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22. August 2015

Der Windkraft die Milan-Krallen zeigen

Gersbacher Windkraftgegner sammeln Daten, die belegen, dass das Milan-Konfliktpotenzial am Rohrenkopf höher ist als behauptet.

  1. Ein Rotmilan im Anflug. Foto: dpa

  2. Eine Horstsichtung mit der Wärmebildkamera. Foto: Hönig

  3. Rotmilan im Anflug. Foto: dpa

  4. Haben die Milane im Blick: Wolfgang Ühlin und Friedrich Blum. Foto: Hönig

  5. Keine Überflüge? Diese Aufzeichnungen besagen etwas anderes. Foto: Hönig

  6. Rotmilan im Anflug. Foto: dpa

GERSBACH. Stutzt der Rotmilan den Windkraftplänen auf dem Rohrenkopf die Flügel? Zwar läuft die Datensammlung der Gersbacher Windkraftgegner noch, doch können diese schon jetzt den Gutachten mehr als nur einen Vogel zeigen, sprich, belegen, dass es in relevanter Nähe zu den geplanten Windrädern mehr Überflüge und Brutplätze gibt als offiziell angegeben.

Vielen Gersbachern hatte sich bei diesen Aussagen das Gefieder gesträubt: Der Rotmilan soll angeblich dort oben im Hochwald auf dem Rohrenkopf nicht jagen, ihn nur selten überfliegen und groß dort oben brüten soll er auch nicht.

Zu diesem Schluss kommen die artenschutzrechtlichen Gutachten, die im Auftrag der Windkraftinvestoren für das behördliche Genehmigungsverfahren beziehungsweise für das Schopfheimer Windkraft-Flächennutzungsplanverfahren erstellt wurden. Diese beziehen sich auf Karten der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz (LUBW) sowie auf 18 Begänge durch Biologen. Gutachterliches Fazit: Das Konfliktpotenzial mit Blick auf den Rotmilan und anderen relevante Vogelarten in der vorgesehenen Windkraft-Konzentrationszone auf dem Rohrenkopf, also dort, wo fünf Windräder entstehen sollen, wird nur "mittel" eingestuft.

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Aus Sicht der Gersbacher Windkraftgegner jedoch würde "hoch bis sehr hoch" wohl eher zutreffen. Vermutet hatten das viele Gersbacher längst – dazu reicht bei den meisten ein Blick aus dem Fenster. Kreisen doch gerne mal bis zu 16 und mehr dieser Vögel über dem Dorf und dem Berg. Nun aber liegen auch immer mehr Daten vor, die das Bauchgefühl offenbar bestätigen – weshalb der Verein Ende Juli, als der Regionalverband bekannt gab, dass er bei der Fortschreibung seines Windkraft-Planes fürs Gebiet Rohrenkopf keine artenschutzrechtlichen Ausschlussgründe sieht, empört widersprach (wir berichteten).

Allein im Rahmen der offiziellen Standortprüfungen für den Rohrenkopf seien ja schon vier Horste im Umkreis von 1,2 bis zwei Kilometern festgestellt worden. Und das, obwohl die Methodik, auf der die Prüfung basierte, "gar nicht geeignet ist, eine umfassende Grundlage zur Beurteilung der artenschutzrechtlichen Belange zu liefern." Auch seien "nachweisbar vorliegende" Flugbewegungen nicht festgestellt worden. Wie der Verein zu diesen Aussagen kam, wollte die BZ jetzt genauer wissen. Zum Gesprächstermin daheim beim Vereinsvorsitzenden Wolfgang Ühlin präsentiert dieser ein Teil des eindrucksvollen Equipments, mit dem sich der Verein gewappnet hat. Zwei Drohnen. Ferngläser. Auf dem PC eine umfangreiche Liste mit Bildern sowie Videos mit Flug- und Horstsichtungen – auch solchen, die von eigens engagierten Spezialisten mit Wärmebildkamera gemacht wurden. Ferner einen dicken Stapel mit Karten, in die freiwillige Helfer in unzähligen Beobachtungsstunden Flüge und Sichtungen eingezeichnet haben. Kurzum: Systematisch wurden seit vergangenem Jahr Flüge akribisch notiert, Brutplätze ausfindig gemacht – fein unterteilt in Rot- und Schwarzmilane. Dazu kommen unzählige spontan gemeldete Sichtungen. "Das halbe Dorf hält die Augen auf", erklärt Ühlin und zeigt sein Handy-Display. "Milane beim Tierkopf." "Milane beim Freizeitheim": Die Whatsup-Liste quillt förmlich über von solchen Meldungen.

Der Beweis, dass sich die Gutachten auf nicht sorgfältig genug geprüfte Infos stützen, sehen die Windkraftgegner bereits erbracht. "Die sind ein fertiger Witz", sagt Ühlin. Das sieht auch Friedrich Blum so, einer der eifrigsten Beobachter und Kenner der Gersbacher Landschaft und Tierwelt. "Überflüge über die Stelle, wo die Windräder hinkommen sollen, gibt es nicht selten, sondern häufig." Mehr noch: Oft würden sie genau über dem Berg kreisen. Falsch sei auch, dass die Vögel im Hochwald nicht jagen. "Natürlich jagen sie vor allem auf Freiflächen – aber eben auch im Hochwald." Am Wichtigsten aber ist das Thema Brutplätze. Und da sehen sich die Windkraftgegner in einer neuen Verordnung des Ministeriums für den Ländlichen Raum von Anfang Juli einen Ansatzpunkt. Kritisch wird es für Windkraftpläne nämlich, wenn ein "Dichtezentrum" vorliegt. Ein Dichtezentrum ist demnach gegeben, wenn sich mehr als drei Revierpaare im Umkreis von 3,3 Kilometern eines Windrades aufhalten. "Jede Wette, wir haben mindestens zehn Schwarz- und zehn Rotmilanbrutplätze bei uns, davon werden sicher mehr als drei im relevanten Umkreis der Windräder sein", ist Ühlin zuversichtlich, letztlich auch den Beweis für ein "Dichtezentrum" erbringen zu können. Nun sind die geschützten Vögel – mehr als die Hälfte aller Rotmilane weltweit brütet in Deutschland, davon wiederum ein ein erheblicher Teil im Schwarzwald – nur einer von mehreren Aspekten, die aus Sicht des Vereins bislang ungenügend geprüft sind. Auch die Auswirkung auf die Quellen, die alle auf dem Rohrenkopf entspringen gehören beispielsweise dazu. Doch der Milan liegt vielen Gersbachern am Herzen – weshalb die Datensammlung so lange wie nötig weitergehen werde, wiewohl sie teuer ist, insbesondere die Wärmebildkameraaufnahmen seien nicht billig. "Zum Glück haben wir einige Spender", sagt Ühlin. "Die Tiere", schwärmt Blum, "haben mich fasziniert, lange schon vor der Windkraftdebatte. Wenn sie majestätisch übers Dorf ziehen, ist das ein ganz besonderer Anblick".

Autor: André Hönig