"Es ist wie eine Sucht"

Hannes Selz

Von Hannes Selz

Fr, 17. August 2018

Schießen

Die Bogenschützin Ute Rapp startet für die SG Zell im Einzel und im Team bei der deutschen Meisterschaft in Wiesbaden / Der Zufall brachte Rapp zu Pfeil und Bogen.

BOGENSCHIESSEN. Ute Rapp tritt an die Schusslinie. Sie blendet alles um sich herum aus. Es geht nicht mehr darum, was sie im Alltag noch alles erledigen muss. Es gibt nur noch sie, ihren Bogen, den Pfeil und die Zielscheibe. Rapp atmet tief durch. Dann hält sie die Luft an, zielt und löst ihre Finger von der gespannten Bogensehne. Die Spannung überträgt sich blitzartig auf den Pfeil, der mit einer Geschwindigkeit von über 150 km/h in Richtung Zielscheibe zischt.

Seit mittlerweile neun Jahren spannt die 51-Jährige den Recurve-Bogen, mit dem auch bei den Olympischen Spielen geschossen wird. Als Christian, ihr jüngster von drei Söhnen, bei einem Kinderfreizeitprogramm mitschoss, nahm Rapp zum ersten Mal und eher zufällig einen Bogen in die Hand. "Der Trainer fragte mich, ob ich nicht auch einmal Lust hätte, zu schießen", erzählt Rapp. Sie hatte Lust. Und schnell entwickelte sie eine Leidenschaft für die Sportart, denn "wenn man einmal damit anfängt, ist es wie eine Sucht".

Mit dem Regionalligisten SG Zell qualifizierte sich Rapp – mit ihren Teamkolleginnen Elisabeth Keßler und Karin Schinken – für die deutsche Meisterschaft, die von Freitag bis Sonntag in Wiesbaden ausgetragen wird. Dort geht sie auch im Einzel an den Start, da alle Mitglieder der qualifizierten Teams automatisch auch für den Einzelwettbewerb qualifiziert sind. Zum ersten Mal startet die Augenoptikerin bei der DM im Freien in der Frauenklasse, in der die Besten gegeneinander antreten und aus der Olympischen Distanz von 70 Metern geschossen wird.

Ihren wohl größten Erfolg in dieser Altersklasse feierte Rapp bei der Hallen-DM im März 2016. Im hohen Norden in Bad Segeberg wurde sie damals Zweite. "Man muss ehrlich sagen, dass die Kaderschützen, die Elite im deutschen Schießsport, in der Halle oft nicht dabei sind. Zudem habe ich damals das Turnier meines Lebens geschossen. Vielleicht haben die anderen mich auch unterschätzt", sagt Rapp, die trotz ihrer Erfolgserlebnisse auf dem Boden geblieben ist: "Im Einzelwettbewerb werde ich am Wochenende keine Chance haben, ins Finale der besten 16 einzuziehen. Die Kaderathleten, die in Wiesbaden dabei sind, schießen auf einem ganz anderen Niveau als ich." So geht am Wochenende neben den Breitensportlern unter anderem auch Lisa Unruh, die olympische Silbermedaillengewinnerin von 2016, an den Start. Von der SG Zell hat lediglich Keßler berechtigte Chancen auf einen Platz im Finale. "Ich bin momentan gut drauf. Ich denke, das Finale sollte machbar sein", sagt Keßler.

Der Fokus von Ute Rapp liegt dagegen auf dem Mannschaftswettbewerb. "Wir haben uns geradeso als letztes von fünf Teams qualifiziert. Der vierte Platz wäre schon toll", betont Rapp. Die Hausenerin kommt ursprünglich vom Turnen und ist seit knapp 17 Jahren beim ortsansässigen Turnverein als Übungsleiterin tätig. Nach so vielen Jahren in der Halle zog es Rapp geradezu ins Freie: "Es ist schön, draußen an der frischen Luft zu schießen. Außerdem kann ich diese Sportart auch noch ausüben, wenn ich 70 bin, solange meine Schulter mitspielt."

Die größte Herausforderung beim Bogenschießen sei die Konstanz: "Zu Beginn der Saison lief es bei mir sehr gut. Bei der Landesmeisterschaft, die für die Qualifikation zur deutschen Meisterschaft ausschlaggebend war, habe ich dann aber schlecht geschossen und daher kann ich mich bei meinen Teamkolleginnen bedanken, dass ich jetzt in Wiesbaden dabei sein darf." Da beim Bogenschießen kleine Feinheiten über Sieg und Niederlage entscheiden, ist es wichtig, Wind und Wetter richtig einzuschätzen und das Material bestmöglich auf die Gegebenheiten abzustimmen. "Das macht aber meistens mein Trainer, da ich davon nicht viel Ahnung habe", betont Rapp. Eine erste Grundausstattung für das Bogenschießen kostet um die 700 Euro. Gute Bögen beginnen ab einer Preisklasse von 1500 Euro. Doch Rapp ist kein Materialfreak: "Wir sagen immer, dass die meisten Fehler hinter dem Bogen, also beim Schützen selbst passieren."

Rapps Familie ist durch und durch mit dem Sport verbunden. Ihr Mann Jürgen Rapp spielte lange Zeit beim FC Zell Fußball und war Vorstand. Die drei Söhne Sebastian, Johannes und Christian traten in die Fußstapfen des Vaters und sind heute selbst als Spieler beim FCZ aktiv. "Am Dienstag konnten meine Jungs das Derby in Schönau mit 2:1 gewinnen. Es war so spannend, dass ich am Spielfeldrand tausend Tode gestorben bin", sagt Ute Rapp.

Während Christian nach der Kinderfreizeit Pfeil und Bogen irgendwann wieder beiseitelegte und sich auf das Kicken konzentrierte, blieb die Mama beim Bogenschießen: "Ich fühle mich dabei einfach wohl. Bei der SG Zell stimmt einfach auch das Drumherum." Die Begeisterung ist ungebrochen. Es scheint, als ob Rapp tatsächlich spielt, bis sie 70 ist – solange die Schulter mitmacht.