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21. März 2012 08:46 Uhr

Interview mit Pflegedienstleiterin Andrea Jandt

"Demenzkranke suchen nach Nähe"

Das Thema Demenz ist durch Rudi Assauers öffentliches Bekenntnis, an Alzheimer erkrankt zu sein, wieder im Gespräch. Zischup-Reporterin Sabrina Pfefferle hat mit Andrea Jandt gesprochen, die seit zwölf Jahren als Pflegerin von Demenzpatienten arbeitet. Sie ist Pflegedienstleiterin im St. Marienhaus Freiburg.

  1. Verlässlichkeit, Vertrauen und Fürsorge sind sehr wichtig für demenzkranke Menschen. Foto: dpa

Zischup: Finden Sie, dass die Gesellschaft gut mit an Demenz Erkrankten umgeht und ausreichend über das Thema informiert ist?

Andrea Jandt: Nein, überhaupt nicht. Wenn man nicht selbst damit zu tun hat, will man das Thema eher von sich wegschieben. Es gibt insgesamt viel zu wenig Kompetenz auf diesem Gebiet, was aber auch damit zu tun hat, dass so viele Menschen nicht damit klarkommen, wenn andere sich in der Öffentlichkeit nicht so verhalten, wie man es von ihnen erwartet. Außerdem wird in der Öffentlichkeit auch viel darüber diskutiert, dass Demenzkranke ihren Charakter verlieren, und das macht natürlich Angst! Ich merke zwar selbst, dass der Charakter von Betroffenen sich verändert, aber das, was die Person ausmacht, ist immer noch spürbar. Man muss nur danach suchen und es finden wollen. Demenzkranke selbst suchen nach Nähe, wichtig für sie sind Verlässlichkeit, Vertrauen und Fürsorge. Sie sind abhängig davon, dass andere Menschen ihnen helfen. Das ist schwierig in einer Gesellschaft, in der Freiheit so eine große Rolle spielt. Demenz ist eine sehr, sehr schwere Krankheit und man darf sie nicht beschönigen. Die Menschen, die daran erkrankt sind, haben ein Recht darauf, dass man mit ihnen wertschätzend umgeht und ihnen das Menschsein nicht abspricht.

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Zischup: Wie, glauben Sie, kann man auch den Menschen, die persönlich nicht so viel mit Demenzkranken zu tun haben, helfen, richtig damit umzugehen?

Jandt: Es gäbe viele Möglichkeiten, aber die Menschen müssen sie auch wahrnehmen. Es gibt quartiersbezogene tolle Projekte: Bürger setzten sich mit Demenz auseinander und überlegen sich Lösungen. Aber der Umgang mit Demenz ist und bleibt eine Lücke! Es ist auch nicht selbstverständlich, Erkrankten in der Nachbarschaft zu helfen oder sie auch in den einfachsten Alltagssituationen zu unterstützen. Manchmal treffen Angehörige auf diese Unterstützung, oft aber stehen sie einer Mauer aus Isolierung und Unverständnisses gegenüber. Insgesamt wird leider eher von negativen als positiven Erfahrungen berichtet.

Zischup: Es ist ja auch unheimlich schwierig Demenzpatienten zu Hause zu pflegen, weil eigentlich immer jemand da sein muss. Wie kann man Demenzkranke zu Hause pflegen, ohne zu viel von sich selbst aufzugeben?

Jandt: Nur ein Bruchteil der Demenzpatienten lebt im Pflegeheim, der größte Teil wird zu Hause gepflegt, oft mit Hilfe der Sozialstation oder auch Tagesmüttern, wie es sie auch für Kinder gibt. Erstaunlich ist, dass größtenteils Frauen zu Hause bleiben, um ihre Angehörigen zu pflegen. Man muss sich gut überlegen, was man an eigenem Leben aufgibt und ob man bereit ist, das auch über Jahre zu halten. Es sind ja nicht nur ein oder zwei Jahre, die man begleiten muss, sondern bis zu 10, 12 Jahre oder noch mehr. Und das ist dann schon eine ganz entscheidende Lebensphase. Große Probleme gibt es auch bei Frauen, die sich gleichzeitig um ein erkranktes Familienmitglied und um eigene Kinder kümmern müssen. Sie sind dann in einer Sandwich Position, und das ist unheimlich anstrengend!

Zischup: Wieso ist es so schwierig für uns, einen Demenzkranken in die Gesellschaft miteinzubeziehen?

Jandt: Es ist immer eine emotionale Last, objektiv gesehen, die es zu tragen gilt. Man hat ja auch eigene Lebensentwürfe, in die eine an Alzheimer erkrankte Person vielleicht einfach nicht reinpasst. Außerdem ist es auch für Demenzkranke nicht so leicht mit Menschen umzugehen. Auch, weil Menschen immer sehr viel erwarten, und das ist auch anstrengend. Deshalb fühlen sich Demenzpatienten auch sehr wohl im Umgang mit Tieren, weil bei ihnen keine Erwartungen bestehen und es von Anfang an einen basalen Zugang gibt. Oft ist es auch schwer zu erkennen, was Demenzpatienten meinen, mit ihrem Verhalten ausdrücken wollen. Zum Beispiel sprechen viele Kranke davon, dass sie nach Hause wollen. Meinen sie damit wirklich das Haus, in dem sie gelebt haben oder einfach die Vertrautheit, den Zustand, bevor sie krank waren? Manchmal wollen sie damit auch sagen, dass sie zu ihren bereits verstorbenen Angehörigen wollen, weil sie sie sich in ihrem eigenen Körper nicht wie sie selbst und somit nicht mehr wohl fühlen. Demenzpatienten sind auf emotionale Weise sehr kompetent, sie verlieren zwar Teile ihrer Erinnerung, gewinnen aber auch eine neue Art, Gefühle zu erkennen und zu erleben, hinzu. Es ist wichtig, dass man versucht, sie zu verstehen und ihnen hilft, mit ihren Gefühlen klarzukommen. Das ist auch unsere Verpflichtung und Verantwortung. Man muss aber auch seine Grenzen wahrnehmen und sich schnell Hilfe holen, wenn man sie braucht. Es gibt ja viele Hilfsangebote und Möglichkeiten sich zu informieren zum Beispiel per Internet, durch Bücher oder andere Medien.

Fazit: Es ist einfach wichtig, den Menschen, die nicht dieselben Möglichkeiten haben wie wir, Unterstützung und Verständnis entgegenzubringen um ihnen vielleicht auch ein bisschen Leid abzunehmen. Denn auch sie wollen und können trotz allem im Augenblick glücklich sein - und das ist ja eigentlich das Entscheidende!
Demenz und Alzheimer: Aktuell leben rund 1,2 Millionen Menschen in Deutschland, die an einer Demenz erkrankt sind. Der Begriff stammt aus dem Lateinischen: Die alten Römer sprachen von "dementia", wenn jemand "nicht bei Verstand" war. Demenz ist kein anderes Wort für Alzheimer, sondern ein Oberbegriff für rund 50 Krankheiten, von denen Alzheimer die häufigste ist. Beinahe zwei Drittel aller Demenzkranken leiden an Alzheimer (rund 700 000).

Autor: Sabrina Pfefferle, Berthold-Gymnasium, Klasse 9b


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