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15. November 2017

Das Alltägliche auf den Kopf gestellt

Der Berliner Künstler Michael Rohde zeigt auf Einladung des Kunstvereins Schopfheim seine Bilder aus ungewöhnlicher Perspektive.

  1. Wohnräume aus ungewohnter Perspektive, von unten betrachtet, zeigt der Berliner Künstler Michael H. Rohde in der Ausstellung des Kunstvereins in der Schopfheimer Kulturfabrik. Foto: Roswitha Frey

SCHOPFHEIM. Die Welt einmal von unten betrachten können die Besucher der neuen Ausstellung in der Kulturfabrik. Auf Einladung des Kunstvereins Schopfheim stellt der Berliner Künstler Michael H. Rohde verblüffende Bilder aus, die mit der Wahrnehmung des Betrachters spielen und Innenräume aus ungewohnter Perspektive zeigen. Sie wirken so, als würde man unter einem durchsichtigen Boden liegen und von unten die Räume, die Einrichtung, die Bewohner, das Mobiliar betrachten.

Der Aha-Effekt, die Überraschung und Irritation sind groß in diesen Arbeiten, die nicht nur Sehgewohnheiten auf den Kopf stellen, sondern neue Sichtweisen auf alltägliche Wohnräume bieten. Dabei darf gerätselt werden in diesen überdimensionalen Fotografien, die der Künstler "Fotografische Malerei" nennt. Michael H. Rohde geht zwar fotografisch vor, empfindet sich aber mehr als Maler, der sich sowohl von der Pop-Art als auch von alten holländischen Meistern inspirieren lässt. So haben seine Bilder zugleich etwas Fotografisches und Malerisches in Komposition, Farbgebung und den besonderen Details, wobei der Künstler die genaue Herstellungsweise der Bilder nicht verrät. Jedenfalls sind die Interieurs, wie sie Rohde zeigt, einzigartig in der Machart und unvergleichlich in ihrer spektakulären Wirkung.

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Der in Wedding lebende Künstler hat 2010 mit dieser Serie begonnen. Auslöser dafür waren Erlebnisse aus einer Zeit, als er obdachlos war, in einem Zelt gewohnt hat und in verlassenen Häusern "Ansichten von oben" fotografierte. Aus diesen Erfahrungen entstand der Impuls, einmal einen anderen Blickwinkel einzunehmen, den "von unten". Angefangen hat er mit Bildern aus seiner eigenen Wohnung, dann weitete er das Projekt auf Wohnungen von Freunden und Bekannten in Berlin und Umgebung aus. Es ist aber nicht einfach eine Froschperspektive, von der aus Rohde diese Küchen, Bäder, Wohnzimmer ins Blickfeld rückt. Vielmehr ist es eine ganz und gar verwirrende Perspektive, die all diese Wohnungen so wirken lässt, als hätten sie keinen Boden oder wenn, dann einen durchscheinenden. Beim Betrachten überlegt man hin und her, welche Tricks und Kniffe der Künstler hier angewandt hat. Die Dinge und Möbel scheinen der Schwerkraft enthoben und teilweise im Raum zu schweben. Dabei hat Rohde die jeweiligen Einrichtungen in den Wohnräumen meist unverändert belassen und nur sehr wenig extra "arrangiert".

Es sind auch eine Art Milieustudien aus Berliner Vierteln, denn Rohde erzählt in jedem Bild eine Geschichte über diese Wohnungen und ihre Bewohner. Da ist zum Beispiel der weißhaarige ältere Herr, der wie ein Guru ganz in Weiß herumläuft, in einer Wohnung mit riesiger Bücherwand und einem Skelett zu anatomischen Studien-Zwecken, dessen Knochenhand er berührt. Oder da ist die Künstlerwohnung, in der zwei junge Schauspielerinnen leben. Die eine Schauspielerin ist im Bad, auf dem Klodeckel sitzend, in ihrer Kostümierung und Maske als Ophelia zu sehen, was einen Hauch von Theatralik ins Bild bringt. Auf einem anderen Bild zeigt Rohde eine Frau mit ihrem Hund im Bad vor dem Spiegel, in dem sich wiederum der Kopf des Hundes spiegelt. Bewohnerinnen anderer Zimmer gucken mal über den Bettrand oder hängen ein Bein über eine Sofalehne, was durch den extremen Blickwinkel von unten irreal-schräg aussieht. "Mädchenbad" heißt ein anderes Bild, das einen Blick durch die offene Tür in den Flur zeigt und ebenso unkonventionelle Einblicke in Berliner Wohnmilieus gibt wie die Küche der Theaterleute mit bunt zusammengewürfelten Möbeln. Schränke, Betten, Stühle, Tische scheinen losgelöst von aller Erdenschwere, so kühn in der Perspektive erscheinen sie in diesen Bildern.

So wie Michael Rohde die Alltagswelt in diesen Privaträumen zeigt, kriegt man sie sonst nie zu sehen. Dabei spielt der Künstler virtuos mit Anspielungen und Details. "Sein und Haben" heißt ein Exponat, das wie ein Stillleben verschiedene Dinge zusammenbringt: ein Fenster, einen Vorhang, einen Damenschuh, eine Orchidee und das Buch "Haben und Sein" von Erich Fromm. Auch die Stuhl-Sammlung einer Architektin findet sich auf einem Bild. Überhaupt rückt der Künstler gerne alltägliche Dinge in den Fokus: hier einen Sack Kartoffeln, ein Titelbild des "Spiegel", dort eine Tischdecke. In dieser Detailliebe, ebenso wie in den Farben, zeigt sich Rohdes Nähe zu den holländischen Meistern. Bei der Ansicht aus einem Kinderzimmer lässt der Fotograf die Spielzeuge durch den Raum schweben, als wären Zauberkräfte à la Harry Potter am Werk gewesen.

Neben Privaträumen zeigt Rohde auch zwei Arbeiten einer Serie, in der er sich mit geschichtsträchtigen Räumen auseinandersetzt, in denen historische Persönlichkeiten wie Beethoven und Sigmund Freud gelebt haben.

Info: Die Ausstellung in der Kulturfabrik ist bis zum 17. Dezember zu sehen, immer Mittwoch, Samstag und Sonntag 14 bis 17 Uhr.

Autor: Roswitha Frey