Schäppele, Poschenplattler, Viehglocken

Karin Heiß

Von Karin Heiß

Mo, 10. September 2018

Waldkirch

LANDESFESTWOCHENENDE: Beim Brauchtumsabend in der Stadthalle zeigten Vereine den Facettenreichtum des Brauchtums in ganz Baden-Württemberg.

WALDKIRCH. Ein Höhepunkt des Landesfestwochenendes anlässlich der Heimattage in Waldkirch war der Brauchtumsabend am Samstag in der Stadthalle. Organisiert vom Landesverband der Heimat- und Trachtenverbände in Baden-Württemberg wurde hier ein Programm zusammengestellt, das in Musik, Tanz, Gesang, Kunsthandwerk, Mundart und herrlichen Trachten den Facettenreichtum der Brauchtümer aller Regionen widerspiegelte.

Die Stadthalle füllte sich zu dieser besonderen Veranstaltung fast restlos. Unter den Besuchern weilten viele Ehrengäste und Repräsentanten der diversen politischen Ebenen sowie des Landesausschusses Heimatpflege Baden-Württemberg.

Durch den Abend führten mit viel Fachwissen und Humor Gudrun Lorenz und Reinhold Lampater vom Landesverband. Zum Auftakt bezog die baden-württembergische Trachtenjugend mit Tänzerinnen und Tänzern des Landesverbandes die Bühne und versäumte beim Einmarsch nicht, Oberbürgermeister Roman Götzmann und den Vorsitzenden des Landesverbandes, Reinhold Frank, von ihren Plätzen im Publikum zu holen, denn beide hatten beim ersten Tanz aktiv mitzuwirken. Götzmann bemerkte danach: "Wir nehmen langsam Betriebstemperatur am Festwochenende auf". Reinhold Frank dankte dem OB und seinem Team für die hervorragende Organisation der Heimattage in Waldkirch und überreichte ihm als Geschenk ein Trachtenbuch des Landesverbandes.

Mit dem "Stockholm-Schottisch-Tanz" legte die Trachtenjugend dann flottere Schritte aufs Parkett als beim Auftanz. Rebecca Simpfendörfer, die Vorsitzende der Trachtenjugend Baden-Württemberg, berichtete auch, was die Jugend alles unternimmt, damit der Zusammenhalt und die Kameradschaft neben der Liebe zu Trachten und Tanz den Nachwuchs nachhaltig an die Brauchtumspflege bindet. In verschiedenen Formationen wurden dann noch der "Wilhelmsburger Kontra" und ein "Waldecker" präsentiert. Die Moderatoren lieferten immer die Informationen zur Herkunft aller gezeigten Tänze.

Als nächstes wurde von Trachtenträgern, Tänzerinnen und Tänzern der kulturell sehr vielfältige Raum Oberschwaben, Bodensee und württembergisches Allgäu demonstriert. Besonders imposant war der "Poschenplattler" mit sportlichen Schuhplattlereinlagen und Brunftschreien. Beides laut Lorenz ein "reines Imponiergehabe" der Männer, um bei den Frauen Eindruck zu schinden. Das Verhalten zeigte sich aber auch später in der tollen Darbietung der Glottertäler Trachtentanzgruppe, beim "Feldbergrutscher". Die Tänzer hoben am Ende ihre Tanzpartnerinnen hoch und wer sie am längsten stemmen konnte, der bekam einen großen Sonderapplaus und stieg mit seiner bewiesenen Manneskraft sicher in der Gunst des weiblichen Geschlechts. Die Glottertäler Trachtengruppe war eine der Augenweiden dieser Veranstaltung. Die Moderatorin erklärte allerhand zu Schäppele und Strohzylindern, die wie die Hosenträger bei den Männertrachten immer auch Aufschluss über Soziales geben, wie Partnerschaft, Herkunft oder Status in der Gesellschaft.

Unter der Leitung von Anita Ellinger, Leiterin des Fachausschusses Tracht Baden-Württemberg, wurden an diesem Abend im hinteren Teil der Halle ganz rar gewordene Handwerkskunstfertigkeiten vorgeführt, wie Stickereien an Miedern oder die Wickeltechnik bei der Herstellung von Radhauben mit goldenen und silbernen Fäden, Holzschnitzerei oder auch die Herstellung von Plisseeblusen. Auf der Bühne beschrieben die Kunsthandwerker nur kurz ihre Tätigkeiten, weil der Blick über ihre Schulter bei der Arbeit wesentlich effizienter war und sie auch gern alle Fragen beantworteten.

Mit kleinen und großen Glocken, als Stellvertreter für sein altes und junges Vieh, intonierte Heimatmedaillen-Träger Gottfried Rohrer aus St. Peter "Es steht eine Mühle im Schwarzwäldertal" ganz exzellent und brachte dann auch noch in Mundart das bedenkenswerte Gedicht vom "Doktor Wald". Unter der musikalischen Leitung von Hubert Rombach und mit Brigitte Mühl an der Drehorgel bot der Singkreis des Trachten-, Heimat- und Brauchtumsvereins Zweitälerland einige volkstümliche Lieder, bei "Rutsch a bissele näher" lieferte Mühl das Gesangsolo.

Das Publikum wurde selbst wurde aber auch aktiv involviert – bei "Hoch, Badner Land" sangen viele mit und ein Teil (wahrscheinlich der badische) der Gäste stand dabei auch andächtig auf. Und im Finale beim letzten Tanz wurden alle animiert mitzumachen: in einem Kreis rund um alle Tischreihen.