Schmerz und Freude nach 19 Jahren

Barbara Ruda

Von Barbara Ruda

Sa, 21. Juli 2018

Lörrach

Birgit Vaith verschiedet sich heute beim Jungen Theater / Eine Gruppe wird weitergeführt.

LÖRRACH. Als Birgit Vaith Ende April bekannt gab, dass sie nach 19 Jahren ihre Arbeit mit dem Jungen Theater, das sie selbst gegründet hat, aufgeben werde, hatte sie sich das reiflich überlegt. Dieser Schritt, so erklärte die engagierte Theaterpädagogin, hänge mit privaten Dingen zusammen und dem Wunsch, noch einmal zu neuen Ufern aufzubrechen. Nun ist die Saison gespielt, und damit der letzte Vorhang für eine gemeinsame Theatergeschichte gefallen. "’s isch zu Ende", wie Birgit Vaith kurz und knapp feststellt. "Es wird gut so sein, aber der Abschied ist nicht ohne", fügt sie hinzu. Da sie auch in Zukunft das Adventsstück inszenieren will: "Ein bisschen habe ich ja noch."

Da viele ehemalige Spieler, die zum Teil von weit her anreisen – und die ganze Theatergemeinschaft sie nicht einfach ziehen lassen möchten, wird heute noch einmal gefeiert. Viele tolle Momente wird man Revue passieren lassen und neben Abschiedsschmerz Freude empfinden.

Als Spuren bleiben Intensität, Kreativität, Liebe zum Theater und seinen Menschen, Begeisterung, Verzauberung, starke Beziehungen und tiefe Freundschaften. Allein 80 Stücke hat Vaith mit dem Jungen Theater inszeniert – zuerst im Nellie Nashorn, ab 2012 im Alten Wasserwerk. Es gab Spielzeiten, da leitete sie fünf Gruppen gleichzeitig, und jede mit gleichviel viel Herzblut.

Birgit Vaith habe den Samen gelegt, sagen Kirstin Quartier und Pia Loewe. "Dann war’s plötzlich ein ganz großes Miteinander." Die beiden jungen Frauen wollen nach den Sommerferien zusammen eine Gruppe des Jungen Theater weiterführen. "Wenn die Kinder der jüngsten Gruppe jetzt aufhören müssten, würde viel verloren gehen", sagten sie und sprechen vom kleinen Pflänzchen, das zu wachsen begonnen hat. Vertrocknen würde das nicht, wirft Birgit Vaith energisch ein. "Es hat abgespeichert, was es bekommen hat."

Es werde immer schwieriger für Kinder, musische Qualitäten auszubilden. Aufgrund von G8 haben sie so einen vollen Kalender, dass Vaith schon Zehn- und Zwölfjährige wegen Burnouts aus ihren Gruppen scheiden sah. Dabei brauche es für Kinder und Jugendliche dringend einen Ort, wo sie Druck ablassen können, wie Pia Loewe erklärt. "Für mich war das Junge Theater so ein Ventil – ich war entweder mit Haut und Haar in der Rolle oder bei der Theaterarbeit in einer ganz anderen Welt."

Die drei Theaterfrauen sind sich einig, dass man Kindern solche Freiräume zugestehen muss – gerade heute, wo sie gefährdeter seien als früher. Als genauso wichtig wie die Theaterarbeit an sich erachten sie die Gruppe, in der das Individuum wachsen und Fähigkeiten ausbilden kann. Hier heißt es, wie Vaith ausführt, die Balance zu finden zwischen Aushalten und Abbrechen, Chaos und Struktur, Körpergefühl und Phantasie.

Für Pia Loewe ist die Gruppe ein Vertrauensort. "Wenn ich mich bisher nicht getraut habe, etwas zu spielen, kann ich es hier, ohne dass jemand lacht." Man werde selbstbewusster, weiß die Auszubildende zur Krankenpflegerin. Schüchtern sei sie nie gewesen, konnte aber danach besser ihre Meinung vertreten – sei es den Mitschülern oder den Eltern gegenüber.

Quartier, die im Prinzip von Anfang an dabei war, als Vaith im Nellie Nashorn den Grundstein legte, denkt an einen weiteren Aspekt. In der Gesellschaft vereinzle man immer mehr, fahre die Ellenbogen aus und meine: "Ich zuerst". "Im Theater funktioniert nichts, wenn ich mich nicht auf die anderen einlasse. Theater ist ein Mannschaftssport. Seinen Platz in der Gruppe zu finden – diese Erfahrung ist für Kinder und Jugendliche wichtig", sagt die Lehrerin mit Zusatzmodul in Theaterpädagogik.

Es handele sich um eine ganzheitliche Erfahrung, ergänzt Vaith. Weil es beim Schaffen passiere. Diese Erfahrungen haben ihr viele Ehemalige bestätigt. Lukas Löffler schrieb ihr, wenn er die Ehemaligen treffe, sei das wie ein Nachhausekommen, wie ein Stück der Familie. Die Beziehungen seien immer noch wichtig für ihn. Das ist nicht das Einzige, was bleibt.