Ohne Schulsozialarbeit geht’s kaum

Ulrich Senf

Von Ulrich Senf

Sa, 23. Juni 2018

Binzen

Schon an der Grundschule haben viele Schüler Sorgen / Svenja Müller legt nach einem halben Jahr ihren ersten Bericht vor.

BINZEN/VORDERES KANDERTAL. Vor einem guten halben Jahr wurde die Schulsozialarbeit an der Grundschule Vorderes Kandertal in Binzen etabliert – der erste Bericht, den Sozialpädagogin Svenja Müller nun vorlegte, gab in Verwaltungsverband Vorderes Kandertal einiges zu diskutieren. Allem voran mussten die Bürgermeister und Gemeinderäte feststellen, dass Probleme mit Kindern immer früher beginnen, in ihrer Dimension zunehmen und Hilfe damit bitter nötig ist.

Sichtlich desillusioniert hatte der Vortrag von Svenja Müller die Räte zurückgelassen, wie die Nachfragen zeigten. Dass viele Probleme, wie etwa Schulverweigerung, Mobbing und Diskriminierung bis hin zum ungezügelten Umgang mit modernen Medien, die man bisher eher in Ballungszentren und entsprechend großen Schulen ansiedelte, auch im scheinbar idyllischen Kandertal angekommen sind, wollten sie zunächst nicht wahrhaben. Am Ende der Diskussion sah sich Verbandsvorsitzende Daniela Meier sogar genötigt, Rektor Reiner Kaiser zu fragen: "Hier läuft doch auch vieles richtig gut, oder nicht?"

Bestätigen konnten Kaiser, dass es sich bei den Problemen in der Regel um Einzelfälle handle. Allerdings sei auch festzustellen, dass diese Probleme immer gravierender würden und entsprechend die Klassengemeinschaft als Ganzes und die Mitschüler im Einzelnen belasteten. Um so mehr freue er sich, dass nun mit Hilfe des Diakonischen Werkes die Lehrer bei ihrer Arbeit Unterstützung erhalten – auf einem Gebiet, in dem sie selbst weder die Zeit, noch die notwendige Qualifikation haben. Über die Netzwerkarbeit der Schulsozialarbeiterin sei es etwas möglich, auch Eltern Hilfe anzubieten, um so der gesamten Familie dauerhaft aus ihren Schwierigkeiten zu helfen.

Die Sorge von Bürgermeister Michael Herr und seinem Amtskollegen Schneucker, ob damit nicht die Eltern insgesamt immer weiter aus der Verantwortung für die Erziehung ihrer Kinder entlassen würden, wollte Svenja Müller so nicht teilen. Das frühe Eingreifen, wie es ihre Arbeit in der Grundschule jetzt möglich mache, können dafür sorgen, dass die Probleme früher erkannt würden. Ihr gehe es in erster Linie darum, mitzuhelfen, dass Eltern diese notwendige Selbstverantwortung erlernen und dann wieder übernehmen könnten, erklärte sie. "Ich will nicht die Eltern entlasten, sondern sie unterstützen, ihre Arbeit in der Erziehung zu bewältigen", fasste sie ihre Sicht zusammen.

"Die Familienmodelle haben sich gewandelt, der Familienverband löst sich zusehends auf, dazu kommt die Mobilität der Eltern und auch die Scheidungsrate – all diese Phänomene sind in der Schule deutlich zu spüren – auch schon bei den Grundschülern", bestätigte Volker Hentschel als Fachbereichsleiter Schulsozialarbeit beim Diakonischen Werk das vorher Gesagte. Mit gezielten Angeboten versuche die Schulsozialarbeit umso mehr, diese Defizite auszugleichen und den Kindern neue Möglichkeiten zu eröffnen, um ihre Sorgen und Konflikte zu bewältigen.

Zwischen den Weihnachts- und den Pfingstferien hat Svenja Müller in der Grundschule 80 Einzelgespräche geführt, wobei elf Kinder mehr als drei Gesprächstermine wahrgenommen hätten, dazu kommen offene Angebote wie etwa die Erstklässlergruppe, die Willkommensgruppe oder die Rangelgruppe.

"Die Schulsozialarbeit ist erfolgreich in der Grundschule angekommen", so Müller. Mit Kummerkästen und Präsenzstunden (Dienstag bis Donnerstag von 9 bis 15 Uhr in Binzen und freitags jeweils in einer der Außenstellen) pflege sie den Kontakt zu den Schülern. "Das hat Anklang gefunden", freut sie sich und will nun die Erfahrungen ausbauen, um so "an den Schräubchen zu drehen und eine optimale Begleitung für die Kinder daraus zu machen".