Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

22. Oktober 2010

„Ponticellos“ voller Rock und Rhythmus

Zwei Celli, mal elegisch, mal rockig wild, mal gefühlvoll, mal von explosiver Energie: Das Publikum kam beim Konzert des Duos „Ponticellos“ in der Kirche St. Agathe aus dem Staunen nicht mehr heraus, was sich an Klangeffekten, spieltechnischen Kniffen und Emotionen aus zwei Celli herausholen lässt.

  1. Das Cello-Duo „Ponticellos“, Tim Ströble (links) und Matthias Trück, begeisterte in St. Agathe das Publikum. Foto: Roswitha Frey

Tim Ströble und Matthias Trück sind klassisch ausgebildete Cellisten, die in renommierten Orchestern und Ensembles spielen, seit über zehn Jahren ein Cello-Duo bilden und schon einige CDs aufgenommen haben. Nach einer längeren Duopause feierten sie in St. Agathe einen Neustart und die Premiere ihres neuen Programms "Puls". "Spüren Sie den Puls?", fragte Ströble die Zuhörer gleich mal. "Ponticellos" spüren in ihren Stücken und Arrangements dem Puls in der Musik nach, und wie sie das machen, ist so aufregend und ungewöhnlich, wie man Cello sonst selten hört.

Das Cello-Duo brachte einen munteren Crossover-Mix mit vielen eigenen Kompositionen von Tim Ströble, aber auch eigenen Arrangements von lateinamerikanischen Stücken, Filmmusik, Poptiteln und sogar Rockmusik. Spieltechnisch fabelhaft versiert, bewegen sich die smarten Cellokünstler mit unwiderstehlicher Verve durch die verschiedensten Stilrichtungen. Lustvoll experimentieren sie mit dem Celloklang, mit den Spieltechniken, mit neuen und anderen Klangmöglichkeiten. So bekamen die begeisterten Zuhörer einen Cellosound zu hören, wie er in Klassikkonzerten nicht gerade gang und gäbe ist: Cello gezupft, gestrichen, geklopft, verstärkt, mit perkussiven Schlägen auf den Instrumentenkörper, unerhört kreativ und effektvoll und mit einer bewundernswerten Perfektion.

Werbung


Das Programm "Puls" fängt mit Barockmusik an, mit einem schnellen Allegro-Satz aus einer Sonate von Jean-Baptiste Barriere, hingebungsvoll, dynamisch und temporeich gespielt. Auch ein berühmter Jazztitel wie "Take 5" von Paul Desmond klingt im Celloarrangement von "Ponticellos" echt stark und voller pulsierender Verve. Danach kamen zwei Stücke aus dem Film "Buena Vista Social Club", darunter die Titelmelodie "Chan Chan", die sich durch den ganzen Film zieht, und "El Carretero". Ströble und Trück lassen ihre Celli in diesen kubanischen Stücken singen und tanzen und bringen die Leichtigkeit, das Rhythmusgefühl, die Leidenschaftlichkeit, das Lebensgefühl, das Temperament dieser Musik im Celloklang mitreißend zum Ausdruck.

Wunderbar geschmeidig und klangsinnlich klingt auch ihre Celloversion von Astor Piazzollas "Libertango", in der die Lebensfreude, aber auch das Melancholische des Tangos zum Ausdruck kommt. Auch in einem Hit von Stevie Wonder, "Pastime Paradise", reizen die beiden Cellisten im poppigen Sound das Klangpotenzial ihrer Instrumente verblüffend virtuos aus. Viele Stücke des neuen Programms hat Tim Ströble – übrigens der Bruder des Fahrnauer Pfarrers Ströble – selbst komponiert. Er lässt dabei Stimmungen, Erlebtes, Empfindungen, Eindrücke einfließen wie in dem Stück "Abschied": Es beginnt wehmütig, elegisch, mit sonor strömendem Celloklang, zart gezupften Passagen und einer Melodie, die sich bis ins Schmerzlich-Intensive steigert. Furios klingt Ströbles "Balkanbeat", in dem er osteuropäische Balkanklänge, satten Beatrhythmus mit orientalisch anmutenden Elementen und geräuschartigen Effekten zu einem heißen Cellostück mischt – da war das Publikum hellauf begeistert.

Nach der Pause ging es mit Eigenkompositionen von Ströble weiter: Das Stück "Nachts" setzt leise und geheimnisvoll ein, steigert sich wie aus der Tiefe, wie aus dem Dunkeln des Klangs zu einem heftigen, wie entfesselten Klangrausch, eruptiv, wild und unbändig explosiv mit dynamischem Bogenstrich: Ein klangintensives, beschwörendes Stück, das einen eindringlichen Sog entwickelt.

Auch "Zeitlos" ist ein tolles Stück aus Ströbles Feder, losgelöst von allem Schweren, träumerisch, atmosphärisch, mit sanglichem kantablem Cellospiel. In einem Stück der amerikanischen Rockband Symphony X zeigt das Duo, dass man auf dem Cello auch fulminant rocken kann.

Autor: Roswitha Frey