Wahrheitssuche mittels Trinkgefäß

Dorothee Philipp

Von Dorothee Philipp

Mo, 26. März 2018

Schliengen

Der Männerchor Eggenertal und Gäste aus Norddeutschland begaben sich auf eine feucht-fröhliche musikalische Reise.

SCHLIENGEN-OBEREGGENEN. Wenn ein roter Stiletto als Trinkgefäß die Runde macht, ist die Stimmung schon fortgeschritten lustig. Und dazu der kernige Gesang aus 27 Männerkehlen – so spielte sich eins der Highlights beim Frühjahrskonzert des Männerchors Eggenertal ab. Ein anderes war ein akrobatischer Zungenbrecher, der vielstimmig und melodisch eine weibliche Plappertasche namens Ilsebill beschreibt. Das Motto des Abends: In vino veritas.

Die Wahrheitssuche mittels Trinkgefäß kann sehr unterhaltsame, gefühlvolle und auch temperamentgeladene Momente hervorbringen, die Dirigent Norbert Weisenseel in eine geschickte Dramaturgie verpackt hatte. Im ersten Block huldigten seine Sänger musikalisch den Freuden des gemeinsamen Zechens mit Silcher, Schubert und anderen versierten Tonsetzern. Doch dass ausgerechnet der Rheinwein der Beste sein soll – Verfasser H.R. Thiel war vermutlich noch nie im Markgräflerland.

Weisenseel hatte seine Mannen perfekt auf den Abend vorbereitet, die vollen Akkorde der romantischen Harmonik und raffinierte chromatische Modulationen gelangen aus dem Effeff. Und die Artikulationskultur hat bei den Eggenertälern ein hohes Niveau, keine textliche Nuance geht dabei verloren. Bei einigen Liedern wurden sie von ihrem Hauspianisten Lothar Welsen effektvoll begleitet, so beim überschäumend fröhlichen Can-Can aus Offenbachs "Orpheus", dem Zimmer einen dem Thema des Abends angemessenen Text verpasst hatte. Wenn der Refrain "Drum lasst uns die Gläser heben" aufbrauste, klatschte das begeisterte Publikum heftig den Takt mit.

Weisenseel lockerte als Moderator das Ganze mit witzigen Bonmots auf. Später zeigten sich die Eggenertäler auch als versierte Operettensänger. Ein Trinklied aus Millöckers "Bettelstudent" wurde mit dem genannten Schuh eindrücklich in Szene gesetzt, zur hellen Freude des Publikums. Weitere wohllautende Trinkgesänge stammten aus "La Traviata", Hoffmanns Erzählungen" und "der Studentenprinz".

Und dann waren da noch die Gäste, eine Chorgemeinschaft aus Benolpe und Wiedenest im Sauerland, mit dem der Chor aus dem Eggenertal eine herzliche Freundschaft pflegt. Die Herren aus dem Norden zeigten sich als ebenso sangeslustig wie versiert, sie hatten unter anderem die bereits genannte Plaudertasche Ilsebill mitgebracht und begeisterten mit einem sehnsuchtsvollen "Shenandoah", bei dem es die Sänger irgendwohin "westwärts von Missouri" zieht. Eine lustige Ballade von einem Wirt, der seinen besten Wein im Keller lässt und dafür doppelt anschreibt, ließ das Publikum schmunzeln. In der sehr hohen Oberstimme von "Droben im Oberland" brillierte der gut gebriefte erste Tenor. Auch Johannes Reifenrath, der Dirigent der Gäste holte mit energischer, sportiver Gestik alles aus seinen Sängern heraus.

Drei Zugaben brauchten sie, um wieder von der Bühne gelassen zu werden: zuerst ein köstliches Tongemälde von einer Froschhochzeit, bei der eifrig mehrstimmig gequakt wurde, dann ein schwungvoller, federnder "Jäger aus Kurpfalz" und schließlich ein agiles "Das Wandern ist des Müllers Lust", bei dem die schweren Mühlsteine in der vierten Strophe mit viel Kraftaufwand zum Tanzen gebracht wurden.

Dann kamen noch einmal die Gastgeber zum Zug, die nach den spritzigen Operetten-Nummern auch vorzüglich die Schmacht bei Rotwein am Meer in Szene setzten. Nach dem besinnlichen "Gute Nacht Freunde" von Reinhard Mey war natürlich ebenfalls Zugabe gefordert. Auf einmal machte ein Tablett mit vollen Achtele-Gläsern die Runde, die Sänger scharten sich wie bei einer gemütlichen Hausmusik ums Klavier und sangen und prosteten mit einem romantischen viersätzigen "Freunde noch ein Glas zum Abschied". Dass das Publikum danach noch lange gesellig sitzen blieb, lag auch an der exzellenten Bewirtung des Musikvereins, die keine Wünsche offen ließ.