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20. August 2012

Schlagt doch zu!

Im White Collar Club in Hamburg legen Büromenschen nach Feierabend die Krawatte ab und steigen in den Boxring – um Stress abzubauen und fit zu bleiben.

  1. Danny Pirnak arbeitet in einer Marketingagentur, abends steigt er in den Boxring. Foto: Verwendung weltweit, usage worldwide

  2. Schweißtreibend: Peter Leuten beim Training mit dem Springseil. Foto: DPA

  3. Das Training vor dem Spiegel Foto: Verwendung weltweit, usage worldwide

  4. Pirnak (l.) und ein Sparringpartner Foto: Verwendung weltweit, usage worldwide

HAMBURG. Boxen galt lange als Sport der Arbeiterklasse. Ein Manager im Ring – das war kaum vorstellbar. Doch das Image hat sich gewandelt, viele ältere und gut ausgebildete Menschen entdecken den Sport. Sie können im Ring auch für ihren Beruf lernen.

Peter Leutens rechte Faust landet mitten im Gesicht von Danny Pirnak. Der dicke Boxhandschuh und der Gesichtsschutz federn die Wucht des Schlages ab. Pirnak tänzelt hin und her und weicht dem nächsten Schlag aus. Dann landet er einen Treffer. "Es hat zu Anfang schon Überwindung gekostet, dem anderen mutwillig ins Gesicht zu schlagen", sagt der 26-Jährige. "Aber man gewöhnt sich dran."

Pirnak und Leuten trainieren im White Collar Boxing Club (WCBC) in Hamburg, einem Boxclub für Manager und Geschäftsleute. Pirnak arbeitet in einer Marketingagentur, Leuten ist Journalist. Im WCBC treffen sie auf Gleichgesinnte.

Es trainieren Manager und Lehrer gemeinsam mit Polizisten oder Krankenschwestern. "Die Leute haben alle einen ordentlichen Background", sagt Pirnak. "Hier werden keine Kiezschläger ausgebildet. Wir sehen Boxen als Spaß und nicht als Revierkampf."

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Pirnak kommt an diesem Abend als einer der ersten zum Training, die Sporttasche über der Schulter, in Jeans und Turnschuhen. Mit den anderen Männern plaudert er über dies und das, während sie ihre Hände tapen und sich auf das Training vorbereiten.

Pirnak trainiert seit mehr als drei Jahren im WCBC. "Ich wollte einen Sport haben, wo ich einen Gegner habe, ich brauche den Zweikampf", sagt er. Der 26-Jährige greift sich ein Springseil, und die Trainingseinheit beginnt. Mit konzentriertem Blick hüpft der junge Mann mit den kurzen, dunklen Haaren locker hin und her. Nur das Pfeifen und Peitschen der Seile auf dem Boden ist zu hören.

Im Eingangsbereich des Boxclubs, mitten in einem Hamburger Wohngebiet, stehen Ledersofas und ein kleines Beistelltischchen. Darauf liegen Zeitschriften wie "Mens Health". Die Wände sind aus rotem Backstein, der Boden aus Holz. In einer Ecke des Trainingsraumes ist ein Ring, daneben baumeln braune Boxsäcke von der Decke.

Peter Leuten – schwarze Sportschuhe, schwarzes T-Shirt, graue Sporthose, kurze graue Haare – boxt seit acht Jahren. Der 50-Jährige fing mit dem Sport an, weil er eine neue Herausforderung suchte. "Ich hatte damals eine Krise in meinem Leben und wusste nicht genau, was ich ändern will", sagt er. Das Boxen half ihm aus dem Tief heraus.

Vereine für Managerboxen gibt es in Deutschland viele, der Sport hat an Popularität gewonnen. Im WCBC boxen an die 50 Männer und Frauen regelmäßig. Die meisten von ihnen sind zwischen 30 und 50 Jahren alt. Seinen Namen hat der Club von den Anzugträgern in den USA, die White Collar genannt werden – auf Deutsch "weißer Kragen".

Nach dem Aufwärmen ziehen sich Leuten, Pirnak und die anderen Männer Kopfschutz und Handschuhe an. Als letztes schieben sie sich den Plastikschutz in den Mund. "Mit der Führhand zweimal andeuten", ruft Boxtrainer und Clubinhaber Tim Albrecht, und deutet mit der rechten Hand einen Schlag an. "Unten, oben, oben, unten, gerade!" Die Männer trippeln vor und zurück und konzentrieren sich auf ihre Gegner. "Nicht stehen bleiben, nicht stehen bleiben", ruft Albrecht.

Der 37-Jährige führt den Club seit einigen Jahren allein und hat sich damit einen Traum erfüllt. Er boxt selbst seit vielen Jahren. Seine Schützlinge können seiner Meinung nach hier auch für ihr Berufsleben lernen: "Beim Boxen braucht man Mut, man muss Entscheidungen treffen, manchmal auch aus dem Bauch heraus. Das ist auch im Büro so", sagt Albrecht.

Auch Sportpsychologe Tae Jin Kim sieht einige Parallelen zwischen der Berufswelt und dem Boxring. "Risikobereit sein, strategisch denken, aus Fehlern lernen, diszipliniert und flexibel sein, immer einen Schritt voraus denken." Das Training könne Managern auch in ihrem Beruf helfen.

"Es ist ein guter Ausgleich zum Alltag", sagt Danny Pirnak. "Man lernt im Sparring, wie man mit Stress umgeht." Psychologe Kim betont: "Wenn ich mich körperlich verausgabe, fühle ich mich danach relaxter und ausgeglichener." Boxen stärke zudem die körperliche Fitness und könne Menschen in ihre Grenzbereiche bringen.

Das Image des Boxsports in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren verändert. "Früher war der Sport sehr geprägt von der Kiezkultur. Es war der Sport der Arbeiterklasse und von Zuhältern", sagt Kim. Albrecht betont: "Wir haben das Glück, dass durch diverse Boxer die Vorurteile gegenüber dem Sport abgebaut werden." Die Klitschkos oder Henry Maske empfindet er als positive Botschafter.

Die Hälfte des Trainings ist vorbei, die Männer sind außer Atem und stützen sich an der Ringabgrenzung ab. Sie stehen nach vorne gebeugt und atmen durch. "Man powert sich aus und man kann den ganzen Stress vom Tag abladen", sagt Albrecht. "Die Leute können Aggressionen abbauen, den Grenzbereich überschreiten und den Schritt gehen, den man sonst nicht macht." Nochmal die Trinkflasche ansetzen, dann geht es weiter.

Wettkämpfe stehen im WCBC nicht im Vordergrund. Einmal die Woche ist Sparring, also der Kampf Mann gegen Mann. "Ich habe erst zweimal eine blutige Nase gehabt und noch nie ein blaues Auge", sagt Pirnak. Viele Mitglieder im Club könnten sich das auch gar nicht erlauben, sie arbeiten im Außendienst oder haben in ihrem Job jeden Tag Kundenkontakt. Ausschließen kann man aber nichts, betont Leuter: "Ich habe zweimal nahezu einen KO-Schlag erlebt. Eine blutende Nase kommt schon mal vor."

Autor: Miriam Schmidt (dpa)