Immer mehr Minderjährige flüchten

Marlies Jung-Knoblich

Von Marlies Jung-Knoblich

Di, 11. August 2015

Schopfheim

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Armin Schuster und der innenpolitische Sprecher Stephan Mayer in der Michael-Gemeinschaft.

SCHOPFHEIM. Kommen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) in den Landkreis Lörrach, ist die Michael-Gemeinschaft Schweigmatt die Anlaufstelle. Im Jahr 2013 waren es 40 und 2014 bereits 125 UMF. "Es war das Jahr, das uns umgehauen hat", erklärte Silke Chalk, in der Michael-Gemeinschaft die pädagogische Leiterin. Allein im ersten Halbjahr 2015 seien 84 UMF gekommen, wusste Landrätin Marion Dammann.

Zahlen und Fakten zum Thema unbegleitete minderjährige Flüchtlinge waren für den Besuch des CDU-Bundestagsabgeordneten Armin Schuster in Begleitung des innenpolitischen Sprechers der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Stephan Mayer, vorbereitet worden. Silke Chalk und Anna Schatz (Bereichsleitung UMF in der Michael-Gemeinschaft) machten deutlich, dass es nicht damit getan ist, den jungen Leuten zwischen durchschnittlich 16 und 18 Jahren ein Bett und ein Dach über den Kopf zur Verfügung zu stellen. Patentrezepte für den Umgang mit minderjährigen Flüchtlingen gebe es nicht, Konzepte seien selbst entwickelt worden, hielt Silke Chalk fest. Einerseits seien es noch fast Kinder, andererseits durch die Flucht, die bis zu zwei Jahre gedauert haben kann, daran gewohnt, selbständig zu sein. "Viel sagen lassen wollen sie sich nicht", weiß Silke Chalk. Auch Therapien zu vermitteln sei nicht einfach, weil die jungen Leute aus einem anderen Kulturkreis mit einem anderen sozialen Umfeld stammen. "Dort spricht man mit Freunden über Probleme", erzählt Silke Chalk. Im Umgang mit UMF bedürfe es geschulten Personals. Der Großteil der unbegleiteten Jugendlichen komme aus Ost- und West-Afrika. Medizinisch untersucht werden die jungen Neuankömmlinge auf Krankheiten (darunter Hepatitis, offene Tuberkulose oder auch HIV); auch Ebola sei ein Thema gewesen. Die jungen Flüchtlinge, die nach Einschätzung der Behörden und Politiker aus Ländern stammen, die ihnen das Bleiberecht in Deutschland einräumen, sollen möglichst rasch die deutsche Sprache und Gewohnheiten lernen.

Stephan Mayer hält die Flüchtlingspolitik für eine große längerfristige innenpolitische Herausforderung. "Keiner verlässt gern die Heimat. Die Kinder kommen hier traumatisiert an", sagte Mayer in der Gesprächsrunde. Man gehe davon aus, dass weit mehr als derzeit erwartete 400 000 Flüchtlinge eintreffen werden. Von den 200 000 Asylbewerbern bundesweit im ersten Halbjahr stammten knapp die Hälfte aus den Balkanländern, die als sichere Herkunftsländer gelten. Das bedeutet, dass es sich nicht um Asylbewerber handelt und sie zurückgeschickt werden müssten. Kurze Wege und kurze Verfahren müssten für Entlastung sorgen. Die Schleuser-Kriminalität müsse bekämpft werden, denn es handele sich nicht etwa um "Gut-Menschen", die den Flüchtlingen helfen wollten, sondern um ein knallhartes Milliarden-Geschäft. Es gebe Überlegungen, den Schleppern die Boote zu zerstören, so Stephan Mayer. Allerdings müsse dafür die Rechtsgrundlage geschaffen werden. Den Schleppern könne das Leben auch dadurch erschwert werden, dass es überall in Europa verstärkte Grenzsicherungsmaßnahmen gebe. Armin Schuster merkte hierzu an, dass zwar die Grenzkontrollen abgeschafft wurden, es aber möglich sei, stichpunktartige Kontrollen in einem Grenzumkreis von 30 Kilometern zu machen. Bis auf Deutschland und die Schweiz mache aber europaweit niemand davon Gebrauch. Die Schleuser hätten also freie Fahrt.

Stephan Mayer erkundigte sich nach den Kosten für den Landkreis Lörrach für die Aufnahme von Flüchtlingskindern. Der Großteil der Kosten werde erstattet, so Gerhard Rasch, Sachgebietsleiter Soziale Dienste im Landratsamt. Der Tagessatz für einen UMF liege bei 120 Euro im Schnitt. Allerdings belasteten die Personalkosten. Gerade für UMF sei es wichtig, dass die Begleitung gut sei, merkte Landrätin Marion Dammann an.