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11. Oktober 2016

Brisantes Rotmilan-Gutachten

Windparks Hasel und Gersbach könnten laut einer neuen Untersuchung offenbar doch in besonderen Schutzzonen liegen.

  1. Wurde bei Rotmilan nicht genau hingeschaut? Ein Gutachten im Auftrag der Gersbacher Windkraftgegner hält nochmalige Untersuchungen für nötig – in Gersbach wie auch in Hasel. Foto: Christian Maurer (Fotolia.com)

GERSBACH/HASEL. Ein brisantes Rotmilan-Gutachten flattert jetzt den Behörden auf den Tisch: Zwei Biologen-Büros kommen zu dem Schluss, dass sowohl das Gebiet des im Bau befindlichen Windparks Rohrenkopf (Gersbach) wie auch des beantragten Windparks Glaserkopf (Hasel) nicht ausreichend untersucht worden sei. Nachweislich brüten dort mehr Milanpaare als bislang angegeben. Die Wahrscheinlichkeit besteht, dass es sich in beiden Fällen um besonders heikle Schutzgebiete (Dichtezentren) handelt.

"Live" dabei: Es ist ein strahlender Septembertag. Sechs Menschen stehen auf einer Wiese am Ortsrand von Gersbach und schauen gebannt nach oben. Die Blicke richten sich auf ein Nest in einer Esche in fast 30 Meter Höhe. Rotmilan-Horst oder nicht? Das ist die Frage. Könnte es sich hier doch um den letzten Beweis handeln, auf den die Gersbacher Windkraftgegner hoffen: Dafür, dass es nicht nur weit mehr Horste/Brutpaare im Bereich beider Windparks gibt, als in Untersuchungen im Auftrag von Windpark-Investoren und Behörden angegeben. Sondern dafür, dass es sogar so viele sind, dass die Kriterien für ein strenges Schutzgebiet (Dichtezentrum – siehe Hintergrund) erfüllt sind.

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Zwar haben die Gersbacher Windkraftgegner schon 2015 eigene Zählungen vorgelegt. Doch obwohl diese mit immensem Aufwand verbunden waren (Einsatz von Quadrocoptern und Wärmebildkameras) wurden sie weder von Behörden noch Verwaltungsrichtern als Beweis dafür akzeptiert, dass die von Behörden und Gutachtern im Auftrag der Windparkprojektoren vorgelegten Angaben sowohl für den Windpark Rohrenkopf als auch für den geplanten Windpark Hasel unpräzise sind. Vielmehr wurde und wird bislang mit Verweis darauf argumentiert, dass es im Fall Rohrenkopf keinen Konflikt gebe. Beziehungsweise es wurde im Fall Hasel bereits schon jetzt im Vorfeld einer Genehmigung erklärt, dass ein Dichtezentrum ausgeschlossen sei.

Die Windkraftgegner haben deshalb nun ihrerseits ein Gutachten beauftragt. Bewusst wurden mit Andreas Lang (Büro Lang, Zell) und ABL Freiburg (Arten Biotope Landschaft) Diplom-Biologen ausgewählt, die sich sowohl sehr gut mit dem Rotmilan auskennen als auch für Behörden tätig waren und sind.

In den vergangenen Monaten haben sie bereits jeweils drei Brutpaare im heiklen Umkreis um die beiden Windparks nachgewiesen – deutlich mehr als in den früheren Untersuchungen. Für Dichtezentrum fehlt also jeweils nur noch ein weiterer Bruthorst – dieser hier könnte es doppelt sein. Ragt er doch in den maßgeblichen Radius beider Windparks.

Indizien gibt es. Immer wieder wurde ein Rotmilanpaar beim Ein- und Ausflug beobachtet. Das freilich reicht nicht. "Das ist wie bei der Forensik", erklärt Andreas Lang. Je mehr Beweisstücke, umso gerichtsfester. Doch wie rankommen? Da gibt’s nur eins: ab nach oben. So schwingt sich Frank Wichmann Büro (ABL) hinauf in die Baumwipfel – sicherheitshalber begleitet von Fariah Busemann vom Freiburger Baumpflegeteam Busemann. Als er wieder runtergeklettert ist, bringt er Federn, Erkenntnisse zur Nestbeschaffen mit – und die für Windkraftgegner wichtige Botschaft: Auch das hier ist eindeutig ein genutzter Rotmilan-Horst. Was freilich wegen der Jahreszeit nicht mit letzter Sicherheit belegt werden kann, ist, ob hier auch gebrütet wurde. Dann nämlich haben beide Windparks – Hasel wie Rohrenkopf – erst recht ein Problem.

Das Gutachten: Vor diesem Hintergrund ist denn auch die Formulierung im mittlerweile fertigen Gutachten zu verstehen. Demnach ist die Möglichkeit "für die Existenz von Dichtezentren des Rotmilans um die Windparks Schopfheim und Hasel gegeben". Gesichert ist bereits, dass jeweils drei Brutpaare im Umkreis von 3,3 Kilometern von beiden Parks in diesem Jahr brüteten. Diese Nester beziehungsweise Revierzentren (Brutwald) sind im Gutachten belegt – wenn auch im Fall Hasel ein Horst minimal um 50 Meter abweicht. Für Horst Nummer vier indes, der für beide Windparks relevant ist, erscheint es "plausibel", dass auch hier ein Paar brütete.

Was wird empfohlen?: Die Gutachter empfehlen dem Landratsamt Lörrach, zum einen den Horst nochmals in der Brutzeit 2017 prüfen zu lassen. Ohnehin aber gehören aus ihrer Sicht beide Gebiete nochmals komplett unter die Lupe genommen – auch weil hier über die vier Horste hinaus sogar weitere vermutet werden. Ferner sei bisher auch das Thema Rast- und Zugvögel viel zu kurz gekommen. Die Gutachter halten erneute Untersuchungen aber auch deshalb für erforderlich, weil die bisherigen aus ihrer Sicht fachliche Mängel haben.

Kritik der Biologen: Im Fall Rohrenkopf beanstanden sie, dass gar nicht auf Dichtezentren (3,3 Kilometer) untersucht wurde, sondern nur im Ein-Kilometer-Radius. Das sei zwar insofern okay gewesen, als der für den Antrag im Auftrag der Windkraftprojektierer erstellte "avifaunistische Bericht" 2015 vor Veröffentlichung der neuen Hinweise der LUBW zum Umgang mit dem Rotmilan (Dichtezentrum) erstellt wurde. Zum Zeitpunkt der Genehmigung im November allerdings waren diese Hinweise gültig. Gerügt wird ferner, dass bei den Untersuchungen selbst (Horstkartierung, Raumnutzungsanalyse) ungeeignete Methoden angewendet worden seien, zumal teils an "nicht geeigneten Erfassungsterminen und Tageszeiten". Insgesamt entspreche die Horstsuche "nicht den fachlich und lokal erforderlichen Standardmethoden." Für Hasel gelte, dass auch hier zu sehr auf Grundlage der Rotmilankartierung der LUBW von 2014 beurteilt und untersucht worden sei. Die Aussagekraft der Karte aber sei von den Kartierern selbst im Fall Gersbach/Hasel mit gerade mal 60 Prozent eingestuft worden– ein vergleichsweise sehr niedriger Wert.

Reaktionen? Anwälte von Gersbacher Grundstückbesitzern, die von den Hasler Plänen betroffen sind, haben am Montag dem Regierungspräsidium und dem Landratsamt am Montag das Gutachten weitergeleitet, verbunden mit dem Hinweis, dass offenkundig naturschutzrechtliche Belange dem immissionsschutzrechtlichen Antrag der Investoren entgegenstehen, zum gegenwärtigen Zeitpunkt Windkraftanlagen im Bereich Hasel daher nicht genehmigt werden könnten. Das Landratsamt Lörrach gab sich am Montag zurückhaltend. Dr. Georg Lutz erklärte, dass man sich erst selber ein Bild vom Gutachten machen wolle, bevor man sich dazu äußere.

Mögliche Auswirkungen eines Dichtezentrum-Nachweises: Ein Dichtezentren-Nachweis hat zum einen Auswirkungen auf das Antragsverfahren für den Hasler Windpark, aber unter Umständen auch für den bereits genehmigten Windpark Rohrenkopf – hier könnten etwa weitere Schutzmaßnahmen wie Abschaltzeiten für die Windkraftanlagen während der Brutzeit ein Thema werden. Relevant ist das aber auch für den bisher nicht rechtskräftigen Teilflächennutzungsplan "Windkraft" der Stadt Schopfheim, da vom Grundsatz her ja keine Windkraft-Vorranggebiete in Dichtezentren ausgewiesen werden können. Ebenfalls Folgen hat ein Dichtezentrum-Nachweis dann auch für die Planung des Regionalverbandes Hochrhein-Bodensee.

KOMMENTAR: Vertrauen steht auf dem Spiel

Dieses Rotmilan-Gutachten hat es in sich. Lässt es sich im Grunde doch so zusammenfassen: Was die bisherigen Untersuchungen und damit die Entscheidungsbasis angeht, wurde die Messlatte nicht nur eher niedrig angesetzt – es wurde auch zu wenig genau hingeschaut. Zugleich sind die von ihnen belegten Horstfunde weit mehr als nur ein Punktsieg für die Windkraftgegner, die von Anfang an ins Feld geführt hatten, dass beim Artenschutz nicht sorgfältig genug gearbeitet wurde. Vielmehr steht mit diesem Gutachten die Glaubwürdigkeit von Windkraft-Genehmigungsverfahren generell auf dem Spiel – weit über Gersbach und Hasel hinaus. Das Landratsamt wäre deshalb sicher gut beraten, den Hinweis der Biologen ernst zu nehmen, mit einer fundierteren Untersuchung hier Klarheit zu schaffen.  

Autor: André Hönig

HINTERGRUND: Info

Rotmilan-Schutzstatus und Dichtezentrum

Warum ist der Rotmilan besonders schützenswert? Laut LUBW (Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz) trägt Baden Württemberg eine besonders hohe Verantwortung für den Rotmilan (Gabelweihe), da "etwa 17 Prozent der deutschen beziehungsweise 10 Prozent des Weltbestandes im Land brüten".

Was ist ein Dichtezentrum? Um der Notwendigkeit des Ausbaus des Windkraftausbaus einerseits und dem Schutz des Rotmilan andererseits gerecht zu werden, wurden von der LUBW im Juli 2015 neue Hinweise für Windkraft-Genehmigungsverfahren veröffentlicht. Demnach muss gerade in Gebiete mit hoher Siedlungsdichte (Dichtezentren) der Schutz der Art gewährleistet sein, weil die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass hier so viele Tiere durch Rotoren getötet werden, dass sich das auf den Gesamtbestand auswirkt. In diesen Dichtezentren sind Ausnahmen von dem im Bundesnaturschutzgesetz festgeschriebenen Tötungsverbot besonders geschützter Arten nicht zulässig. Daher dürfen hier keine Windkraftanlagen innerhalb eines Radius von 1000 Metern um die Fortpflanzungsstätte sowie in den regelmäßig frequentierten Jagdgebieten und Flugkorridoren gebaut werden.

Wie ist die Definition? Ein Dichtezentrum liegt vor, wenn im Radius von 3,3 Kilometern um eine geplante Windkraftanlage mindestens vier Revierpaare des Rotmilan vorkommen.  

Autor: hö

Autor: André Hönig