Interview

SC-Sportdirektor Hartenbach: "Frankreich hat Individualität und Disziplin"

Toni Nachbar

Von Toni Nachbar

So, 15. Juli 2018 um 14:00 Uhr

SC Freiburg

Der Sonntag Der Sportdirektor des SC Freiburg, Klemens Hartenbach, analysiert die Fußball-WM – und spricht über das Ende des Ballbesitz-Fußballs und Löws Zukunft.

Der Sonntag: Die erste Frage an den Fachmann kann nur lauten: Was hat das Turnier in Russland dem Fußball Neues gebracht, Herr Hartenbach?

Klemens Hartenbach: Gravierend Neues habe ich nicht entdeckt. Es hat sich statistisch in zahlreichen Toren niedergeschlagen, dass bei Standardsituationen viel an Details gearbeitet wird. Es hat sich der Trend fortgesetzt, wonach die Teams auf eine gut organisierte Defensive bauen, um aus dieser Stabilität heraus zu versuchen, ihre Einzelkönner ins Spiel zu bringen.

Der Sonntag: Weshalb nun behauptet wird, die Ära des Ballbesitz-Fußballs sei zu Ende.

Klemens Hartenbach: Eine Entwicklung dahin findet ja schon eine Weile statt. Dies hat damit zu tun, dass, wenn du nicht über die allerbesten Spieler verfügst, der Gegner Mittel findet, dein Spiel zu neutralisieren und mit dem schnellen Umschaltspiel zu konterkarieren.
"Man darf nicht in fußballerischer Romantik erstarren." Klemens Hartenbach, Sportdirektor SC Freiburg

Der Sonntag: Wie sollen die Brasilianer – wenn sie gegen Costa Rica spielen – auf den Ballbesitz verzichten?

Klemens Hartenbach: Eben. Deshalb schlagen auch zwei Herzen in meiner Brust: Als gute Mannschaft will man selbstverständlich den Ball haben. Man darf sich selbst und seine Fußball-Philosophie vom schönen Spiel nicht aufgeben. Aber man muss auch auf das Ergebnis schauen und einen Kompromiss finden, um nicht in einer fußballerischen Romantik zu erstarren.

Der Sonntag: Gescheitert sind beim Turnier in Russland die gefeierten Individualisten: Cristiano Ronaldo, Messi und Neymar.

Klemens Hartenbach: Das ist das Problem der Mannschaften, die sich zu sehr auf einen Ausnahmespieler verlassen. Besonders auffallend ist das bei den Portugiesen, die abwartend spielen in der Hoffnung, Ronaldo besitze immer noch einen Pfeil im Köcher. Die Argentinier hingegen haben neben Messi eine ausgesprochen talentierte Mannschaft. Aber besonders beim 0:3 gegen Kroatien wurde offensichtlich, dass ihnen die fußballerische Harmonie fehlt, vieles ist zu unorganisiert, zu wild. Neymar wiederum ist für mich ein Kind, das den fußballbegeisterten Kindern das schlechte Vorbild gibt. Ich weiß nicht, ob er sich darüber im Klaren ist und überhaupt in der Lage, sich zu hinterfragen. Das Gegenteil zu den erwähnten Teams – besonders zu Portugal – sind die Franzosen. Bei ihnen ist ein Mbappé nicht der alles entscheidende Unterschiedsspieler, sondern eine wichtige Option von mehreren.

Der Sonntag: Ist die Équipe Tricolore der logische Finalist und der haushohe Favorit für das heutige Endspiel?

Klemens Hartenbach: Frankreich hat die Mannschaft, die am eindrücklichsten Individualität und Disziplin auf den Platz bringt. Die Franzosen sind sich nicht zu schade, auch mal 40 Meter vor dem eigenen Tor den Gegner aufzunehmen, um so für eine dichtgestaffelte Defensive zu sorgen und ihr Umschaltspiel einzusetzen. Gleichzeitig können sie aber auch Phasen der Dominanz entwickeln und geduldig die Erfolg verheißende Lücke in der gegnerischen Abwehr suchen. Trainer Didier Deschamps hat es geschafft, Individualisten wie Pogba und Griezmann unter einen Hut zu bringen. Mich überrascht positiv mit seinen konstanten Leistungen Blaise Matuidi, ein arbeitender Künstler.
Beinem so großen Turnier müssen nicht die besten elf Fußballer ein Team bilden, sondern die beste Elf. Klemens Hartenbach

Der Sonntag: Wenn man bedenkt, dass bei den Franzosen zwei so exzellente Fußballer wie Florian Thauvin und Ousmane Dembele keinen Platz in der Stammformation finden...

Klemens Hartenbach: Dann erkennt man, über welches Potenzial diese Nationalmannschaft heute verfügt. Aber auch: Bei einem so großen Turnier müssen nicht die besten elf Fußballer ein Team bilden, sondern die beste Elf. Man ist immer versucht zu sagen: Eigentlich müsste doch auch der und der spielen. Dafür spielt aber bei den Franzosen im Sturm ein Olivier Giroud, der bei dieser WM noch kein Tor erzielt hat. Aber mit seiner Spielweise Bälle für die anderen erkämpft und Räume öffnet.


Der Sonntag: Haben wir eigentlich eine gute Weltmeisterschaft erlebt?

Klemens Hartenbach: Nein. Und das beschäftigt mich sehr. Unsere Kinder sitzen vor dem Fernseher und wollen die Modrics, Kroos und Müllers in Bestform sehen. Doch sie können die Belastung, der die Spieler eine Saison lang ausgesetzt sind, noch nicht reflektieren. Und die Spieler können die Erwartungen nicht erfüllen, die in sie von allen Seiten gesetzt werden. Eine WM ist ein absoluter Höhepunkt des Fußballs, ich finde, es ist höchste Zeit, sich zumindest über den aufgeblähten Terminkalender im WM-Jahr Gedanken zu machen. Denn ich hätte mir freiere und spektakulärere Spiele gewünscht, in denen Mannschaften in guter Form bei aller Taktik etwas probieren und riskieren. Mit Frische, Kraft und Inspiration.


Der Sonntag: All das fehlt auch den Kroaten, trotzdem haben sie das Endspiel erreicht.

Klemens Hartenbach: Modric und Kroos haben ähnlich viele Spiele in den Beinen – beide schätze ich sehr. Luka Modric hat es einfach ein wenig mehr geschafft, sich von dem Real-Madrid-Modus zu lösen. Vielleicht ist auch das eine Erklärung: Toni Kroos und einige andere Spieler bei uns waren schon Weltmeister, Luka Modric und die Kroaten noch nicht. Und so verkörpert diese kroatische Mannschaft die Haltung: Wir bleiben dran, wir geben nicht auf, egal was passiert. Ohne die allergrößte spielerische Vehemenz arbeiten die Kroaten unablässig wie Mühlsteine und zermürben so ihre Gegner.

Der Sonntag: Welche Erklärung haben Sie noch für das deutsche Abschneiden in Russland?

Klemens Hartenbach: Ich bin von der deutschen Mannschaft zu weit weg, um tiefgreifende Analysen betreiben zu können. Ich hatte aber zumindest das Gefühl, dass viele Spieler einen nicht zu leichten Rucksack mit sich schleppten. Persönliche Formkurven, Verletzungen im Vorfeld der WM oder der unglückliche sportliche Verlauf bei den Bayern-Spielern führten eben dazu, dass die Rädchen nicht ineinandergriffen. Symptomatisch ist für mich Thomas Müller: Dieser Spieler braucht eine funktionierende, harmonisierende Mannschaft um sich, dann kann er ein absoluter Unterschiedsspieler sein. Die hatten wir nicht.

Der Sonntag: Wie bewerten Sie die Entscheidung des Bundestrainers Joachim Löw, trotz des frühen Aus weiterzumachen?

Klemens Hartenbach: Ich wäre sehr enttäuscht gewesen, hätte er aufgehört, denn ich denke, er und sein Team haben jetzt auch die Verantwortung zu analysieren und danach wieder zu neuen Taten aufzubrechen. Ich bin sicher, dass die richtigen Schlüsse gezogen werden. Dies kann dann in der Folge wieder sehr viel positive Energie freisetzen.

Der Sonntag: Die Nationalmannschafts-Karriere von Mario Gomez, vielleicht auch die von Mesut Özil oder Sami Khedira, neigt sich dem Ende entgegen. Ansonsten aber kann Löw kaum einen radikalen personellen Umbruch vollziehen. Ist das ein Problem?

Klemens Hartenbach: Für mich hat sich, seit Joachim Löw Bundestrainer wurde, unglaublich viel zum Positiven gewandelt. Man hatte bei jedem Länderspiel wieder das Gefühl, die Spieler kommen richtig gerne zur Nationalmannschaft. Das war zuvor nicht immer so und hängt natürlich sehr mit der Qualität des Trainers zusammen. Ich denke, er und sein Team sollten jetzt durch viele Gespräche herausfinden, wie viel die einzelnen Spieler in die Nationalmannschaft investieren können und wollen. Ein "bisschen Nationalmannschaft" geht nicht. Hier spreche ich ausdrücklich nicht nur von den Spielern des jetzigen WM-Kaders.

Der Sonntag: Das klingt nicht pessimistisch.

Klemens Hartenbach: Wir sind 2014 nicht über die individuelle Klasse der Spieler Weltmeister geworden, es konnte aber jeder Spieler an oder sogar über seine Grenze gehen, weil wir als Mannschaft funktionierten, weil wir die Basics auf den Platz gebracht haben. Nur wenn die Spieler es schaffen, diese Haltung zu entwickeln, können wir erfolgreich sein – sonst nicht. Die absolut gehypten Top-Individualisten spielen im Moment in anderen Mannschaften – nicht schlimm. Mit unseren sehr guten Spielern und mit einer Top- Haltung werden wir immer absolut konkurrenzfähig sein. In diesem speziellen Bereich sehe ich aber auch in unserem ganzen Nachwuchssystem noch erheblichen Bedarf – aber dies ist wieder eine andere Geschichte.