Romantische Troubadoure

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Do, 18. Oktober 2018

Klassik

Der Pianist Adam Laloum, Fabrice Bollon und das Philharmonische Orchester Freiburg mit Werken von Sibelius, Magnard und Brahms.

Vielleicht ist Adam Laloum doch vor allem eins – Melancholiker. Als Zugabe entscheidet sich der französische Pianist für Franz Schuberts Moment musical As-Dur op. 94 Nr. 2, jenen tieftraurigen langsamen Menuettsatz mit dem Untertitel "Plaintes d’un Troubadour" – Klagen eines Troubadours. Das ist die Antwort auf seine vorausgegangene Interpretation von Brahms’ Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur, mit dem er und das Philharmonische Orchester Freiburg unter Fabrice Bollon die Spielzeit im sehr gut besuchten Konzerthaus eröffnet haben. Oder die Fortsetzung?

Im dritten langsamen Satz schafft Brahms auch ein solches Moment der romantischen Verzauberung. Da treten das Klavier und das Solocello (mit schwelgerisch romantischem Ton: Denis Zhdanov) in einen kontemplativen Dialog, ähnlich, wie ihn Brahms im Andante seines Doppelkonzerts für Violine und Violoncello verfasst hat. Das Orchester ist der Dritte im Bunde, es macht den Dialog zum Trialog, und gerade die Interpretation dieses Satzes gerät zu einem Traumspiel zwischen allen Beteiligten – stellvertretend sei hier die Soloklarinette (Sonja Villforth) genannt.

Laloum stürzt sich zu Beginn des ersten Satzes in seine, von Isabel Forsters Solohorn bestechend klangschön angekündigte rhapsodische Introduktion mit der Leidenschaft eines Troubadours, risikofreudig expressiv. Sein Brahms hat romanisches Temperament, das Tastenfeuerwerk, das er im ersten Satz entzündet, zeugt von hohem Virtuosentum, gepaart mit jenem künstlerischen Gespür, das ein sensibles Eintauchen in die Partitur ermöglicht. Die Interpretation hat große Leidenschaftlichkeit. Das vereint Solist, Dirigent und Orchester. Im Finalsatz gelingt allen Beteiligten überdies eine phantastische Leichtigkeit; wenn das Klavier das von den Holzbläsern – und später den hohen Streichern – angestimmte Seitenthema fortführt, spürt man das ineinander Verwachsen aller Beteiligten.

Hohe Konzentration ist ein Etikett für den gesamten Abend, an dem im Übrigen der langjährige stellvertretende Solocellist Walter-Michael Vollhardt in den Ruhestand verabschiedet wurde. Bei Jean Sibelius’ "Nächtlichem Ritt und Sonnenaufgang" – einer Art Erlkönig mit Happyend – lassen sich die Streicher von den stupenden Punktierungen nicht vorantreiben; lediglich die Einwürfe von Bläsern und Schlagwerk kommen anfangs rhythmisch nicht genau auf den Punkt. Doch Fabrice Bollon erweist sich einmal mehr als Meister im spätromantischen Klangzaubern: Sibelius’ Sonnenaufgangsszenario nimmt synästhetische Formen an: Man kann bei den Streichern die Strahlen des aufsteigenden Feuerballs hören.

Im Zentrum des Abends eine weitere Begegnung mit dem unbekannten französischen Spätromantiker Albéric Magnard, dessen Werk Bollon und die Philharmoniker auch eine CD-Edition bei Naxos widmen werden. Magnards frühe c-Moll-Sinfonie ließe sich auch als Ausweis sinfonischer Ratlosigkeit in Wagners Schatten begreifen. Man spürt den Suchenden, der an die französische Sinfonik seiner Zeit – von César Franck bis Saint-Saëns anknüpft. Der Presto-Satz dieser ersten Sinfonie erinnert an dessen Danse macabre-Stil. Die Interpretation zeugt von großer Sorgfalt und Umsicht – gleichwohl: Man wird sehr neugierig sein müssen, um an dem Suchenden Magnard nicht zu scheitern.