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08. Februar 2011
Die Innigkeit einer getanzten Umarmung
In der Schopfheimer Waldorfschule gibt Tangolehrer Suer Ünal einen Einblick in den Milonguero-Stil / Drehungen, Achten und jede Menge Improvisation.
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Das ewige Spiel der Füße Foto: Robert Bergmann
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„Tango ist eine Umarmung“, sagt Milonguero Suer Ünal, der am Wochenende in Schopfheim zahlreiche Tango-Workshops gab. Beim Tanz mit Initiatorin Jacqueline Engelhardt wird der Unterschied zur Tanzhaltung beim Standard-Tango deutlich. Foto: Robert Bergmann
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Alles gar nicht so einfach...: Suer Ünal und die Damen. Foto: Robert Bergmann
SCHOPFHEIM. "Beim Tango spürst du deine Frau, beim Tango, da bist du ein Paar", schwärmt Suer Ünal. Seit mehr als 30 Jahren hat der 58-jährige Bauingenieur mit türkischen Wurzeln sein Leben dem Tango Argentino verschrieben, seit zehn Jahren lehrt er den Tanz. Am Wochenende gab Ünal, der in Kassel eine "Casa del Tango" betreibt, auf Einladung seiner früheren Schülerin Jacqueline Engelhardt gleich mehrere Milonguero-Workshops in der Schopfheimer Waldorfschule.
Im treibenden Zweivierteltakt hat der Tangotanz in seiner argentinischen Ausprägung in den vergangenen Jahren die Welt erobert. Berlin, Istanbul, und natürlich Buenos Aires gehören zu den Zentren dieses tänzelnden Liebesspiels auf offenem Parkett zum sehnsuchtsvoll-schmelzenden Klang des Bandoneons und der Gitarren. Seit einiger Zeit hat das Fieber nun auch auf Schopfheim übergegriffen: Und Jacqueline Engelhardt ist daran alles andere als unschuldig. Die aus Kassel ins Wiesental ausgewanderte Architektin trägt seit geraumer Zeit mit einem regelmäßigen Kursangebot ihr Scherflein dazu bei, dass die um 1900 im Emigranten-Milieu am Rio de la Plata gewachsene Tango-Kultur nun auch entlang der Wiese Wurzeln schlägt.Werbung
Für ein Workshop-Wochenende, das Engelhardt am vergangenen Wochenende – diesmal speziell zum Milonguero-Stil – organisiert hatte, reichten die angebotenen Plätze schon nicht mehr aus. Aus ganz Südbaden und der Schweiz sind Tanzpaare nach Schopfheim gekommen, um in sechs Kursen ihr Können in diesem Sehnsuchtstanz auszubauen. Manche hatten gleich alle Workshops aufs Mal gebucht. "Probiert es einmal", sagt Suer Ünal. Mit der feinen Eleganz des Meisters, enormer Präsenz und großem Einfühlungsvermögen führt er den bunt gemischten Gruppen aus Anfängern und Fortgeschrittenen in wenigen Stunden die ganze Bandbreite des Milonguero-Stils vor. Es ist jene sehr gefühlvolle Tango-Variante, die sich an den Verhältnissen in den übervollen, engen Clubs von Buenos Aires orientiert. Die Partner sind dabei eng umschlungen und probieren auf kleinstem Raum, mit den Füßen und Beinen die unglaublichsten Dinge aus. "Die fortgeschrittenen Milongueros tanzen außen, die Anfänger innen, wo mehr Platz ist", erzählt Suer Ünal.
Der Tango in seiner Milonguero-Variante ist ein Tanz voller subtiler Erotik, bei der sich die Frau ihrem Tanzpartner oft mit geschlossenen Augen für die Dauer eines Stückes vollkommen anvertraut. Geführt wird nicht über die Arme, sondern beinahe unsichtbar aus dem Becken heraus. "Vom Zentrum des Mannes zum Zentrum der Frau also", sagt Suer Ünal schmunzelnd. Ein echter Tangotänzer erspüre beim Tanz die Signale des weiblichen Gegenübers, überlasse sich und die Partnerin der Musik und verschmelze zugleich mit der Gruppe im Saal, erzählt Ünal. Die Show, die Außenwirkung, stehen bei soviel prickelndem Miteinander– im Gegensatz zum klassischen Standardtanz – ganz klar an nachgeordneter Stelle.
"Wer gehen kann, der kann auch tanzen", sagt Ünal den blutigen Anfängern, die sich schon gleich zu Beginn schwer tun mit einfachen Schritten im Takt zu Carlos Garcias "Adiós Nonino". Für viele Paare – auch jene mit Tanzschulerfahrung – ist das Loslassen, das improvisierte Bewegen in der Musik bereits eine erste große Hürde, die gemeistert sein will auf dem Weg zum Tango Argentino. Wen dann aber der Tanz-Virus gepackt hat, der braucht sich um Langeweile keine Sorgen mehr zu machen. Da sind allein die Grundelemente, die gelernt sein wollen und die jede für sich genommen allerhöchste Konzentration erfordern: Da wären etwa das Caminar (Gehen), die Ocho adelante und detras (Achten vorwärts und rückwärts), das Werfen (Boleo) und die Drehungen (Giros). Hinzu kommen zahlreiche Verzierungen, die dem Ganzen zusätzliche Würze geben. Für alle diese Elemente gibt es keinerlei feste Vorschriften, Improvisieren ist Trumpf, wenn sich die Partner bei einer Milonga begegnen. Die Sucht fasst Jacqueline Engelhardt in einem Satz zusammen: "Der Tango beschäftigt dich ein ganzes Leben".
Für Schopfheims Tangoszene überlegt Jacqueline Engelhardt derweil, ob dem bislang noch lockeren Verbund von Tangofans eine festere Struktur über die Gründung eines Vereins geben soll. Dann ließe sich die aufwendige Organisation eines solchen Workshop-Wochenendes besser auf mehrere Schultern verteilen. So lebt doch vieles zur Zeit noch sehr von ihrem ehrenamtlichen Engagement.
Autor: Robert Bergmann


