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30. Juni 2015

Tempo 30 macht’s möglich

Die Bürgerinitiative "L 125 Voraus" in Schallstadt demontiert Tafeln / Entlastung in der Gemeinde spürbar / Neues Konzept im Juli.

  1. Das Ende des sichtbaren Protests: Die Bürgerinitiative „L125 Voraus“ baut ihre Tafeln ab. Foto: Julius Steckmeister

  2. Weg vom Straßenrand, rauf auf den Laster. Foto: Julius Wilhelm Steckmeister

SCHALLSTADT. Seit knapp zehn Jahren standen sie neben der L 125 und der K 4980 an den jeweiligen Ortseingängen von Schallstadt: die Tafeln der Bürgerinitiative "L 125 Voraus", die den Vorbeifahrenden die Ziele der BI deutlich machen sollten. Keine Ortsumfahrung für Schallstadt und Norsingen, dafür aber Tempo 30 in den Ortsdurchfahrten, keine "Ausnahme-Tonnagebegrenzung" auf der L 125 sowie eine sinnvolle Lenkung des Fernlastverkehrs auf die Autobahn, lauten die Kernforderungen. Nun ist Tempo 30 da – und die Schilder sind weg.

Die Kettensäge rattert und trennt die Holzbalken durch, die die mehrere Quadratmeter große Tafel mit einem Anhänger verbunden haben, der nun ganz nackt an der L 125 auf Höhe der Abzweigung nach Ebringen zurückbleibt. Die Tafel entschwebt derweil am Greifarm eines großen Traktors. Zwei Tage drauf feiert die BI ihr Sommerfest und ein bisschen auch sich selbst. Vor Überschwang allerdings warnt der Vorsitzende der vereinsmäßig organisierten BI, Christian Hipp. "Offiziell ist der runde Tisch Verkehrskonzept Batzenberg noch nicht abgeschlossen. Erst die Auswertung der Zahlen im kommenden Jahr wird zeigen, wie es weiter geht", mahnt Hipp.

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Die Geschichte eines Verkehrskonzepts für den Batzenberg reicht weit über 50 Jahre zurück, als Ende der 50er Jahre zunächst überlegt wurde, die B 3 zwischen Freiburg und Bad Krozingen ins Hexental zu verlegen. Denn hier, so die Begründung, liege die Straße anbindungsfrei, das heißt, sie verläuft neben den Ortschaften. "Das war Konsens bis Mitte der 80er Jahre", so BI-Gründungsmitglied Gisela Bücking. Aber im Schneckental regte sich Protest. Daraufhin wurde eine neue Planung in Auftrag gegeben, an deren Ende der Ausbau der bestehenden B 3 mit Ortsumfahrungen für Schallstadt sowie Norsingen, die sogenannte Schlingenlösung stand, deren Baukosten auf rund 45 Millionen Euro geschätzt wurden.

Im Anschluss an die Offenlage dieser Pläne im April 2005 gründete sich auch die BI. "Wir sind ein Kuriosum, das es in ganz Deutschland nicht gibt", sagt Hipp, "eine Gemeinde, in der sich die große Mehrheit der Bürger gegen eine Ortsumfahrung ausspricht." Warum das seiner Ansicht nach so ist, fasst Hipp zusammen: Die Umfahrung liege in vielen Abschnitten nur etwa 50 Meter parallel zur bestehenden Straße, noch dazu erhöht entlang des Batzenberges. "Es wäre ein Lärmteppich im ganzen Ort", sagt Hipp. "Außerdem ziehen neue Straßen neuen Verkehr an, und die Schlinge um Norsingen wurde aus Kostengründen ohnehin gestrichen", ergänzt er.

1987 wurde die vierspurige Ortsumfahrung St. Georgen fertiggestellt. Diese endet direkt am Ortseingang von Schallstadt. Im Ort bildeten sich bald Staus, insbesondere an der Abzweigung ins Schneckental, so dass der Durchstich des Bahndamms für eine außerörtliche Anbindung der B 3 an die L 125 schließlich unausweichlich und 1992 fertiggestellt wurde. 2005 schließlich wurde die L 125 saniert und ausgebaut, jedoch zeitgleich eine Tonnagebegrenzung auf 7,5 Tonnen verhängt. Der Beibehalt des Fahrverbots für Schwerlastverkehr war auch Bestandteil der 2014 gefundenen Kompromisslösung, die letztlich zur Einrichtung von Tempo 30 in den Ortsdurchfahrten von Schallstadt-Wolfenweiler und Norsingen geführt hat.

"Die L 125 ist anbindungsfrei und sowohl vom Ausbauzustand als auch vom Lärmschutz auf bis zu 2000 Lkw und 20 000 Pkw ausgerichtet", sagt Christian Hipp. Die Brücke über die Eisenbahn am südlichen Ortsausgang hingegen sei marode, und müsse, auch aufgrund der schweren Laster, bald aufwendig saniert werden. Widersinnig, wo doch parallel eine ertüchtigte Straße verläuft, finden die BI-Mitglieder. Allerdings machen sie auch deutlich, dass es ihnen nicht darum gehe, den Schwarzen Peter hin und her zu schieben. "Was wir wollen, ist Gleichbehandlung", betont Hipp, und das heißt: keine Tonnagebegrenzung auf den Nord-Süd-Achsen L 125 und B 3 oder eben auf beiden Straßen. Aber eine Tonnagebegrenzung für eine Bundesstraße durchzusetzen, sei eben schwer. Tempo 30 allerdings sei, hier ist man sich einig, eine enorme Entlastung für den Ort.

"Die Meinung ist einhellig positiv", bestätigt auch Bürgermeister Jörg Czybulka. Die Lärmemission habe deutlich abgenommen. Die Möglichkeiten, auf die Straße aufzufahren oder diese zu überqueren, hätten sich signifikant verbessert. Zufrieden ist Czybulka auch mit dem Fahrverhalten der meisten Kraftfahrer, die sich größtenteils an die Geschwindigkeitsbegrenzung hielten. "Und von der WG bis zur Eisenbahnbrücke verliert der Autofahrer ganze 90 Sekunden", so Czybulka über das oft verzerrte Zeitgefühl in Tempo-30-Zonen.

Noch im Juli soll zudem ein komplettes Verkehrskonzept für Schallstadt vorgestellt werden, das Umgestaltungen wie Querungshilfen, Kreisverkehranlagen, Fahrradschutzstreifen und Bushaltebuchten beinhaltet, kündigt Czybulka an. Eine Bestandsaufnahme der Veränderungen durch das Tempolimit rund um den Batzenberg erfolgt dann im Sommer kommenden Jahres.

INFO: Verkehrsverlagerung

Mit Tempo 30 seit August 2014:

B 3 in Schallstadt durchschnittlich 8376 Kfz täglich (minus 6,7 Prozent im Vergleich zu 2013)

L 125 in Pfaffenweiler durchschnittlich 16 250 Kfz täglich (plus 6,3 Prozent im Vergleich zu 2013)

Erstes Quartal 2015:

B 3 in Schallstadt durchschnittlich 7570 Kfz täglich (minus 13,6 Prozent)

L125 in Pfaffenweiler durchschnittlich 16 724 Kfz täglich (plus 8,4 Prozent)

Im Schnitt finden drei bis vier Mal im Monat in der Basler Straße Geschwindigkeitsmessungen statt, von Januar bis Juni 2015 wurden 27 734 Fahrzeuge gemessen und davon 1064 beanstandet. Die höchste gemessene Geschwindigkeit lag bei 62 Stundenkilometern.

Quelle: Straßenverkehrszentrale Baden-Württemberg und LRA Freiburg  

Autor: just

Autor: Julius Steckmeister