Anwalt will Flugbahn simulieren lassen

Hilde Butz

Von Hilde Butz

Mi, 12. September 2018

Schopfheim

Tag sechs im Kofferwurf-Berufungsprozess: Früherer Verteidiger sagt aus und der aktuelle Rechtsbeistand beantragt Gutachten.

SCHOPFHEIM/WALDSHUT-TIENGEN. Der Berufungsprozess vor dem Landgericht Waldshut-Tiengen gegen einen 54-Jährigen aus Schopfheim wegen gefährlicher Körperverletzung eines Staatsanwalts mittels eines Aluminiumkoffers wurde am Montag fortgesetzt. Im Mittelpunkt des sechsten Verhandlungstages standen die Aussagen eines Anwalts, der den Beschuldigten in erster Instanz vertreten hatte.

Der Angeklagte, der bisher fast allen Terminen ferngeblieben war, saß am sechsten Verhandlungstag zwischen seiner als Beistand fungierenden Ehefrau und Verteidiger Matthias Müller. Die Kleine Strafkammer, unter Vorsitz von Richter Marc Gerster, hatte das persönliche Erscheinen angeordnet, um zu klären, ob er seinen früheren Advokaten von der anwaltlichen Verschwiegenheitspflicht entbindet. Nachdem er das voll umfassend getan hatte, hielt er nicht mehr lange durch und verließ wortlos den Saal. Das Gericht entband ihn auf Antrag der Verteidigung abermals von der Anwesenheitspflicht.

Der ehemalige Verteidiger, im Zeugenstand danach befragt, welche Erinnerungen er an den Augenscheintermin in erster Instanz noch habe, erklärte: "Null Erinnerung", außer, was die Richterin damals für ein Auto gefahren habe. Seine Einvernahme dauerte dann trotzdem vier Stunden. Seine Informationen schöpfte er aus Notizen über einen von ihm selbst organisierten Ortstermin vom Oktober 2010. Zu klaren Erkenntnissen führten sie jedoch nicht, zumal der Zeuge nicht selbst anwesend war, als der Koffer mutmaßlich auf den Staatsanwalt fiel. Das Gericht muss sich mit mittelbaren Informationen behelfen, da die meisten Augenzeugen sich in zweiter Instanz auf ihr Auskunftsverweigerungsrecht berufen. Noch immer ist unklar, ob und wie der Koffer von der Galerie des Obergeschosses im Nacken des Staatsanwalts landete – ob er versehentlich fiel, ziellos oder gar zielgerichtet geworfen wurde. Für den Verteidiger aus der ersten Instanz gab es keine Zweifel, dass der Koffer den Staatsanwalt tatsächlich getroffen hat: "Das wurde niemals bestritten", stellte er klar.

Anwalt bezweifelt Kollision und Schuldfähigkeit

Diese Zweifel führt nun aber der derzeitige Verteidiger an: Die potentiellen Verletzungen durch einen herabstürzenden Koffer passten nicht zu der im Attest erwähnten "Prellmarke"; viel wahrscheinlicher sei ein Schädelbruch oder eine Gehirnerschütterung, so Müller. Zum Beweis beantragte er ein Gutachten und empfahl, den Aufprall mit einer Melone zu simulieren. Von einem weiteren Sachverständigen will er die Flugbahn des Koffers ermitteln lassen. Nach der bisher angenommenen Absturzstelle hätte der Koffer in der Luft einen Bogen schlagen müssen, um den Staatsanwalt treffen zu können, konstatierte Müller. Bei seiner Verteidigungsstrategie scheint er mehrgleisig zu fahren: Zum einen bezweifelt er die Kollision, zum anderen baut er auf verminderte oder aufgehobene Steuerungsfähigkeit des Angeklagten zur Tatzeit. Dass dieser nicht Herr seiner Sinne gewesen sein könne, davon war auch sein früherer Anwalt überzeugt, der von Medikamenten- und Alkoholmissbrauch zu berichten wusste. Er habe die Schuldunfähigkeit in erster Instanz nicht thematisiert, weil er sonst die Approbation seines Mandanten aufs Spiel gesetzt hätte. Im Berufungsverfahren ist von Anfang an ein Mediziner zur Klärung der Schuldfähigkeit hinzugezogen. Die Strafkammer, so scheint es, führt diesen Prozess mit an Langmut grenzender Sorgfalt; möglicherweise, um den ständigen Vorwürfen der Ehefrau des Angeklagten, die Waldshuter Justiz betreibe seit Jahren eine Hetzjagd gegen sie und ihren Mann, entgegenzuwirken.