Dokumentartage

Samuel Koch in Basel – ein Schauspieler lässt staunen

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Mo, 20. April 2015 um 19:25 Uhr

Theater

Keine Freiheit. Nur ein Ausweg - ein Ausweg aus dem Gefängnis des gelähmten Körpers: Samuel Koch ist in Basel aufgetreten. Bettina Schulte hat das Kafka-Stück besucht.

Es gibt ein Davor und ein Danach – für Franz Kafkas Figur Rotpeter, der in der Erzählung "Ein Bericht für eine Akademie" das Affesein notgedrungen hinter sich gelassen hat, um Mensch zu werden, wie für den Schauspieler Samuel Koch, der seit einem tragischen Unfall in der Show "Wetten, dass..? " vom Hals abwärts querschnittsgelähmt ist. Beide, wenn man das so sagen und vergleichen kann, haben in aussichtsloser Lage nicht aufgegeben.

Der Affe, der im Auftrag des Zirkus Hagenbeck gefangen genommen wird und in einer engen Kiste übers Meer geschafft wird, sinnt – wie er den "hohen Herren" der Akademie berichtet, auf einen Ausweg aus der Gefangenschaft; Samuel Koch, der aus Efringen-Kirchen stammt und mit seiner waghalsigen Wette hoch hinaus wollte, sucht im Schauspielen einen Ausweg aus dem Gefängnis des gelähmten Körpers.

Koch braucht einen Mitspieler, keinen Rollstuhl

In der von ihm gemeinsam mit seinem Kollegen Robert Lang erdachten und umgesetzten Performance "Bericht für eine Akademie" hat er ihn auf besondere Weise gefunden. Koch braucht keinen Rollstuhl, um der gewesene Affe Rotpeter zu sein. Er braucht seinen Mitspieler, mit dessen Körper er sich verkleben lässt, dass beide zu einer Einheit werden. Dass Robert Lang Samuel Koch trägt, dass er dessen Hände und Arme bewegt wie ein Puppenspieler, vergisst man irgendwann im ehemaligen Kino Roxy in Birsfelden, wo der Abend zum Abschluss des Festivals "It’s the Real Thing" gezeigt wurde, fasziniert und – ja, doch – bezaubert von dieser Idee, dass der eine dem anderen leiht, was diesem fehlt. Und diese Verdopplung der Figur ist ja keineswegs beliebig. Sie ist in Kafkas großartigem ironischen Text mehr als nur angelegt, denn der Mensch entwickelt sich hier nicht aus dem Affen evolutionär heraus, sondern der Affe kippt übergangslos um ins Menschsein: ein absurder, paradoxer Vorgang, der in dem hybriden Doppelwesen auf der Bühne plausibel Gestalt angenommen hat.

Die ohne Regie entstandene Produktion bleibt ganz eng bei Kafkas Text. Die Fassung, die Samuel Koch erarbeitet hat, stellt Passagen um, doch sie fügt kein fremdes Material hinzu. Die Bühne ist dunkel, bis auf ein Spotlight, und leer, bis auf einen Stapel Autoreifen, die Lang und Koch als Sitz und Armstütze dienen. Autoreifen? Natürlich kann man dabei an die Ursache von Kochs Lähmung denken: Er wollte mit Sprungfedern an den Füßen über ein von seinem Vater gesteuertes Auto springen und schlug dabei auf. Die Assoziation drängt sich aber nicht zwangsläufig auf und man verwirft sie auch gern wieder: Die Reifen sind in ihrer Nachgiebigkeit und Instabilität schlicht das passende Sitzmöbel für eine aus den Fugen geratene Existenz.

Performance spielt mit der Ambivalenz

Mit dieser Ambivalenz spielt die Performance – und verweist die Deutung an Auge und Hirn des Betrachters. Wenn Rotpeter zwischen einem konkreten Ausweg aus seiner Situation und dem abstrakten Begriff der Freiheit vehement unterscheidet: "Nein, Freiheit wollte ich nicht. Nur einen Ausweg", dann mag man das unwillkürlich auf das reale Schicksal von Samuel Koch beziehen. Andererseits entwickelt der Abend eine ganz eigene künstlerische Sogkraft: Es ist eben nicht der "Betroffene", der seine Geschichte – wie im Dokumentartheater à la Rimini-Protokoll – auf die Bühne bringt. Sondern die Verwandlung eines Handikaps in Kunst: Und man schaut und staunt über diese beiden Schauspieler in ihrer intimen, nachgerade zärtlichen Symbiose. Und man bewundert die physische Leitung von Robert Lang, der – am Anfang noch unter einer schwarzen Kapuze verborgen – sich im harmonischen Einklang mit Samuel Koch bewegt, als ob das ein ganz Leichtes sei; und es sieht ja auch so aus, tänzerisch, als sei der schmale, bewegungslose Körper des einen in den anderen Körper hineingewachsen. Und man ist hingerissen von Samuel Kochs Fähigkeit, alles in seinen ungemein lebhaften mimischen Ausdruck zu legen, den Rest ja nur imaginieren zu können.

Was für ein Abend. Kafkas Rotpeter hat das Varieté für sich gefunden. Samuel Koch die Schauspielkunst. Man verneigt sich in Hochachtung – und ist dem Kurator Boris Niktin dankbar dafür, dass er diese Produktion eingeladen hat. Das viertägige Festival "It’s the Real Thing" war insgesamt ein großer Erfolg für die ausrichtende Kaserne Basel: Weit über 80 Prozent Auslastung im Durchschnitt, viele Veranstaltungen waren überbucht. Und das Alter des Publikums stach ins Auge: So viele junge Leute auf einem Haufen sieht man im Theater nie. Für den Nachwuchs braucht es Festivals.

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