Publikum waren keine Seltenheit. Ab 1988 hat sich die Band glaubhaft von diesem Milieu distanziert.
Der Sonntag: Ihre neonazistischen Fans sind sie allerdings nie ganz losgeworden. Bis heute sind sie für Rechte Kult, für die es keine Rolle spielt, dass die Band auf Rock-gegen- rechts-Konzerten auftritt.

Weiss: Das liegt daran, dass sie ihren Fans ein holzschnittartiges Lebensgefühl vermitteln: Sie teilen die Welt in gut und böse, in "Wir gegen sie". Das machen auch Freiwild und viele Rechtsrockbands so. Per se ist das nicht rechts, aber Rechte sprechen auf diese Deutungsmuster an. Dass sich Radio- und Fernsehsender weigerten, Onkelz-Lieder zu spielen, und Geschäfte sich weigerten, Onkelz-Platten zu verkaufen, steigerte ihren Erfolg noch.
Der Sonntag: Freiwild gelten als die Erben der Onkelz.

Weiss: Zu Recht. Als sich die Onkelz auflösten, gab es eine Leerstelle, die Freiwild besetzen konnten. Es war kein Schaden, dass Freiwild sich als Onkelz-Fans outeten und deren Songs coverten.
Der Sonntag: Auch Freiwild haben eine rechte Vergangenheit, die sie nie ganz losgeworden sind. Sänger Philipp Burger war Mitglied der Skinhead-Band Kaiserjäger.

Weiss: Und wie die Onkelz weisen sie von sich, eine rechte Band zu sein. Sie geben sich als zwar konservative, aber unpolitische Musiker, die Extremismus ablehnen.
Der Sonntag: Im Gegensatz zu Rammstein, die wegen ihres künstlerischen Spiels mit NS-Ästhetik kritisiert wurden, machen Freiwild keinen Unterschied zwischen sich als Künstler und als Privatperson, gebaren sich als authentische, ehrliche Rockmusiker, die ihre Heimat Südtirol lieben und ihre Traditionen pflegen. Das macht sie aber noch nicht zu Nazis.

Weiss: Niemand wirft Freiwild vor, Nazis zu sein. Aber sie transportieren rechtes Gedankengut. Wenn die Band in ihrem Song "Südtirol" singt: "Ich dulde keine Kritik an diesem heiligen Land, das unsere Heimat ist" und sie damit Kritik an der Volkstümelei unter den Deutschsprachigen in Südtirol unterbinden wollen, dann ist das nationalistisch und undemokratisch. Und eigentlich absurd. Die, die sich doch immer als Zweifler und Kritiker erheben, maßen sich an, anderen die Kritik zu verbieten.

Der Sonntag: Wie ist zu erklären, dass die Rechtsrock-Szene so stark von Männern dominiert wird?

Weiss: Weil es vor allem Männer sind, die sich damit identifizieren. In Rechtsrock-Milieus sind die Protagonisten in der Regel weiße und heterosexuelle Männer. Rechte Themen werden dort selbstbewusst mit einer "Das wird man ja noch sagen dürfen"-Attitüde vertreten, außerdem wird häufig ein sehr traditionelles Frauenbild verteidigt.

Der Sonntag: Für den NSU spielte Musik quasi als Einstiegsdroge in das rechte Milieu eine gewichtige Rolle. Kann man das verallgemeinern?

Weiss: Es ist richtig, dass Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe zusammen auf Rechtsrock-Partys und Konzerte gegangen und auch darüber Anschluss an den harten Kern der Bewegung gefunden haben. Dennoch halte ich die These nur sehr bedingt für tauglich. Sie suggeriert: Die Musik verführt unbedarfte Menschen. So ist es aber sicher nicht.

Der Sonntag: Freiwild stehen nicht auf dem Index, die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien sieht da keinen Anlass zu handeln. Auch Sie setzen sich nicht für ein Verbot der Band ein. Wieso nicht?

Weiss: Die Schwelle, auf den Index zu kommen, ist zu Recht sehr hoch. Wir wollen nicht zensieren oder verbieten, fordern aber: Wer rechtes Gedankengut in der Öffentlichkeit verbreitet, der muss kritisiert werden dürfen und Konsequenzen dafür tragen.
Der Sonntag: Was raten Sie Eltern, wenn der Sprössling mit einem Freiwild- T-Shirt provoziert?

Weiss: Das, was ich auch Lehrern, Freunden und Bekannten rate: nicht überreagieren, nicht verbieten oder an den Pranger stellen, sondern die Auseinandersetzung suchen.
Rechtsrock und Grauzonenbands, Vortrag von Michael Weiss mit anschließender Diskussion, 13. März, 20 Uhr, Kommunales Kino Freiburg, Urachstraße 40, freier Eintritt




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Die Veranstaltungsreihe zu den "Internationalen Wochen gegen Rassismus" vom Freiburger Netzwerk für kritische Bildungsarbeit, lädt vom 7. bis zum
24. März 2018 zu Workshops, Filmen, Vorträgen, Stadtrundgängen und Aktionen ein. Wegen des umstrittenen Auftritts der Band Frei liegt ein Schwerpunkt der Reihe auf dem Thema Rechtsrock. . Der Journalist Michael Weiß wird am 13. März einen Vortrag über "Rechtsrock und Grauzonenbands" halten, nach dem im Anschluss gemeinsam mit dem Publikum über Handlungsstrategien diskutiert werden soll.