125 Schuss bis zum Erfolg

Jakob Schönhagen

Von Jakob Schönhagen

Mi, 29. August 2018

Schießen

Die Wurftaubenschützen Hochrhein Wehr zählen in ihrem Metier bundesweit zu den erfolgreichsten Vereinen / Erneut Medaillen bei der deutschen Meisterschaft.

SPORTSCHIESSEN. Wer mit Benedikt Messmer über Wurftaubenschießen sprechen will, darf nicht an Zeit sparen. Erklärt, sinniert oder philosophiert der 54-jährige Landeskadertrainer des Südbadischen Schützenverbandes (SBSV) über seine Leidenschaft, sprengt das jedes zeitliche Korsett. Kein Wunder. Der gelernte Kfz-Meister kann auf eine bewegte Schieß-Laufbahn zurückblicken. "Seit dem ersten Schuss bin ich infiziert", erzählt Messmer über seine ersten Versuche in Bräunlingen. 2010 und 2011 wurde er mit seinem Stammverein deutscher Vizemeister, 2012 krönte er die Karriere mit dem deutschen Meistertitel. Als Landeskadertrainer leitet er mehrere Einheiten bei den Wurftaubenschützen (WTS) Hochrhein Wehr. Bei der DM in München am Sonntag und Montag waren sie "auch dieses Jahr die Hoffnungsträger des Vereins", sagt Messmer.

Wurftaubenschießen ist landläufig bekannt als Tontaubenschießen. Messmer hat den Sport in seine intellektuellen Einzelteile zerlegt. Konzentration, Intervention, Reaktion – die Gleichung des Landeskadertrainers für einen erfolgreichen Wurftaubenschützen. "Schussbilder müssen sich einschleifen, Reflexe standardisiert werden. Bis ins Unterbewusstsein", beschreibt Messmer. "Einem Anfänger erklärt man die Grundlagen: die Art zu stehen, wie man die Scheibe mit dem Gewehr aufnimmt." Steigt das Niveau, steigt die Individualität: "Wie beim Tanzen: Die Grundschritte sind gegeben, aber die Ausführung wird immer individueller."

Pro Durchgang wird auf 25 Wurfscheiben geschossen. Auf ein akustisches Signal hin – die Intervention – folgt der Abwurf der Scheibe, die unangekündigt in drei Richtungen fliegen kann: In der Summe fünf gerade, zehn nach links und zehn nach rechts pro Durchgang. Die Reaktion: Abgefeuert wird von fünf verschiedenen Stationen, die drei Meter von einander entfernt sind und durchgewechselt werden. Jeweils in einer Rotte von sechs Schützen, so dass eine Warteposition entsteht. Ein gesamter Wettkampf besteht aus 125 Schüssen (sechs Durchgänge), die auf zwei Tage verteilt stattfinden. "Die besten Schützen treffen bis zu 123, 124 Mal", konstatiert Messmer.

Was beeindruckend ist: Denn der Wurfgraben ist 15 Meter vom Schützen entfernt. Und die Ziele verlassen den "Bunkerwurfgraben" mit einer Geschwindigkeit von 100 Stundenkilometern. "Man muss dann so schnell wie möglich die Scheibe aufnehmen, man versucht, sie nach 35 Metern Flug zu treffen", erklärt der Schussexperte, "man hat also zwischen 0,6 und 0,7 Sekunden Zeit zwischen Abruf und Schuss."

Sehr erfolgreich füllen sie diese kurze Zeitspanne bei den WTS Hochrhein Wehr. 2017 wurde das Juniorenteam Vizemeister, Hannes Genter holte im Einzel den Titel. 2015 war Wehr der erfolgreichste Verein Deutschlands, am Hochrhein hat sich ein Mekka des Wurftaubenschießens entwickelt. Mittendrin: Frank Walde. Der Sportwart der WTS hat vor einem Jahr ein großes Erbe angetreten – von Ralf Eckert, der mittlerweile in Australien weilt. "Ein hervorragender Typ Mensch", wie Walde betont, "er hat den Verein und den Sport hier aufgebaut." Der frühere Landeskaderreferent initiierte einst die Jugendarbeit des Verbands und die des Vereins. Gemeinsam mit Wurftaubenschießen-Experte Messmer. Und gilt somit als gedanklicher Begründer der höchst erfolgreichen Enklave.

Besonders macht den WTS, dass er seine Schützen auch finanziell unterstützt. Und auf die Jugendarbeit setzt. Eine Sparte, die in der Exoten-Sportart oft nur stiefmütterlich behandelt wird. "Und wir sind ein relativ billiger Stand", erklärt Walde, der bei der DM seinen Sohn Maximilian unterstützt und selbst als Auffüllschütze antritt. Was heißt, dass er die Warteposition in diversen Rotten übernimmt. Pro Durchgang müssen Schützen in Wehr 3,50 Euro zahlen. Ein Schnäppchen quasi, das nur noch um Munitionskosten wächst. Dabei ist so ein Stand eine teure Sache. Allein die Abfangplane für den Schrott und die Scheiben kostet 80 000 bis 90 000 Euro. "Die Kosten für die Anlage, die wir gerade renovieren, befinden sich im sechsstelligen Bereich", so Walde.

Doch der Aufwand lohnt: Bei der DM traten wieder acht Wehrer Wurftaubenschützen an. Ein Titel sprang nicht heraus, aber unter mehreren Top-Zehn-Platzierungen zwei Bronzemedaillen: Cornelia Schwald-Bumblat (102 Treffer) erreichte den dritten Rang bei den Frauen III, wie auch mit dem Frauenteam mit Alexandra (82) und Diana Genter (102).

Weitere DM-Platzierungen, Frauen: 7. Diana Genter; 11. Alexandra Genter. Männer: 23. Julius Riehm. Männer II: 7. Volker Katzer. Junioren I: 7. Dominik Stratz, 15. Maximilian Walde. Junioren II: 6. Hannes Genter. Juniorenmannschaft: 5. Hannes Genter, Dominik Stratz, Maximilian Walde (alle WTS).