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25. Mai 2013 22:23 Uhr

Industrie

Schönau: Ranir übernimmt Zahnbürstenhersteller Frisetta

Das Zähneklappern beim Bürstenhersteller Frisetta hat ein Ende: Die Ranir-Gruppe hat die insolvente Firma übernommen. Was wollen die Amerikaner mit dem Werk?

  1. Aus Polypropylen-Granulat spritzt eine Maschine im Sekundentakt Zahnbürstengriffe Foto: Dirk Sattelberger

  2. Die Maschine, die die Zahnbürsten-Griffe herstellt Foto: Dirk Sattelberger

  3. Hier entstehen in Zukunft noch mehr Zahnbürsten Foto: Dirk Sattelberger

  4. Nachdem die hygienisch sauberen Artikel verpackt wurden, fährt sie Staplerfahrer Thomas Kiefer zum Warenausgang. Links: Der neue Co-Geschäftsführer Andreas Lanvers. Foto: Dirk Sattelberger

Andreas Lanvers (53) hat einen Doktor im Maschinenbau, kommt aus der Nähe von Siegburg bei Köln und lacht viel. So auch beim Rundgang durch die Fabrik, um dem Journalisten ein Foto von der Zahnbürstenproduktion zu ermöglichen. Lanvers erwischt die falsche Tür. "Das ist wie ein Labyrinth hier", sagt er, grinst und macht kehrt. In Schönau ist der kräftige Mann mit dem schwarzen Brillengestell neu. Aber in der Branche der Zahngesundheitsprodukte – kurz Oral Care – ist er ein alter Hase: Er war 18 Jahre lang bei einem anderen deutschen Hersteller beschäftigt, bis er vor einem Jahr zu Ranir stieß.

In der Werkshalle sind die Herzstücke der Frisetta (jetzt Ranir) zu bestaunen: Maschinen so hoch wie die Werkshalle und mit gewaltigen Roboterarmen, die aus Polypropylen-Granulat bunte Zahnbürsten herstellen. Eine Maschine schafft rund 10 000 Bürsten am Tag. Man kann sich ausrechnen, dass es nicht lange dauert, bis Millionen Zahnbürsten das Werksgelände in Richtung Aldi und Co. verlassen.

In der Schaltzentrale wird jetzt auch Englisch gesprochen

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Die hohen Produktionszahlen sind nötig, um mit dem Massenartikel Zahnbürste Gewinn zu machen, erklärt Andreas Lanvers später im Besprechungszimmer im ersten Stock. Das Besprechungszimmer dient als Schaltzentrale für den Umbau des Werks. Hier kommen immer wieder Kollegen aus der Geschäftsführung vorbei wie der Brite Stephen Tibber (44 Jahre, zuständig für Finanzen, EDV, Personal), telefonieren mit dem Mobiltelefon und tippen etwas in ihre Rechner. Es wird Englisch und Deutsch gesprochen, ab und zu geht ein Mitarbeiter auf dem Gang vorbei und wirft einen neugierigen Blick in den Raum. "There are many Rumors about american companies", sagt Co-Geschäftsführer Stephen Tibber zum Journalisten, also Gerüchte über amerikanische Firmen. Mit einer Transparenz-Offensive bei Mitarbeitern und Bürgern wollen der Deutsche und der Brite für Klarheit sorgen. Ranir mit Hauptsitz Grand Rapids/Michigan sei nicht gekommen, um abzusahnen und dann weiterzuziehen, versichert Lanvers. Im Gegenteil: Ranir wolle langfristig mit dem Werk in Schönau Erfolg haben. Als Zulieferer ist Frisetta ohnehin seit Jahren für Ranir tätig.

Der Erfolgsplan sieht so aus: "Der Umsatz muss in zwei bis drei Jahren deutlich größer sein als heute", sagt Andreas Lanvers. Erklärtes Ziel ist es, den Umsatz in dieser Zeit zu verdoppeln. Wie soll der ambitionierte Umsatzsprung gelingen? Indem die Schönauer Produkte nicht nur (wie bisher) in Deutschland und der Schweiz abgesetzt werden, sondern ganz Europa und die USA erobern. "Ranir ist global aufgestellt und auf allen wichtigen Märkten vertreten. Das kann man nutzen, um die Menge zu steigern", sagt Lanvers. Als neue Absatzmärkte nennt er das europäische Ausland und vor allem die USA. Ranir unterhält heute schon eigene Vertriebsbüros in USA, Großbritannien und Deutschland – in seinen Augen eine entscheidende Neuerung.

"Full Service" mit dem neuen Ranir-Werk Schönau

Für die Ranir-Gruppe sei das Schönauer Werk wichtig, um bei Kunden einen "full Service" zu bieten: Die Zahnseiden und Zahnseidesticks, die Ranir jetzt schon produziere, und eben Zahnbürsten. Zur Ranir-Produktpalette gehören übrigens auch Bleichmittel für Zähne, sogenanntes Whitening, wie es in letzter Zeit im Trend liegt. Lanvers kann sich vorstellen, dass auch die Whitening-Produkte eines Tages in Schönau hergestellt werden, ebenso Dental-Sticks, Zahnzwischenräume zu reinigen. Andere Produkte könnten dagegen eingestellt werden, zum Beispiel technische Bürsten für Spraydosen. Sie würden nicht gut in die Ranir-Produkte rund um (Zahn-) Gesundheit passen. Derzeit umfasst die Produktpalette weit über 100 verschiedene Produkte.

Andreas Lanvers: Schönau passt gut in Geschäftsstrategie

Andreas Lanvers beteuert, dass es Ranir ernst meine mit Frisetta. Der Kauf sei eine strategische Entscheidung gewesen, weil Ranir auf jedem wichtigen Absatzmarkt mit einem eigenen Werk vertreten sein möchte, und das habe in Deutschland bislang gefehlt. Schönau ist demnach ein Glücksfall für Ranir. Das Unternehmen erwarb hier 14 neue Patente, die Betriebsfläche bietet Platz für Erweiterungen, und qualifizierten Mitarbeiter gibt es auch. Eine gute Ausgangsbasis, um zu wachsen und die Kapazitäten zu erhöhen.

Bei der Frage nach dem Kaufpreis für das Anlagenvermögen denkt Andreas Lanvers kurz nach. Dann sagt er: "Also günstig war es nicht". Und muss lachen. Der genaue Betrag wird nicht genannt. Auch nicht die Höhe der Miete, zu der sich Ranir auf sieben Jahre verpflichtet hat. Die Immobilie bleibt weiterhin im Eigentum der Frisetta-Firmengründer Rueb. Die neuen Geschäftsführer finden das gut, auch die Nähe zu den anderen Bürsten- und Maschinenherstellern zwischen Todtnau und Schönau. "Das ist fast wie Silicon Valley hier, nur eben Brush Valley", witzelt Andreas Lanvers.
Frisetta

Das Unternehmen wurde in Schönau 1949 gegründet von Fritz Rueb und erfolgreich über viele Jahre von Sohn Fritz W. Rueb geleitet. Vor dem Verkauf an Ranir gehörte die Frisetta Kunststoff GmbH zur F. A. Rueb Holding GmbH der Gesellschafter Britta, Gerd und Fritz W. Rueb. Seniorchef Fritz Rueb ist Schönauer Ehrenbürger.

Ranir

Eigentümer des Weltmarktführers Ranir ist seit 2008 die Ranir Global Holdings, eine Gruppe von Privatinvestoren. Ranir wurde 1979 in Grand Rapids, Michigan, gegründet. 2010 wurde die englische Synpart Ltd. mit Niederlassung in Königswinter und einem Werk in China erworben. Ranir ist nach eigenen Angaben weltweit der größte Oral Care-Hersteller im "Private Label-Segment" (Hersteller für fremde Marken)

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Autor: Dirk Sattelberger