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15. März 2011

Kabarett

Einsame Bauern, ehegeplagte Städter

Kabarettist Martin Herrmann seziert in Schluchsee mit biologischem Scharfblick verworrene Beziehungsgeflechte.

  1. Profaner Eierschneider oder tibetanische Taschenharfe? Hauptsache, es klingt gut. Foto: Sigurd Kaiser

  2. Martin Herrmanns „Gürtel-Krawatte“ als entschärftes Phallussymbol suggeriert: Mit mir kann man reden! Foto: Sigurd Kaiser

SCHLUCHSEE. Es ist vermutlich ein vergebliches Bemühen, nachzählen zu wollen, wie vielen Kabarettprogrammen das schier unendlich weitläufige (Spannungs-)Feld der Mann-Frau-Beziehung schon zum thematischen Fixpunkt gereichen musste. Dass sich neue Bestandsaufnahmen, zumal kabarettistischer Art, dennoch als lohnend erweisen können, mag wohl Zweierlei geschuldet sein.

Zum Ersten ist das Verhältnis zwischen den Geschlechtern weniger statisches Konstrukt denn dynamischer Prozess – was sowieso nach regelmäßigen Betrachtungen des jeweils aktuellen Ist-Zustands verlangt. Zum Zweiten kommt es immer auf das "Gewusst wie" an, um selbst bei scheinbar hinlänglich Bekanntem überraschend neue Facetten zu entdecken.

Und wenn einer weiß, wie diffizile Beziehungsgeflechte mit dem geschärften "Blick des Biologen" zu ent- und mitunter auch ver-wirren sind, dann der selbst ernannte "Frauenflüsterer" Martin Herrmann. Unter dem auf eine aktuell rege diskutierte Fernsehsendung anspielenden Motto "Keine Frau sucht Bauer" wagte sich der ehemalige Sport- und Biologielehrer mutig auf das bisweilen verminte Feld tobender Geschlechtergefechte.

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Er reißt das Publikum mit – die Zuschauer folgen willig

Der vielfach preisgekrönte Kabarettist, Liedermacher, Reimkünstler, Frauenzeitschriften- und Apotheken-Umschau-Leser, Gesellschaftskritiker und Redakteur eines Satiremagazins in Personalunion versteht es mit sympathischer Liebenswürdigkeit, dem (leider nur spärlich anwesenden) Publikum einerseits einen bedenklich niedrigen Erkenntnis-Quotienten zu attestieren, andererseits für diese Erkenntnis donnernden Applaus seitens der soeben Abqualifizierten zu ernten. Herrmann ist ein auf hohem Niveau agierender Entertainer, der in bester Rattenfänger-Manier sein Publikum mitreißt.

Letzteres folgt ihm bereitwillig und bestgelaunt zu den unterschiedlichsten Schauplätzen zwischenmenschlicher Irrungen und Wirrungen, die Herrmann ideensprühend, wendungsreich, scharfsinnig und spitzzüngig in Lied, Reim und Schauspiel verpackt.

Seine Pointen zünden punktgenau und machen das Publikum johlen. Der holden Weiblichkeit präsentiert sich Herrmann, dessen Nachname schon eine doppelte Ausgrenzung jedweder Emanzipation darstelle, als ein vor Maskulinität triefendes Exemplar des starken Geschlechts: "Man hat mir die Brust nicht gegeben, ich habe sie mir genommen!"

Ob politische Entwicklungen, Lebensmittelskandale, Frauenknappheit auf dem Land, horrende Scheidungsquoten im städtischen Brennpunkt, Lust und Qual des Alter(n)s, zwischengeschlechtlicher Kleinkrieg oder chemisch-physikalische Erklärungsansätze für allerhand zum Scheitern Verurteiltes – der nahe Augsburg geborene Wortschütze trifft mit einem schier unerschöpflichen Arsenal witzgespickter Verbalpfeile, ins Schwarze, sprich: den Nerv des Publikums.

Er hätte einen vollen Kursaal verdient gehabt

Dazu intoniert er auch schon mal in Dur, Halb- und Voll-Moll auf dem vom schnöden Eierschneider zur tibetanischen Taschenharfe avancierten Saiten-Küchengerät eine zarte Kantilene oder gibt Gitarre spielend einen Kachelmann-Song zwecks Rehabilitation des in Verruf geratenen Schweizer Wetterfroschs.

Erkenntnisgewinn nach eineinhalb Stunden Lachmuskeltraining: Witwer müsste man sein, Walkingstöcke sind Schneckenstecher, das Kamasutra-Vademekum für Senioren bedarf eines Erste-Hilfe-Kapitels, Frauenklatschhefte eröffnen Mann, wo der Gegner steht – und nicht zu vergessen der quintessentielle Appell des "Pillensongs": "Runter mit der Pille – Schwänzchen in die Höh'!"

Martin Herrmann hat seinen Ruf als exzellenter Kabarettist an diesem Freitagabend vortrefflich verteidigt. Und dafür hätte er einen voll besetzten Kursaal verdient gehabt.

Autor: Sigurd Kaiser