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07. Juli 2012

USA

Romney zieht in die Welt

Der US-Präsidentschaftskandidat kommt nach Europa – doch Obama steht den Deutschen näher.

Der designierte Obama-Herausforderer Mitt Romney macht sich Ende Juli auf den Weg nach Europa. Deutschland wird er wohl nur besuchen, wenn Kanzlerin Angela Merkel ihn empfängt. Für rote Teppiche gibt es keinen Grund.

Nach den Vorwahlen im Frühjahr und vor dem Nominierungsparteitag im August ist für US-Präsidentschaftskandidaten die Zeit der großen Reisen. Mindestens einmal muss jeder neue Bewerber für das Weiße Haus hinaus in die weite Welt – um sich den Wählern daheim als vorzeigbarer Staatsmann und vertrauenswürdiger Oberkommandierender zu empfehlen. Barack Obama tat das 2008 mit einer umjubelten Europatour. An der Siegessäule hielt er vor 200 000 Berlinern eine Rede.

Nun plant der Republikaner Romney sein Debüt auf der Weltbühne. Wie Obama vor vier Jahren verfügt der ehemalige Gouverneur von Massachusetts praktisch über keinerlei außenpolitische Erfahrung. Im Wahlkampf fiel er bislang vor allem durch starke Sprüche und einen außenpolitischen Beraterkreis auf, in dem Hardliner dominieren. Die alte republikanische Garde erfahrener Internationalisten um die Ex-Außenminister James Baker und George Shultz etwa taucht dort nicht auf. Auch prominente Pragmatiker einer jüngeren Generation wie Condoleezza Rice sucht man in Romneys Team vergebens. Der ehemalige Außenminister Colin Powell, wegen seiner moderaten Ansichten schon in der Bush-Regierung isoliert, nannte einige von Romneys Beratern "ziemlich weit rechts".

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Tatsächlich lässt sich der Kandidat von auffallend vielen Experten der Heritage Foundation beraten, die als Sammelbecken der Neokonservativen gilt – also jener Denkschule, die auf militärische Interventionen setzt und einst den Irakkrieg ideologisch vorbereitet hatte. Zwar hat Romney durchaus auch moderate Berater, und es ist nicht ausgeschlossen, dass er einigen seiner Positionen noch Schärfe nimmt. Doch Romney stilisiert sich zum Kandidat eines starken und selbstbewussten Amerika. Russland erklärte er zum "geopolitischem Feind Nummer eins". Im Atomstreit mit dem Iran dürfe die militärische Option nicht nur auf dem Tisch liegen – Teheran müsse sie wirklich fürchten. Obama wirft er vor, einen Abstieg der USA zu akzeptieren.

Dass neben Israel zunächst nur Großbritannien als Reiseziel bestätigt wurde, wo Romney eine Grundsatzrede halten will, dürfte kein Zufall sein. In Sachen Europa berät ihn der Brite Nile Gardiner, der einen Bruch mit der traditionellen Europapolitik propagiert: Die USA sollen nicht mehr auf die europäische Integration setzen, sondern vor allem auf die "besondere Beziehung" zu London. An Deutschland interessiert Romney offenbar vor allem ein Treffen mit der Kanzlerin, die Obama einst nicht vor dem Brandenburger Tor reden ließ. Amerikas Konservative schätzen Merkel neuerdings wegen ihrer Sparpolitik sehr. Außenpolitisch freilich steht ihr Obama allemal näher.

Autor: Dietmar Ostermann