Nachbars Garten in neuem Licht

Julius Steckmeister

Von Julius Steckmeister

Mi, 08. August 2012

Schallstadt

Etliche Mengener Bürger haben für die Kunst-Performance "BLiM" ihre Höfe, Garagen oder Scheunen zur Verfügung gestellt.

SCHALLSTADT-MENGEN. Über dem Bambuswald am Mengener Ortseingang ist ein hell beleuchtetes U-Boot gestrandet. Ein Carport hat sich in eine voll besetzte Gaststätte verwandelt, in der sich bei Kerzenschein die Lebenswege allerlei skurriler Gestalten kreuzen. An einem Garagentor flimmert ein "Schulungsvideo" und Häuser haben plötzlich Augen. Schnell wird klar, dass man sich auf keinem gewöhnlichen, nächtlichen Dorfspaziergang befindet. Es ist die Nacht von BLiM, dem Bilderlaufen in Mengen.

Mit Bambutopia und dem Kulturverein Mengen sind vor drei Jahren unabhängig voneinander zwei Vereine entstanden, die sich die Förderung von Kunst und Kultur auf dem Lande zur Aufgabe gemacht haben. Und es dauerte nur rund ein Jahr, bis die beiden ambitionierten Gruppen ein erstes gemeinsames Projekt auf die Beine stellten, das nebenbei auch die "Vereinsräume", die Scheune des Kulturvereins in der Stollenstraße und den Skulpturengarten von Bambutopia am Ortsausgang Richtung Munzingen, miteinander verbindet: Das Bilderlaufen in Mengen (BLiM) war geboren. "Kunst als Bindeglied" fasst denn auch Daniel Kuttner von Bambutopia die Grundidee hinter dem etwas anderen Dorfrundgang zusammen, der im Jahr 2010 zum ersten Mal Teile des kleinen Örtchens in eine nächtliche Kunstausstellung verwandelt hat. "Es geht darum, den eigenen Heimatort zu erkunden und völlig neu zu entdecken", sagt Kuttner, der selbst Bildhauer ist, über den Charakter von BLiM, das eben weit mehr als eine Kunstausstellung im öffentlichen Raum ist. Außerdem besteht bei den nächtlichen Besuchen in Nachbars Garten für Einwohner die Möglichkeit, die Nachbarn auf ganz außergewöhnliche Weise kennen zu lernen.

Für Ortsfremde hingegen bietet der Rundweg mit insgesamt 19 Stationen die von Videoinstallationen über Skulpturen bis zum Impro-Theater reichen, die Möglichkeit, Kunst und Dorf in einem jeweils anderen Kontext zu erfahren. "Die Reaktionen auf das erste Bilderlaufen im Ort waren durchweg positiv", freut sich Daniel Kuttner. Und deshalb haben auch in diesem Jahr etliche Mengener Bürger ihre Höfe, Garagen oder Scheunen für eine der Performances entlang des Rundweges zur Verfügung gestellt. Für fünf Euro Eintritt bekommt jeder Besucher einen Wegeplan mit den einzelnen Stationen und ein Leuchtarmband, damit er im Dunkel des Dörfchens nicht verloren geht. Wie die teilnehmenden Künstler thematisch nicht eingeschränkt sind, steht es auch dem Besucher von BLiM offen, wie er die magischen Momente entlang der dunklen Sträßchen erleben möchte. Die Stationen nacheinander und in der Gruppe oder durcheinander und allein. Die einzige Spielregel ist, so Trickfilmkünstler Markus Beitz vom Kulturverein, dass "der Parcours durch die Straßen nur funktioniert, wenn es richtig dunkel ist."

Also warten rund 50 Leute vor und in der Scheune an der Stollenstraße auf die Finsternis, bevor sie sich gegen 21.30 Uhr auf den Weg machen. Schon am Ausgang bleiben etliche an Markus Beitz’ Trickfilm "Neugeboren" hängen. Rechts herum warten weitere Videofilme, links herum schaut einen ein Gebäude aus riesigen, lebendigen Monitoraugen an. Unter einer Brücke gurgelt nicht nur Wasser, sondern erstrahlt ein magisches grünes Licht, in dem sich eine Tonne endlos im Wasserstrudel dreht.

Das Improvisationstheater "Spontan Brutal" hat in einem Carport eine Spelunke eingerichtet, in der "20160 Möglichkeiten" durchgespielt werden, denn die Zuschauer haben über ein Handy die Möglichkeit, in der "Kneipe" anzurufen und den Figuren so immer neue Handlungsimpulse zu geben. Besuch aus dem Weltall gibt es in einer Scheune, wo man beim Blick auf das "Bärussell" gehaltvolle Pluto-Bowle genießen kann. Lampionbeleuchtet ist der Weg in den Bambusgarten von Bambutopia. Hier finden sich nicht nur weitere Installationen, sondern auch eine Bar mit Erfrischungen und stärkender Suppe. Schade nur, dass der einsetzende Regen etliche Besucher vor der Zeit vertrieben hat und das große Abschlussfest im Bambusgarten vor kleinem Publikum stattfindet. Fest steht jedoch trotz Wetterwidrigkeiten, dass es 2013 wieder ein Bilderlaufen in Mengen geben wird, das sich weder Ortsansässige noch Gäste entgehen lassen sollten.