Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

03. März 2010 14:48 Uhr

Fürs Schlemmer-Haus 275001 Euro

Höchstgebot von einem Berliner Anwalt

Ein Berliner hat das Höchstgebot für das Atelierhaus von Oskar Schlemmer in Badenweiler abgegeben. Dennoch bekam er nicht den Zuschlag. Zumindest noch nicht.

  1. Das Haus von Oskar Schlemmer in Badenweiler. Foto: sigrid umiger

  2. Janine Schlemmer beanwortet Pressefragen. Foto: Babeck-Reinsch

BADENWEILER. Zur Versteigerung des Oskar Schlemmer-Hauses in Sehringen am Mittwoch im Amtsgericht Freiburg waren rund 100 Menschen gekommen, eine Handvoll etwa bot mit. Hinter dem Aktenzeichen "9 K 207/07 Mü." verbirgt sich das Einfamilienhaus mit Atelier an der Sehringer Straße 13 in Badenweiler, das Oskar Schlemmer 1937 errichtet hat: 115,64 Quadratmeter Wohnung, 55,68 Quadratmeter Nutzraum und 2022 Quadratmeter Grundstück. Das Interesse beim Publikum, darunter Bürgermeister Karl-Eugen Engler und viele Bürger, war so groß, dass mehrere zusätzliche Stuhlreihen im Saal III des Amtsgerichts aufgestellt werden mussten.

Um 9.11 Uhr eröffnete Rechtspfleger Rainer Beck, nachdem er zuvor das Verfahren erläutert und auf die höchstwahrscheinliche Kultur- und Denkmalwürdigkeit hingewiesen hatte, für die Bieterrunde. Für die ist eine Mindestdauer von einer halben Stunde vorgeschrieben, nach oben aber sind keine Grenzen gesetzt. Sie begann mit 80.000 Euro, also über dem Mindestgebot von 57.500 Euro, der Hälfte des gutachterlich festgestellten Verkehrswertes.

Werbung


In 1-Euro-Schritten zum Höchstgebot

Auffallend viele Frauen steigerten mit. Als die 150.000-er Zone erreicht war, betrat der Mann erstmals den Saal, der später das Höchstgebot abgeben sollte: Gilbert Oertel aus Berlin. Ab der 200.000-er Zone waren nur er noch und eine junge Frau aus Köln, Alice Hanstein, im Rennen. Dass Oertel stets nur einen Euro drauflegte, brachte die Kölnerin kurz aus der Fassung. Rechtspfleger Beck aber erklärte, dass dieses Gebot zulässig sei. Gegen 9.45 Uhr – sie hatte gerade 275.000 Euro geboten und ihr Mietbieter wieder einen Euro draufgelegt – sagte Alice Hanstein: "Das war’s."

Den sofortigen Zuschlag aber verwehrte ihm Janine Schlemmer, die das Verfahren betrieben hat. Sie hat nun noch Bedenkzeit, am Montag, 8. März erst ist Verkündungstermin. Wenn keine Gründe dagegen stehen, wechselt spätestens dann die Liegenschaft den Besitzer. Doch das Ergebnis macht die Schlemmer-Erbin, die das Verfahren beantragt hat, nicht glücklich. Es gehe ihr nicht ums Geld, mit dem sie ohnehin nur Schulden tilgen müsse, sondern um die gleichberechtigte Verwaltung des Schlemmererbes, so wie es das Testament der Schlemmer-Witwe vorsehe. Sie habe, erklärt die Schlemmer-Enkelin vor Journalisten, beim Ausräumen des Hauses ihrem Cousin Raman Schlemmer eine außergerichtliche Einigung angeboten. Wenn das Haus, im Familienbesitz hätte bleiben können, hätte sie das gefreut.

Haus soll erhalten bleiben

Der Höchstbieter erklärte am Rande der Versteigerung, dass er das Haus für sich und seine Frau erwerben und daraus ein kleines kulturelles Zentrum im Sinne des Künstlers Oskar Schlemmer machen wolle. Oertel stritt ab, es für Raman Schlemmer ersteigert zu haben, für den und dessen (verstorbene) Mutter er anwaltlich tätig war. Dieses Gerücht war durch den Saal gegangen.

Gilbert Oertel wiederum erklärte, dass seine ambitionierte Mitbieterin aus dem engen Umfeld des Kölner Kunsthauses Lempertz komme, bei dem 2008 Gemälde, Plastiken und Papierarbeiten von Schlemmer versteigert werden sollten, was aber das Oberlandesgericht München untersagte. Schon damals hatte Janine Schlemmer versucht, mit einer Zwangsversteigerung zu dem ihr zustehenden Anteil aus dem Schlemmer-Erbe zu kommen und hatte dabei die Unterstützung des Landgerichts Stuttgart. Für Badenweiler vor allem ist wichtig, dass Haus erhalten bleibe, sagt Bürgermeister Engler.

Zur Person: OSKAR SCHLEMMER
1888 ist Schlemmer in Stuttgart geboren. An der Stuttgarter Kunstakademie ist er Meisterschüler beim Maler Adolf Hölzel. 1920 wird er an das Staatliche Bauhaus in Weimar berufen. Mit seiner interdisziplinären Arbeit profiliert er sich dort. Ab 1923 ist er Leiter der Bühnenwerkstatt am Bauhaus. 1929 wechselt er an die Breslauer Akademie, dann an die Vereinigten Staatsschulen für Kunst in Berlin. 1933: Entlassung aus dem Lehramt durch die Nationalsozialisten. 1937 Hausbau in Sehringen. 1943 stirbt Oskar Schlemmer in Baden-Baden.

Mehr zum Thema:

Autor: Gabriele Babeck-Reinsch