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11. August 2012 00:02 Uhr

US-Präsidentschaftskandidat

Romney zögert die Wahl seines Vizekandidaten hinaus

Seit Wochen kündigt US-Präsidentschaftskandidat Mitt Romney die Nominierung seines Vizekandidaten an. Weil bisher nichts passiert ist, nehmen die Spekulationen groteske Züge an.

  1. Wer wird sein Vize-Kandidat? Mitt Romney tritt für die Republikaner bei der US-Präsidentschaftswahl an. Foto: dapd

Bislang wurden nur Gerüchte gestreut, jetzt schickt Mitt Romneys Familie E-Mails: "Ich kann es nicht abwarten, herauszufinden, wen Papa als seinen Vizekandidaten aussuchen wird", ließ Sohn Craig die Anhänger am Mittwoch wissen. Einen Tag später legte Romneys Gattin Anne nach: "Ich bin genauso gespannt wie alle anderen." Am Abend meldete sich der Kandidat persönlich: "Mein Vizepräsident" hieß die Nachricht, die allerdings wieder nur einen Spendenaufruf enthielt, keinen Namen.

Die Kür des Begleiters im Rennen um die US-Präsidentschaft gehört zu den wenigen großen Möglichkeiten, als Herausforderer Schlagzeilen zu machen. Romneys Kampagne tut schon seit Wochen so, als stünde die Bekanntgabe unmittelbar bevor, bevorzugt dann, wenn sie von anderen Themen ablenken will. Bis zum Nominierungsparteitag Ende August ist nun nicht mehr viel Zeit, und da Romney sich schon wieder mit Diskussionen über sein Ethos als Steuerzahler konfrontiert sieht, erhöht sein Team die Schlagzahl.

Ein Charismatiker könnte

ihn in den Schatten stellen

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Die meisten Beobachter glauben, dass Romney wartet, bis seine Frau nächste Woche aus London heimkehrt, wo ihr Dressurpferd an den Olympischen Spielen teilnimmt. Er ist aber am Wochenende bereits auf einer Tour durch die Staaten mehrerer aussichtsreicher Bewerber und heizt die Spekulationen nach Kräften an. Es ist die letzte große Gelegenheit, das Image seiner Bewerbung zu gestalten.

Mindestens so wichtig wie der Kontrast zu Amtsinhaber Barack Obama wird sein, wo sich Romney innerhalb seiner Partei positioniert – zwischen Tradition und Tea Party. Daneben zählen eine Menge anderer Kriterien: Ein Kandidat mit außenpolitischer Erfahrung könnte eine von Romneys Flanken schließen. Über Hautfarbe und Geschlecht könnte er versuchen, seine Kampagne für Minderheiten oder Frauen attraktiver zu machen.

Die Herkunft des Vizekandidaten kann in Bundesstaaten die Wahlen entscheiden, die auf der Kippe stehen. Der Senator Marco Rubio etwa könnte helfen, seine Heimat Florida und obendrein Latinos zu gewinnen. Gouverneur Chris Christie würde in New Jersey Stimmen bringen; Paul Ryan, Abgeordneter im Repräsentantenhaus und Autor eines drastischen Sparplanes, all jene ansprechen, die die Ausgaben des Staates beschneiden wollen. Auch Gouverneur Bobby Jindal aus Louisiana hat sich einen Namen als Haushaltssanierer gemacht. Alle vier könnten den konservativen Flügel begeistern und Romneys Kandidatur dynamischer erscheinen lassen. Ein zu charismatischer Wasserträger birgt allerdings das Risiko, den farblos wirkenden Romney in den Schatten zu stellen.

Genauso viele Chancen werden deshalb Aspiranten eingeräumt, die die Mitte ansprechen: mit Erfahrung auf wirtschaftlichem Feld und mit einer Statur, die eine Amtsübernahme als Präsident vorstellbar macht. In diese Gruppe fallen der frühere Gouverneur von Minnesota, Tim Pawlenty, und Senator Rob Portman aus Ohio, einem wichtigen Swing State. Swing States heißen jene Staaten, in denen es keine klare Mehrheit gibt. In den meisten führt derzeit Obama, ein mutiger Akzent täte Romneys Kampagne also gut.

Zu mutig soll er aber auch nicht sein: Vielen Republikanern steckt noch John McCains Pleite in den Knochen, der 2008 die wenig bekannte Sarah Palin aus dem Hut zauberte und anschließend zusehen musste, wie sie von einer Peinlichkeit in die nächste steuerte. Die beiden aussichtsreichsten Frauen auf Romneys Liste, die Gouverneurinnen Nikki Haley (South Carolina) und Susana Martinez (New Mexico), gelten als ausgeschieden.

Der Versuch, darüber hinaus im Kaffeesatz zu lesen, treibt auch seltsame Blüten: Vor Kurzem wies die Webseite Techpresident darauf hin, dass sich der Vizekanditat in der Vergangenheit anhand seines Wikipedia-Eintrages habe vorhersagen lassen – die meisten Bewerberprofile hätten vor der Bekanntgabe von anonymer Hand Änderungen erfahren, das des späteren Siegers jeweils am meisten. Die Einsicht wurde aber wertlos gemacht, als der Komiker Stephen Colbert dazu aufrief, massenhaft Wikipedia zu bearbeiten. Das Internetlexikon hat die englischen Porträts der einschlägigen Kandidaten nun vorerst für Änderungen durch nichtautorisierte Nutzer gesperrt. Eine Entscheidung, die eine Gruppe besonders nervös machen dürfte: die PR-Teams von Romneys potenziellen Begleitern.

Autor: Jens Schmitz