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17. August 2013

Unheimliche Orte im Wiesental (1)

Schweigmatts weißer Stein und der Geisterreiter

Um einen hellen, großen Stein auf dem Edelsberg oberhalb von Schweigmatt ranken sich viele Mythen.

  1. Mythen ranken sich um den weißen Stein, nicht nur wegen seiner rätselhaften Herkunft. Foto: André Hönig

  2. In der Legende erwacht er um Mitternacht zum Leben und reitet die alten Grenzen ab. Foto: Privat

SCHOPFHEIM. Manche Orte verströmen etwas Unheimliches, wenn es dunkel wird. Andere Orte verursachen eine Gänsehaut erst dann, wenn man weiß, was dort passiert ist, etwa Tatorte von Verbrechen. Und dann gibt es noch jene Orte, die sind immer gruselig, egal zu welcher Uhrzeit und unabhängig vom Vorwissen desjenigen, der sie betritt. In einer Serie stellt die Badische Zeitung unheimliche Ort im Wiesental vor. Heute: Der weiße Stein bei Schweigmatt.

Um sich richtig zu gruseln, muss man nächtens hierher kommen. Am besten um Mitternacht. Tagsüber, wenn die Sonne hoch am Himmel steht, ist der Gänsehautfaktor doch stark abhängig von der eigenen Fantasie. Und die wiederum vom Vorwissen, wenn man hier buchstäblich im Wald steht auf dem Edelsberg, nordöstlich von Schweigmatt. Auf einer kleinen unscheinbaren Lichtung. Unten fließt der Kohlbach. Im Norden liegen hinter Bäumen der Gleichen und der Schanzbühl. Ringsum scheint nichts zu sein als Wald, der Sandwürfeweg, auf dem man hierher gelangt ist, eine einsame Ruhebank – und daneben ein heller, großer Stein, etwa einen halben Meter unterhalb des Weges.

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Zu einem Teil steckt er im Erdreich. Nichts deutet darauf hin, dass er in jüngster Zeit bewegt wurde. Allenfalls könnte einem aufmerksamen Beobachter auffallen, dass der Ort regelmäßig gemäht wird, was – mitten im Wald – einigermaßen wunderlich erscheint. Jedenfalls haben es Pflanzen und Kräuter bisher nicht geschafft, die Stelle zu überwuchern.

Ist es Menschenhand, die dem Wuchs Einhalt gebietet? Oder etwa doch der Geist, von dem die Geschichte erzählt? Um die zu verstehen, muss man sich im Geiste in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) zurückversetzen und sich vorstellen, wie schwedische Truppen hier ganz in der Nähe ein Lager aufgeschlagen hatten. Die Stelle war nicht zufällig gewählt. Führten doch die Verbindungen zum Hochrhein und auf den Hotzenwald damals über Gersbach. Entsprechend interessant war dieser Landstrich für Truppen – und so war die ganze Umgebung auch außergewöhnlich aufwändig befestigt. Nicht umsonst heißt der Ort "Schanzbühl". Hier stand eine von mehreren Erdfestungen, mit denen man damals Feinde aufzuhalten gedachte. Genau hier bei den Sandwürfen verlief eine strategisch wichtige Passsicherung, die den Übergang von Hasel nach Zell mit einem Wach- und Signalturm (Chartaque) sowie Geschützstellungen und mannshohen Wallgräben schützte – sowie den historischen Grenzverlauf zwischen den Katholischen im vorderösterreichischen Zell und den "Wüstgläubigen", den Protestanten der Markgrafschaft.

Um eben dieses Lager und besagten Stein nun dreht sich eine Legende von einem kaiserlichen Reiter, der die Schweden ausspähen wollte, von ihnen aber entdeckt und hier erschlagen worden sein soll. "Es soll gewesen sein vor etlich’ hundert Jahren (...) zu jener Zeit, da Gustav Adolfs Scharen, den guten Glaubenskampf zu kämpfen, zogen ein, im Kriegeszug, in unsere heimischen Wälder. So auch am Gleichen dort, wo auf der Höh’ in tiefen Schanzen lag das fremde Heer", heißt es in einem Lied, das quasi der Erinnerung an Stein und Sage zugleich gewidmet ist. "Erschlagen ward mitsamt dem Roß, der kühne Reitersmann. Und eingescharret auf der Stell’ beim sagenhaften Stein. Doch der Geschichte Ende soll dies noch nicht sein. Die Sage weiß, und gibt uns kund, dass Mitternachts, zur Geisterstund, der wilde Reiter wiederkehrt, just an der Stell, wo er ward eingescharret in die blut’ge Erd."

Gedichtet hat das Lied Lina Klemm, 1893 in Gresgen geboren, 1975 in Schopfheim gestorben. Viele Jahre war sie Wirtin des Tannenhofs in Schweigmatt. Zeit ihres Lebens hatte sie immer eine Liebe zu Gedichten und zur Schriftstellerei, Hermann Hesse hatte sie persönlich in ihrer Zeit als Hausmädchen einer vornehmen Basler Familie kennengelernt. Doch sie schrieb auch selber Gedichte und Lieder, unter dem Titel "Ewig schöne Heimat" sind viele davon in einem Band zusammengefasst, der 1963 erschien. Ihre tiefe Liebe zur Heimat kommt darin zum Ausdruck. Und so war es ihr auch ein Anliegen, dass die Erinnerung an die in dieser und ähnlicher Form überlieferte Sage vom Weißen Stein und dem Geisterreiter, der nächtens die alte Glaubensgrenze abreitet, nicht in Vergessenheit gerät. Das weiß Heimatforscher Werner Störk vom 2011 verstorbenen Sonnenwirt Alfred Schmidt. Der hat ihm 2008 extra die Stelle gezeigt. Tatsächlich wissen bis heute nur wenige, wo sich der Stein befindet und was es mit ihm auf sich hat.

Dabei ist der Stein auch ohne diesen sagenhaften Hintergrund rätselhaft genug, um Interesse zu wecken. Nicht nur, weil man sich schwer erklären kann, wie so ein glatt geschliffener Monolith hierhergelangt. Darüber hat sich Störk auch schon so seine Gedanken gemacht. "Wäre er vom Berg heruntergerollt, wäre er bei der Größe und dem Gewicht nicht auf halbem Wege liegen geblieben, sondern weiter bis runter zum Kohlbach gerollt." Bleibt man bei der Suche nach Antworten auf wissenschaftlichem Boden, liegt als nächstes die Vermutung nahe, dass er während einer Eiszeit von einem Gletscher hergeschoben und dabei abgeschliffen wurde. Zumindest seine Herkunft ließe sich so erklären. Und auch für seine helle Färbung gibt es logische Gründe: Flechten, die den Stein überziehen.

Ein Rätsel bleibt der Stein dennoch, weil auf seiner Vorderseite eine Meißelmarke in Form eines Kreises und eines aufragenden Pfeils prangt. Das Zeichen für Männlichkeit? Oder aber – und da schließt sich mysteriöserweise der Kreis zur Legende vom Geistereiter – ein Schild mit Lanze, das alte Wikingersymbol für einen berittenen Krieger? Experten jedenfalls haben zweifelsfrei festgestellt, dass das Zeichen mit Werkzeug und fachkundiger Hand eingemeißelt wurde. Aber warum? So lange das offen ist, wird der Stein geheimnisvoll bleiben – und ein wenig unheimlich.

Autor: André Hönig