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09. August 2012
Rüsten für den österreichischen Kulturschwerpunkt 2013
Bregenz und Vorarlberg rüsten sich mit Holzbaukunst und Neubauten für den österreichischen Kulturschwerpunkt 2013.
"Wenn sie am Auge spielen, sind sie immer angekettet": Die Backstage-Führung der Bregenzer Seebühne rund um den Kolossalkopf für die – von Jacques-Louis Davids Marat-Gemälde inspirierte – Inszenierung von "André Chénier"offenbart allerhand. Absturzgefahr sowie das Theater drum herum. Etwa, dass der Dirigent zum Schlussapplaus "quer durchs Haus rennt" und per Limousine über den hölzernen Steg zur Bühne chauffiert wird, wo er sich verbeugt: "So funktioniert das bei uns." Schließlich spielt das Orchester nicht mehr im Freien. Die Akustik gestört hatten Enten, Wellen, Schiffsverkehr.
Was das Bühnenspektakel in Bregenz behinderte, erfreut auf der Mini-Seebühne vis-à-vis: In Gestalt eines schwimmenden Bootshauses hat sich das Seehotel in Lochau eine Plattform mit direktem Seezugang gegönnt für die Selbstdarstellung wie auch für die Kontemplation seiner Gäste. Von hier aus betrachtet ist der Bodensee für sich schon anbetungswürdige Kulisse genug. Dem ehemaligen Kaiserhotel, bis vor kurzem Kaserne und im Zuge der Uferaufwertung neu interpretiert, wurde mit dem unaufdringlichen Bootshaus – Sundowner-Bar mit Sonnendeck – ein Vorzeigeobjekt der Vorarlberger Holzbaukunst angegliedert.
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Österreich erklärt das Phänomen "Identitätsstiftende Architektur" zum Kulturschwerpunkt des Jahres 2013. Neben der architektonischen Verjüngung von Wien, Graz und Salzburg oder zeitgenössischer Architektur im alpinen Raum beflügelt Vorarlberg das Projekt mit grüner Architektur, Nachhaltigkeits-Knowhow und baukünstlerischem Einfallsreichtum. Industrieller Holzbau und individuelles Handwerk gehen Hand in Hand.
Zu den aktuellen Werbeanstrengungen passt gut, dass die Berg- und Seenlandschaft einen neuen Gipfel bekommt: Im Juni 2013 eröffnet der 33 Millionen Euro teure Neubau des Vorarlberger Landesmuseums. Mit rund 2500 Quadratmetern ist die Nutzfläche fast doppelt so groß wie im alten Museum. Darüber hinaus gilt das Augenmerk – wie beim Kunsthaus Bregenz mit seinem Schindelkleid aus Glas und den lichten Hallen – der Ikonenhaftigkeit. "Der Baukörper wird eigenständig und solitär", so Cukrowicz Nachbaur Architekten. Das Bregenzer Büro begreift die Neupositionierung des Museums als wesentliche Bereicherung des bestehenden Kulturbezirkes. Bis zur Eröffnung steigert Karl-Heinz Ströhles Kunst-am-Bau-Projekt – mit Streifenmuster bedruckte Bauplanen, wie ein Theatervorhang" in Szene gesetzt –, die Spannung.
Bregenz treibt seine städtebauliche Profilierung voran. Einzelbauten "mit individuellen Stimmungen" in die zur Altstadt offene Seelandschaft zu pflanzen, erhöht das kulturtouristische Potential. Die Stadt wird als Städtereiseziel attraktiv. Als erste große Reisefirma nimmt Thomas Cook sie ins Programm. In Kunstkreisen ist sie längst eine feste Größe. Der Kunstverein Magazin 4 für internationale Gegenwartskunst feiert jetzt 20. Geburtstag. Künstler von Jean-Luc Godard bis Olaf Nicolai demonstrieren dort gerade das "Recht auf Verweigerung". Im Kunsthaus ist die erste institutionelle Ausstellung von Ed Ruscha in Österreich zu sehen. Dem Kalifornier folgt Florian Pumhösl, der auch in die Innenraumgestaltung des neuen Landesmuseums eingebunden ist.
"Kunst und Kultur haben die Fähigkeit, regionalen Charakter sichtbar zu machen", sagt Christian Schützinger von Vorarlberg Tourismus, und lobt die gerade abgebaute Hochgebirgsinstallation Horizon Field. "Antony Gormley hat uns als Land ein Stück weit in eine andere Region gehoben bei Fragen nach dem menschlichen Umgang mit der Natur." Glücklos bloß die Privatinitiative für den Verbleib der hundert lebensgroßen gusseisernen Selbstbildnisse. Eine der Figuren wird immerhin noch ein Jahr auf der Kriegeralpe stehen. Unterdessen gibt es Überlegungen, die Modellsammlung vom KUB-Architekten Peter Zumthor, gegenwärtig im "KUB Sammlungsschaufenster" im Postgebäude ausgestellt, dauerhaft zu zeigen. Derzeit entwirft der Schweizer Stararchitekt das Andelsbucher Werkraum-Haus für Ausstellungen und Schulungszwecke. Glasfassaden befördern den Übergang von Innen und Außen, Funktionalität trifft Eleganz. Fertigstellung ist im Frühjahr. Im Rohbau sind im Oktober die Sieger des Gestaltungswettbewerbs Handwerk+Form zu Gast. Vorarlbergs Handwerksszene gilt als designaffin, was auch die Bregenzer Fachtagung VLOW! ausnutzt, die Architektur und Kreativbranche zusammenführt.
Soeben eröffnet wurde der Islamische Friedhof in Altach mit seinen charakteristischen Ornamentfenstern – Sterne im Quadrat. Bernardo Bader übersetzte die muslimische Tradition und Schmuckfreude in geradlinige Formen mit spiritueller Aussage. Den eindrucksvollen Gebetsraum versah die Künstlerin Azra Aksamija mit einem extravaganten Metallvorhang. Bader war auch schon für das Kulturfestival poolbar in Feldkirch tätig, wo das Alte Hallenbad aus den 60er Jahren in Kooperation mit dem Vorarlberger Architekturinstitut alljährlich ein neues architektonisches Kleid bekommt.
Sowohl Vorarlbergs Hauptstadt als auch das Hinterland kennzeichnet Gespür für ausbalancierte Baukunst mit bewusst eingesetzten Materialien, die bei aller Eleganz bodenständig bleibt. Im Schubertiade-Ort Schwarzenberg wurde im 1556 erbauten Kleberhaus das Angelika Kauffmann Museum in heimischer Weißtanne als Raum im Raum realisiert. Im Original erhalten sind noch das Dach und eine Seilwinde im Foyer, das zugleich den Übergang zum Heimatmuseum bildet. Der Ausnahme-Künstlerin selbst, die um 1800 für die barocke Pfarrkirche das Hochaltarbild und Apostelmedaillons gemalt hatte, wurde der Angelika-Kauffmann-Saal gewidmet, ein weiteres Beispiel einer Konstruktion aus heimischen Hölzern: Tanne und Buche. Als Gemeindesaal gebaut und später erweitert, genügt das Gebäude mit offenem Dachstuhl und vorzüglicher Akustik dem Anspruch des Schubert-Festivals. Sogar der Gasthof Hirschen, Eduard Mörikes Sommerfrische, kommt mit Kunst. Darunter ein Werk des Bregenzer Bildhauers Gottfried Bechtold. Das Terrain ist kulturell fruchtbar.
Nur die Art Bodensee in Dornbirn hat mit ihren 5000 Besuchern noch nicht den Schlüssel zum inneren Zirkel der Kunstwelt gefunden. Geschäftsführer Dietmar Stefani will sie nun als Entdeckermesse für Gegenwartskunst positionieren. Dafür bedarf es allerdings jener Weitsicht, die das Vorarlberger Bauen bereits auszeichnet.
Autor: Dorothee Baer-Bogenschütz



