"Draußen in der Welt spinnen alle"

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Mi, 31. Januar 2018

Schopfheim

Vergnügen pur: Comedystar Christoph Sonntag gastierte mit seinem Programm "Bloß kein Trend verpennt" in der Stadthalle.

SCHOPFHEIM. Ein Stück New York hat der schwäbische Kultkabarettist Christoph Sonntag in die Schopfheimer Stadthalle mitgebracht. Die funkelnden Lichter, Neonreklamen und glitzernden nächtlichen Fassaden des Times Square bilden die Kulisse für die neue Show des populären SWR-Comedystars. Zum Broadway-Hit "New York, New York" kommt der smarte Comedian auf die Bühne, agil, drahtig, locker und bestens drauf.

In Schopfheim sei die Welt ja noch in Ordnung, behauptet er, "aber da draußen in der Welt, da spinnen alle": Kim Jong-Un, Horrorclown Donald Trump, Erdogan, die Briten und ihr Brexit, der "Putsch Dämon" von Katalonien und und und. Mit scharfem Wortwitz und pointensicherer Satire hakt der 55-Jährige die aktuellen politischen Aufreger ab, als da sind die zähe Regierungsfindung, der jüngste SPD-Parteitag, das Ringen um eine neuerliche GroKo. "Wir sind jetzt seit drei Monaten ohne Regierung – eine tolle Zeit", frotzelt er. Nach dem politischen Einstieg widmet sich der gewiefte Spötter seinem eigentlichen Kernthema: den zeitgeistigen Trends, denen modische Menschen hinterher rennen.

"Bloß kein Trend verpennt" heißt das neue Programm, in dem Sonntag mit viel Selbstironie und geschliffenem Humor punktet. Dabei steckt hinter den lässig hingeworfenen Pointen immer ein gesellschaftskritischer Kern. Altwerden, Krankwerden und selbst das Sterben gehe heutzutage nicht mehr trendfrei vonstatten. So gebe es bald günstige Ikea-Särge vom Modell "Schicht im Schacht". Besonders süffisant sind die Nummern, in denen Christoph Sonntag selbstironisch seinen normalen Familienalltag vorführt, der gespickt ist mit trendigen Sachen. Etwa bei Sport und Fitness. Da klappt er sein Faltfahrrad auseinander und kurvt damit auf der Bühne herum, lästert über Sling Training, "Hot Pilates" ("das ist wie Krankengymnastik in der Sauna") und ältere Herren, die sich im pinkfarbenen alten Telekom-Shirt einen abstrampeln und dabei wie eine "radelnde Presswurst" aussehen. Und dass er das neueste Fitness-Armband, das ihn zum "gläsernen Christoph" machen soll, dem Hund umgebunden hat, führt zu urkomischen Ergebnissen.

Genüsslich ereifert sich der Comedian über die trendige Haarentfernung bei Männern, die dann aussehen wie "frisch geschlüpfte Delfine". Er selbst habe nach dem Haare-Ausrupfen am Rücken allerdings eher ausgesehen wie ein frisch gerupftes Hühnchen. Ebenso viel Gelächter erntet sein Selbstversuch mit dem angesagten Männerdutt. Schnell zwirbelt er seine "Althippie-Resthaarfrisur" zu einem Dutt zusammen und erntet spöttische Kommentare in den sozialen Netzwerken. Er sehe jetzt aus wie die Mutter von Conchita Wurst.

Ironisch und frech nimmt Sonntag auch die Waldorfschule auf die Schippe, inklusive einer kleinen Eurythmie-Einlage "Christoph auf eurythmisch". Elternabende seien die reinsten "Freakshows", lästert er über "selbst gefilzte Typen" mit Fahrradhelm. Er erzählt, dass er die besten Dinkelbrötchen backe und outet sich als heimlicher Currywurstesser. Verkleidet mit Bart, Mütze und Sonnenbrille schleiche er sich zum Currywurst-Imbiss und treffe dort andere Waldorfschul-Väter. Auch Erlebnisse in der Urologenpraxis oder bei der Urlaubsplanung im Abenteuer-Trekkingshop schlachtet er aus.

Nach der Pause kommt er in Mönchskutte zurück und liest als "Bruder Christophorus" den Politikern im Ländle, auf Bundesebene und global gehörig die Leviten. Als wortgewaltiger Mönch hält er eine gesalzene Predigt, ob er nun Landesvater Kretschmann als "stolzen Adler" oder Kanzlerin Merkel als "Nebelkrähe" bezeichnet, die schon die Orientierung verloren hat. Für das grün-schwarze Regierungsgespann Kretschmann und Strobl findet er filmreife Titel wie "Zwei glorreiche Halunken" oder "Der Schöne und das Biest". Wortwitzig gerät der Dialog zwischen dem bedächtig schwäbelnden Kretschmann und EU-Kommissar Günther Oettinger, die als Handpuppen hin und her kaspern. Noch weiter holt Sonntag bei seinem weltpolitischen Rundumschlag über Donald Trump, Erdogan und lauernde Gefahren im Türkeiurlaub aus. Eine Stärke des Kabarettisten ist auch, dass er spontan auf das Publikum reagiert und sich Mitspieler in den ersten Reihen herauspickt.