Röhrender Hirsch auf dem Kreuz

Martin Frenk

Von Martin Frenk

Sa, 23. Dezember 2017

Schwanau

Das Ottenheimer Grabkreuz von 1766 ist ein volkskundlich bedeutendes und erhaltenswertes Denkmal .

SCHWANAU-OTTENHEIM. Ein altes Kreuz aus Sandstein, das vor zwei Jahren bei Bauarbeiten gefunden worden ist, weist auf den früheren Ottenheimer Friedhof hin. Wieder restauriert steht das Kreuz heute auf einem privaten Anwesen.

Der Ottenheimer Friedhof lag ursprünglich um die heutige evangelische Michaelskirche. Als er mit dem Anstieg der Bevölkerungszahlen im 19. Jahrhundert zu klein wurde, ist er im Jahre 1881 auf die kleine Anhöhe östlich des Dorfes auf den so genannten Dorfbühl verlegt worden. Der um die Kirche angelegte Friedhof wurde für geschlossen erklärt, die verbliebenen Grabhügel wurden 1899 eingeebnet und der ehemalige Kirchhof in eine einfache Anlage umgestaltet.

Dieser Anlage waren jedoch nur wenige Jahre beschieden. Denn im Jahre 1911 errichtete die Gemeinde auf dem freien Platz zwischen der Kirche und dem evangelischen Pfarrhaus ein neues Rathaus. Außer einem kleinen Stück Sandsteinmauer, östlich des Ottenheimer Rathauses und den in den Mauern der evangelischen Kirche eingelassenen Epitaphe sowie der auf dem Kirchplatz der katholischen Pfarrkirche stehenden Kreuzigungsgruppe mit Kreuz, sind heute keine weiteren materielle Zeugen mehr vorhanden, die an diese einstige Ottenheimer Begräbnisstätte erinnern.

Nachdem die Bauherrengemeinschaft Martha, Achim und Heinz Schlager aus Nonnenweier das in seiner Bausubstanz marode gewordene ehemalige katholische Pfarrhaus 2015 umfassend, behutsam und denkmalgerecht saniert hatte, sind auf dem freien Teil zwischen dem renovierten Gebäude und der evangelischen Michaelskirche Parkflächen angelegt worden. Bei diesen Arbeiten stieß man im südwestlichen Bereich, in unmittelbarer Nähe des Lindenbaums und nur wenige Zentimeter unter der Erdoberfläche, auf ein barockes Grabkreuz. Der vermutlich bei der Aushebung aus dem Erdreich in zwei Teile zerbrochene ehemalige Grabstein aus rotem Sandstein hat die Maße von 1,25 Meter Höhe, 65 Zentimeter Breite und 15 Zentimeter Tiefe.

Das Grabkreuz gehört zu Johann Caspar Bickel

Es ist ein durch frühere Sturzschäden und Verwitterung lediglich geringfügig beschädigtes gedrungenes Steinkreuz mit einem bogenförmig verbreiterten Schaft, der in die sichtbare Basis übergeht. Auf der Ansichtsseite ist im Kreuzungsbereich des Quer- und Längsbalkens ein Medaillon eingearbeitet. Es zeigt einen röhrenden Hirsch, der links mit einem C(aspar) und rechts mit einem B(ickel) begrenzt wird. Der schlichte Inschriftenträger ist bildlos und lediglich an den Rändern verziert. Auf ihm stehen folgende Zeilen zu lesen: "In Gott ruhet Johan Casparbickell hochfürstlich badenbad obwer Jäger Inottenheim Gestorben den zten Juli 1766."

Nach dem Ottenheimer Ortssippenbuch handelt es sich um den um 1691 geborenen Johann Caspar Bickel, der mit Franziska Colonell verheiratet war. Er war Sohn des Ichenheimer Richard Bickel und dessen Ehefrau Catharina – geborene Eichner – und war als Oberjäger der baden-badischen Markgrafschaft in der Herrschaft Mahlberg eingesetzt. Seinen Wohnsitz und damit auch sein berufliches Wirkungsfeld hatte er in Ottenheim. Verstorben ist Bickel am 2. Juli 1766 in Ottenheim.

Johann Caspar Bickel war ein markgräflicher Jäger

Das ist das Wenige, das von ihm in Erfahrung gebracht werden konnte. Weder im Generallandesarchiv Karlsruhe noch im Freiburger Staatsarchiv und im Kreisarchiv des Ortenaukreises sind Akten verwahrt, die einen Einblick in das Leben von Johann Caspar Bickel geben könnten. Es ist jedoch anzunehmen, dass Bickel im Ottenheimer Forst-Jägerhaus in der heutigen Rockelstraße 2 gewohnt hatte. Das heute als das älteste Fachwerkhaus in Ottenheim geltende Anwesen wurde nach der im südöstlichen Eckpfosten eingekerbten Jahreszahl 1688 errichtet. Viele Jahrzehnte diente das seinerzeit im markgräflichen Besitz stehendes Haus den in Ottenheim eingesetzten herrschaftlichen Forstjägern als Dienstwohnung.

Somit ist das einzige, was heute noch an Johann Caspar Bickel erinnert, das aufgefundene barocke Grabkreuz. Es zeugt von seiner Größe und Ausführung her vom Selbstbewusstsein, Wohlstand und Ansehen des Verstorbenen. Denn die baden-badische Oberjäger waren nicht gewählt, sondern vom Markgrafen als eine Art Beamte eingesetzt. Sie mussten hauptsächlich die örtliche Jagd und vermutlich auch den herrschaftlichen Forst beaufsichtigen.

Da der Grundstückseigentümer kein Interesse an dem historischen Grabkreuz hatte und keine Nachkommen bekannt sind, nahm es Mario Braun zu sich mit nach Hause, ließ es fachmännisch restaurieren und stellte es in seinem Garten wieder auf.