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24. September 2011

Zum Abschied wird am Sonntag das Handy an einen Baum genagelt

Drei Jahre und einen Tag geht Jan Westermann als Zimmermann auf die Walz / Fernziele sind Norwegen, aber auch Neuseeland und Australien.

  1. Schlaghose, Hut und den Wanderstock, die wird Jan Westermann auf der Walz tragen Foto: PRIVAT

SCHALLBACH (teub). Heute sieht man die "Fremdgeschriebenen" in ihrer traditionellen Kluft nur noch selten, doch ausgestorben ist die Tradition der Walz lange nicht. Auch heute noch gehen junge Handwerkergesellen auf Wanderschaft. Jan Westermann ist einer von ihnen: Am Sonntag beginnt für ihn eine mindestens drei Jahre und einen Tag währende Zeit voller Entbehrungen, von der er sich wertvolle Erfahrungen verspricht.

"So langsam kommt die Nervosität", meint der 21-jährige Zimmermanngeselle Jan Westermann. Das ist auch nur allzu verständlich – denn wenn er am Sonntag traditionsgemäß neben dem Schallbacher Ortsschild eine Flasche Korn vergräbt, sein Handy an einen Baum nagelt und seinen Heimatort zu Fuß verlässt, beginnt für ihn ein völlig neuer Lebensabschnitt. Mindestens drei Jahre und einen Tag wird er sich auf steter Wanderschaft befinden und sich seiner Heimat höchstens auf 50 Kilometer nähern dürfen. Viel Gepäck wird er in dieser Zeit nicht dabei haben: Neben der aus Schlaghose, Hut, Hemd, Chilet und Jacke bestehenden, für Zimmermanngesellen typischen Kluft mit einem Wanderstock, dem sogenannten "Stenz", wird er lediglich ein Bündel mit Arbeitshosen und frischer Unterwäsche mitnehmen.

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Wohin es Jan Westermann auf seiner Wanderschaft verschlagen wird, kann er selbst noch nicht genau sagen. Lediglich für den Beginn hat er schon einen Plan. Sein Weg führt ihn zunächst nach Augsburg, wo er für zwei Wochen Arbeit haben wird. Wohin es ihn anschließend führt, wird sich dann vor Ort ergeben. Ganz frei ist er bei der Entscheidung über das nächste Ziel zumindest im ersten Jahr aber nicht. Denn da muss er dem Brauch entsprechend im deutschsprachigen Raum bleiben und darf nur zu Fuß oder per Anhalter reisen. Ab dem zweiten Jahr steht es Westermann dann aber offen, auch ins Ausland zu reisen. "Zu Beginn des zweiten Jahres möchte ich dann recht bald nach Dänemark und Norwegen reisen." Neuseeland und Australien könne er sich ebenfalls gut vorstellen.

Auf die Idee, auf Walz zu gehen, haben ihn sein Stiefvater und sein Onkel gebracht, die beide selbst auf Wanderschaft gewesen sind. Die heute bei Gesellen eher weniger verbreitete Entscheidung für die Wanderjahre hat er aber aus freien Stücken getroffen. Denn von der Wanderschaft verspricht er sich viele wertvolle Erfahrungen, weshalb auch die Vorfreude trotz der mit der Walz verbundenen großen Ungewissheit und der vielen Menschen, die er für lange Zeit zurücklässt, überwiegt.

"Ich denke, dass ich viel für meinen Beruf dazulernen kann, wenn ich mitbekomme, wie an anderen Orten gearbeitet wird", betont Westermann. Ebenso wolle er die Zeit nutzen, um Einiges von der Welt zu sehen und viele Menschen kennenzulernen.

Autor: teub