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08. Juni 2010

Carmina Burana: „Chramer gip die varwe mir“

Rund 100 Sängerinnen und Sänger führen am Wochenende in Mengen die "Carmina Burana" von Carl Orff auf / Ein Probenbesuch.

  1. Seit Wochen wird kräftig geprobt, damit die Aufführung am Wochenende ein großer Erfolg wird. Foto: Silvia Faller

SCHALLSTADT-MENGEN. Rund 100 Sängerinnen und Sänger proben seit Monaten für ein großes Ereignis: Am 12. und 13. Juni führt der Gemischte Chor Mengen zusammen mit seinem Kinderchor, dem Schallstadter Kinderchor "Peperonis", dem Männerchor Opfingen und dem Ebringer Frauenchor "Sonidos" das 1937 uraufgeführte Werk "Carmina Burana" von Carl Orff auf. Und zwar die von Orff autorisierte Fassung für Solisten, gemischten Chor, Kinderchor, zwei Klaviere und Schlagzeug. Die Gesamtleitung hat Michael Meier inne, der seit 2003 den Mengener Chor dirigiert.

Hinter ihm und den rund 100 kleinen und großen Sängerinnen und Sängern liegt eine monatelange, intensive Probenarbeit. Nun aber fiebern alle der Aufführung entgegen und freuen sich an diesem fulminanten Gemeinschaftswerk teilzuhaben. Und nach dem, was in einer der letzten Proben aus den Männerkehlen zu hören ist, können sich auch die potenziellen Konzertbesucher freuen. Denn klanglich, melodisch, rhythmisch und auch inhaltlich ist das bekannteste Werk des 1982 verstorbenen Carl Orff etwas ganz besonderes. Das finden auch Johanna (10) und Paula (7) Fink aus dem Kinderchor Mengen. "Die Lieder klingen so erstaunlich. So ganz anders als andere Lieder", sagt Johanna.

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In der Probe mit den Männern arbeitet Michael Meier an den Details, etwa beim Lied "Chramer gip die varwe mir", was aus dem mittelhochdeutschen übersetzt "Krämer, gibt mir die Farbe" heißt. Anstelle der Sopranstimmen singt Meier "… der minnenliebe noete", und signalisiert den Sängern, auf die letzte Silbe des Verses mit ihren jeweiligen Tönen einzusetzen, deren Zusammenklang einen G-Dur-Akkord ergibt, der allerdings mit akkordfremden Tönen angereichert ist. Noch nicht zufrieden, reißt der Dirigent ab. "Offenbar ist noch nicht klar, wer welchen Ton singt. Wir fangen mit den Bässen an und die anderen folgen", fordert er die Sänger auf und dann klappt es auch.

Dieses Lied erzähle von der sehnsuchtsvollen Vorfreude einer Frau auf ein Treffen mit ihrem Liebsten. Diese Stimmung solle sich im Gesang ausdrücken. Auch bei der dritten Strophe des Liedes "Olim lacus colueram", was aus dem Lateinischen übersetzt "Einst schwamm ich auf dem See" heißt, geht es um solche Feinheiten. Die Stelle handelt von einem Schwan, der am Spieß über dem Feuer gedreht wird und singt: "Miser, miser! Modo niger et usus foriter!" oder: "Armer, armer! Nun so schwarz und so arg verbrannt!". "Das karikatureske, das ironisch-schauerliche dieser Situation muss zum Ausdruck kommen", erklärt Michael Meier.

Er selbst ist begeistert von dieser Musik, mit der Carl Orff eine Sammlung von Liedern in mittelhochdeutscher, altfranzösischer und lateinischer Sprache vertont hat und die zu den bedeutendsten Chorwerken des 20. Jahrhunderts zählt. Sie entstammen der mittelalterlichen Handschrift Codex buranus, die wahrscheinlich um 1230 am Hofe des Bischofs von Seckau in der Steiermark entstanden ist und sich heute in der Bayrischen Staatsbibliothek in München befindet.

119 Blätter mit 254 Einzelstücken

Die 119 Blätter mit 254 Einzelstücken gelten als bedeutendes Beispiel der so genannten Vagantendichtung. Vaganten waren fahrende Scholaren. Sie zogen durch ganz Europa, bettelten, sangen und dichteten über die Launenhaftigkeit des Glücks, die Schönheit der Natur, über die Liebe und die Wollust sowie über Becher- und Spielfreuden. Ob sich jene Männer hätten vorstellen können, dass ihre Werke viele hundert Jahre noch immer Begeisterung auslösen? Wohl kaum.

Gern hat Michael Meier vor zwei Jahren den Vorschlag des Vereinsvorstands aufgegriffen, die "Carmina Burana" in Mengen aufzuführen. 1993 hatte der Gemischte Chor das Stück schon einmal gesungen, nun aber weitere Chöre zum Mitsingen eingeladen und rund 25 Sängerinnen und Sänger aus dem Ort und der Umgebung als Projektteilnehmer gewinnen können. "Um jüngere Leute für den Chorgesang zu begeistern", erklärt die Vorsitzende Elke Rupp, "aber auch, um uns selbst das Erlebnis zu ermöglichen, dieses Werk wieder einmal zu singen."

Das war auch der Grund, warum der Chor "Sonidos" vom Musischen Zentrum die Einladung angenommen hat. Unter ihnen ist Daria Aussem (Sopran), die Teile der "Carmina Burana" einst als Schülerin kennen gelernt hatte und nun glücklich ist, es in seiner Gesamtheit zu erleben. "Abgesehen davon haben wir uns gesanglich weiter entwickelt", sagt sie. Angesichts der melodischen, rhythmischen und klanglichen Herausforderung, die die Komposition für Sänger darstellt, vollzieht sich das unwillkürlich.

"Die einzelnen Lieder sind zwar eingängig und manche Motive in ihrem melodischen Aufbau sogar recht simpel, die Schwierigkeit aber liegt im plötzlichen Wechsel von Rhythmus, Tonhöhe oder Tempo", sagt "Sonidos"-Dirigent Florian Schmid. Diese Wechselhaftigkeit ist typisch für Carl Orff.

Die Aufführung der "Carmina Burana" findet am Samstag, 12. Juni, 20 Uhr, und am Sonntag, 13. Juni,18 Uhr, in der Festhalle Mengen statt. Solisten sind Tania Bernhard (Sopran), Werner Baumgartner (Bariton) und Akeo Hasegawa (Tenor). Begleitet wird der Chor von Yasuko Hirano und Alfonso Gómez am Klavier sowie von einem Schlagzeugensemble.

Autor: Silvia Faller