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21. Juni 2011

Ein Empfang mit vielen Tränen

Nach vier Jahren auf der Walz kam Zimmermann Alexander Stiegeler wieder nach Utzenfeld zurück und wurde herzlich empfangen.

  1. Nach langer Abwesenheit wird Alexander Stiegeler in Utzenfeld ein großer Empfang bereitet. Die Walz führte ihn nach Kuba und Thailand. Foto: fotos: wehrle

  2. Foto: Verena Wehrle

UTZENFELD. "Endlich wieder zurück", stand auf dem großen Schild geschrieben, das am Samstag zu seiner Heimkehr aufgestellt wurde. Vier Jahre war er in der weiten Welt unterwegs, in Kluft mit Hut, Stenz und Charlottenburger, vom 10. Juni 2007 bis jetzt zum 18. Juni 2011. Ein Handy durfte Alexander Stiegeler nicht mitnehmen.

Wie es der alte Brauch so will, durfte sich der Zimmermann seiner Heimatgemeinde Utzenfeld in einem Umkreis von 50 Kilometern nicht nähern. Wie es ebenfalls üblich ist, wird in dieser Tradition auch viel getrunken. So weiß Alexander Stiegeler von seinem Abgang von vor über vier Jahren angeblich nichts mehr; von seinem Empfang wollte er aber mehr mitbekommen. Schließlich warteten Familie, Freunde und Bekannte gespannt auf den Heimkehrer. Fast das ganze Dorf hatte sich neben dem Ortsschild zusammen gefunden.

Alexander Stiegeler ließ sie lange warten. Denn viele Weggefährten der letzten Jahre begleiteten Stiegeler auch auf seinen letzten Kilometern – einige Versorgungsstationen im Oberen Wiesental sorgten dafür, dass alle noch länger auf ihren Heimkehrer warten mussten. Als die schwarze Truppe endlich zu sehen war, brach der Jubel aus. In Schlangenlinien liefen die Handwerker zum Ortsschild, das mit Reisig und Rosen geschmückt war. Als Alexander Stiegeler eintraf, brach seine Familie in Freudentränen aus. Herzliche Umarmungen, Wiedersehensfreude, kumpelhafte Händedrücker.

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Mit seiner Walz hat sich Stiegeler die Zugehörigkeit zu den rechtschaffenen Zimmerer- und Schieferdeckgesellen erwandert. Seine Familie hat er in dieser Zeit nur wenige Male gesehen, wenn diese ihn auf seinen Stationen besuchen kam. "Doch er hat sehr oft bei uns angerufen", erzählt seine Schwester Andrea. Bei seinem Abgang wurde Stiegeler von einem Bekannten bis in die Schweiz gefahren. Von dort aus ging es weiter bis in die weite Welt. Er war unter anderem in Schottland, Norwegen, England, Korsika, Kuba und sogar in Thailand. Er zog von Ort zu Ort und suchte dort nach Arbeit. In der Zunft der Zimmerer muss ein Betrieb den Reisenden für eine Nacht aufnehmen. Die strikten Regeln auf der Walz erlauben es aber nicht, allzu lange an einem Ort zu bleiben. Jeder Zimmermann auf der Walz hat ein Reisebuch dabei, in welches er all die Betriebe und Orte aufschreibt, an denen er gearbeitet hat – auch die Stempel der Bürgermeister finden hier ihren Platz.

Bei seinem Auszug am 10. Juni 2007 hatte Stiegeler eine leere Flasche vor dem Utzenfelder Ortsschild eingebuddelt. Bei seiner Wiederkehr musste er diese wieder ausbuddeln. Zwei volle Flaschen fand er nun wieder. Noch zwei Tage wurde ordentlich auf dem Utzenfelder Sportplatz gefeiert.

Deutschlandweit sind derzeit etwa 90 Handwerker auf der Walz. Von Stiegelers Weggefährten kommen die meisten aus dem Norden Deutschlands. Hierzulande ist es eine eher seltene Tradition.

Autor: Verena Wehrle