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04. Mai 2009

Überzeugen auf die sanfte Tour

Premiere für das Infoteam am Augustinerplatz: Gemischte Reaktionen des jungen Publikums auf die neuen Spielregeln.

Überzeugungsarbeit statt rigider Verbote: Am Abend des Maifeiertags fiel auf dem Augustinerplatz der Startschuss für das neue Konzept der Stadt. Ein Infoteam drehte seine Runden, um mit einem Flugblatt und mit Worten die jungen Platzbenutzer anzusprechen. Sie sollen Lärm und Müll vermeiden. Die beiden Mitarbeiterinnen, die im Auftrag der Stadt unterwegs waren, zeigten sich positiv überrascht, dass sie auf offene Ohren stießen – obwohl es auch kritische Stimmen gab.

Bei frischen zehn Grad gab es am Freitagabend um 23 Uhr wenig Grund zur Sorge: 60 bis 70 Nachtschwärmer versammelten sich auf dem Platz. Viele hielten das Flugblatt mit dem Titel "Augustinerplatz – ein Platz für alle" in der Hand, das vom Infoteam verteilt worden war. Dieses bildeten bei der Premiere Christiane und Louise. Beide sind 23 und beide wollen ihren Nachnamen lieber nicht nennen. Der Flyer ist ein Versuch der sanften Art, mit festgeschriebenen Spielregeln einen Ausgleich zwischen Anwohnern und Platznutzern zu erreichen. Musikalische und künstlerische Darbietungen sind demnach von 23 Uhr an nicht mehr gestattet. Hinzukommen soll in den nächsten Wochen noch die "Säule der Toleranz", die mit rotem Licht den Beginn der Nachtruhe anzeigen wird.

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Lena (auch sie will ihren vollständigen Namen nicht in der Zeitung lesen) jongliert häufig am Augustinerplatz mit Feuer. Im Vorbeigehen erfährt sie von den neuen Regeln: "Klar wollen die Anwohner ihre Ruhe, aber 23 Uhr ist einfach zu früh." Gerade im Sommer, wenn es erst spät dunkel werde, könnten sie und ihre Freunde gar nicht viel früher mit der Feuershow beginnen. "Eine Stunde länger wäre für uns besser." Stefanie Gerber mag das mediterrane Flair am Augustinerplatz. Für die Anwohner hat sie dennoch Verständnis: "Die Musik ist manchmal schon sehr laut." Hier müsse man auf die Nachbarn Rücksicht nehmen. Über die "Säule der Toleranz" muss sie lachen: "Das ist einfach typisch Deutsch."

"Irgendwo müssen die Leute ja hin", findet Paul Schulte, der von den neuen Spielregeln wenig überzeugt ist und die Ungezwungenheit am Augustinerplatz schätzt. Als Anwohner in der Innenstadt Ruhe zu erwarten, sei utopisch.

Das Infoteam startete selbstbewusst in seinen ersten Arbeitstag. "Die Leute sind sehr offen", sagt Christiane, die gemeinsam mit ihrer Kollegin von 20 Uhr bis Mitternacht am Augustinerplatz die Stellung hielt. Eine besondere Schulung habe sie nicht bekommen, erzählte sie. Bei Problemen könnten sie sich aber an einen Streetworker wenden.

Am Freitag hat das Infoteam rund 100 Flyer verteilt. Eine wirkliche Bewährungsprobe war dieser erste Abend noch nicht – auch weil es für die Musiker wohl zu kühl war. "Aber es war bislang überhaupt auffallend ruhig, auch in den wärmeren Nächten, in denen es voll war", berichtet Anwohnerin Henrike Beck. Sie hofft, dass das Konzept funktioniert. "Ich denke, man muss diesen Weg gehen – wenn es nicht klappt, kann man immer noch strenger durchgreifen".

Nach dem Premierenabend wird das Infoteam künftig jeweils nur noch aus einer Mitarbeiterin bestehen. Ob das reicht, wird man sehen. Am Freitagabend gegen 1 Uhr war der Lärmpegel bei noch etwa 60 "Platzbesetzern" vergleichsweise moderat. Der bekannte Bierverkäufer drehte da noch seine Runden – das Leergut sammelte er wieder ein. Müll gab es trotzdem reichlich – darunter viele der ausgeteilten Flyer, die auf der Augustinerplatztreppe liegen geblieben waren.

Ein Video über den ersten Arbeitstag des Infoteams findet sich im Internet unter http://www.badische-zeitung.de

Autor: Eva Backes und Joachim Röderer