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05. Juli 2012
Rudern
Der Deutschland-Achter trainiert in Breisach: Achter gut, alles gut
Auf dem Rhein bei Breisach und auf den Straßen des Kaiserstuhls trainieren die Ruderer des Deutschland-Achters für ihr Ziel – olympisches Gold in London.
Acht Männer passen in ein Boot – oder auf zwei Bierbänke. Die beiden Bänke biegen sich bedenklich, als die acht Muskelprotze darauf Platz nehmen. Alle sind fast zwei Meter groß, der Bizeps kämpft mit der Naht des T-Shirts. Es sind die besten Ruderer Deutschlands. Es sind intelligente, interessante Individualisten, fast alle studieren neben dem Sport. Aber sie sind auch ein Team, das im Boot, in ihrem Achter, einen gemeinsamen Schlag zustande bringt, der im Wettkampf so präzise und sekundengenau das Wasser peitscht, als tickte in diesen Körpern ein Schweizer Uhrwerk.
Ralf Holtmeyer, ihr Trainer, hat die acht jungen Männer im Achkarrer Hotel "Krone" drei Wochen lang untergebracht, um sie zu quälen. Man könnte jetzt auch von Training sprechen, von der Vorbereitung des Achters auf die Olympischen Sommerspiele von London, die in drei Wochen beginnen. Im Rudern ist das Wort Training aber fast schon eine Beschönigung, eine Untertreibung für das, was die acht Männer vor den Spielen tun.
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bislang unerreicht
Das war aber erst der Anfang. In der "Krone" schaufelten sie ein zweites Frühstück in sich hinein, und dann fuhr der Bus sie wieder zurück zur Breisacher Staustufe. Um 11 Uhr bestiegen sie ein weiteres Mal ihr Boot. Zehn Kilometer rheinauf, zehn rheinab. Macht 40 Kilometer am Tag. Aber der Tag ist dann immer noch jung, und Holtmeyer, ihr Trainer, möchte keine Sekunde davon ungenutzt verstreichen lassen.
Also hat der Diplomsportlehrer, in Ruderkreisen eine Legende, auch noch drei Trainingseinheiten auf dem Fahrrad in den Wochenplan eingestreut. Da setzen sich die muskulösen Riesen auf schmale Rennmaschinen und radeln 70 Kilometer durch Breisgau und Kaiserstuhl. Hinzu kommt natürlich das Krafttraining, bevorzugt mit Langhanteln. "Wir haben unsere Eigenen mitgebracht", sagt Kristof Wilke, der Schlagmann des Bootes vom Ruderclub Undine Radolfzell. Wilke und seine Mannschaft sitzen vor einer Handvoll Journalisten aus Deutschland, die sich an diesem Nachmittag ein Bild davon machen wollen, an welchem Punkt seiner olympischen Mission der Achter, das Paradeboot des DRV, die Prestigemaschine schlechthin, im Augenblick angelangt ist.
Die Männer blicken zurück auf 34 Siege in Serie, eine bislang unerreichte Bestmarke im Rudern, mit der sie sich seit drei Jahren einen Namen gemacht haben in der Welt. Die Serie ist schon so lang, aber sie müsste nun eben um zwei Siege ausgebaut werden. Zwei, nur noch zwei. Den einen am 28. Juli auf der olympischen Ruderstrecke auf dem Dorney Lake in Eton bei London, wenn es darum geht, sich fürs Finale der besten Sechs zu qualifizieren. Und den anderen am 1. August, im Finale – wenn es um das olympische Gold geht, das von ihnen jeder erwartet.
Jeder: zuallererst ihr Verband. Für den DRV ist der Achter eine Art Lebensversicherung. Gewinnt der Achter, fließen Fördergelder, und das Rudern bleibt wenigstens ein bisschen attraktiv für Sponsoren. Aber auch der Deutsche Olympische Sportbund hofft auf einen Erfolg des Holtmeyer-Teams, denn er hat bei den Spielen in London nur ganz wenige Gold-Asse im Ärmel. Die meisten Mannschaften in den Ballsportarten konnten sich gar nicht erst qualifizieren, und die Leichtathleten können zwar auf europäischer Ebene, aber nicht unbedingt auf Weltniveau um Medaillen mitkämpfen.
Doch da ist ja noch der Deutschland-Achter, der seit 1960 dreimal Gold bei Olympia gewann und schon damals in Rom vor fünf Jahrzehnten bei den Spielen einen Mythos begründete, von dem der ganze DRV heute noch zehrt. Achter gut, alles gut, lautet ein Grundsatz im Verband.
Und dafür quälen sich jetzt die besten Acht aus Deutschland. Baden-Württemberg ist stark vertreten. Filip Adamski von der Mannheimer Rudergesellschaft Baden darf seit diesem Jahr wieder im Langboot sitzen. Seine Leistungskurven waren im Wintertraining so überzeugend, dass Trainer Holtmeyer den 29 Jahre alten, angehenden Wirtschaftswissenschaftler zurück ins Boot holte. Maximilian Reinelt rudert mit, Medizinstudent vom Ulmer RC Donau.
Und dann ist da Kristof Wilke, der Schlagmann, der Mann auf der Schlüsselposition. Er ist 27, es sind seine zweiten Olympischen Spiele, die ersten endeten in einem Desaster. 2008 in Peking scheiterte der Deutschland-Achter spektakulär im Hoffnungslauf und verpasste den Sprung ins Finale der besten Sechs. Spötter sprachen von einer olympischen Havarie.
Der Achter sank so tief im Ansehen der Sportfans wie zuletzt 1999, als er sich bei der Weltmeisterschaft im kanadischen St. Katharines gar nicht erst für die Olympischen Spiele in Sydney qualifizieren konnte. Das Debakel von 1999 ist eng mit dem Namen Holtmeyer verbunden.
um Gold gerudert
Gold. Welche Anmaßung. Keiner der Männer in Achkarren spricht heute von Gold, auch Trainer Holtmeyer nicht. "Unser Ziel ist eine Medaille", erklärt er. "Man kann doch nicht einfach sagen, dass wir nur Gold wollen. Wir müssen auch Respekt vor den anderen haben." Vor den Briten zum Beispiel, die auf der Ruderstrecke in Eton alles tun werden, um das Heimrennen in ihrem Nationalsport zu gewinnen. Aber auch Kanada und die USA schicken am 1. August womöglich ein Siegerboot ins Rennen. Es ist völlig ungewiss, wer an diesem Tag die 2000 Meter am schnellsten pullen wird.
Schlagmann Wilke aus Radolfzell formuliert sein Ziel für London jedenfalls sehr bedächtig. "Erst einmal will ich es ins Finale schaffen", sagt er und lächelt ein bisschen bitter: "Das hab’ ich ja 2008 verpasst." Und er fügt an: "Klar liebäugeln wir mit einer Goldenen. Aber erst im Ziel, am Ende der fünfeinhalb Minuten, werden wir sehen, was es geworden ist."
Wilke und der Ulmer Maximilian Reinelt haben schon tausende Stunden auf dem Rhein bei Breisach verbracht, "er ist unsere zweite Heimat", sagt Reinelt, und Wilke erklärt: "In meiner Jugend war ich fast jedes Wochenende hier, und in den Schulferien sowieso." Reinelt schwärmt vom Rhein und von den Straßen rund um den Kaiserstuhl. "Hier kannst du toll auf dem Rennrad unterwegs sein und wirst nicht gleich überfahren wie in unserem Leistungszentrum in Dortmund." Seit mehr als drei Jahrzehnten hält der DRV regelmäßig Trainingslager in Breisach ab. Fast immer holte sich der Deutschland-Achter auf dem Rhein vor der Staustufe den letzten Schliff für Olympia. Die Crew ist dabei so auf ihre Form konzentriert, dass die meisten die Sehenswürdigkeiten der Region nur vom Hörensagen kennen. "Wer sich kulturell weiterbilden möchte, schaut sich vielleicht einmal Colmar an oder das Freiburger Münster", sagt der Mannheimer Adamski. "Aber am liebsten verbringe ich meinen freien Tag im Bett."
Autor: Andreas Strepenick





