Zischup Frühjahr 2018

"Es gibt so viel Fortschritt"

Dilara Sebelek, Klasse 8b, Hansjakob-Realschule

Von Dilara Sebelek, Klasse 8b, Hansjakob-Realschule (Freiburg)

Mo, 02. Juli 2018 um 00:00 Uhr

Schülertexte

Emriye Gül arbeitet als Krankenschwester am Universitätsklinikum in Freiburg. Dilara Sebelek, Schülerin der Klasse 8b der Hansjakob-Realschule in Freiburg hat mit der 46-Jährigen gesprochen.

Zischup: Warum haben Sie den Beruf gewählt?
Emriye Gül: Ausschlaggebend war meine Schwester Ayse. Ich war damals 16 Jahre alt, und sie lag im Josefskrankenhaus schwer erkrankt. Ich habe sie jeden Tag besucht. Jede Nacht bin ich bei ihr geblieben und am Morgen hat mich meine Mutter abgelöst. Es gab ein auslösendes Ereignis. Ich war einmal mehr bei Ayse und plötzlich ging der Überwachungsalarm los. Ich hatte furchtbare Angst und fühlte mich so hilflos. Das hat mich sehr lange verfolgt. Ich wollte mehr tun können als einfach nur da zu sein. Das war der Anstoß mich in diese Richtung eines Berufes zu orientieren. Meine Schwester lag rund drei Monate auf der Station, und ich weiß noch, dass ich alles immer beobachtet habe. Ich fand die Umgebung und was das Personal gemacht hat irgendwie interessant und spannend. Dort zu sein hatte auch etwas Cooles für mich.

Zischup: Was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf?
Gül: Mir gefällt zu allererst die Arbeit mit Menschen. Dann mag ich das Arbeiten im Team. Ich fühle mich gefordert und darf Verantwortung übernehmen. Die Kombination aus körperlicher und geistiger Tätigkeit macht diesen Beruf spannend für mich. Das Gefühl, etwas Sinnhaftes zu machen befriedigt mich sehr.
Zischup: Was ist das Anstrengende an Ihrem Beruf?
Gül: Dazu fällt mir ganz viel ein. Lassen Sie mich ein paar Schlagworte geben. Der Schichtdienst inklusive Feiertags- und Wochenendarbeit, die psychischen und physischen Belastungen, den Spagat den ich täglich machen muss, um Beruf und Familie zu verbinden, die mangelnde Wertschätzung, die schlechte Entlohnung.

Zischup: Was war Ihr schlimmstes persönliches Ereignis?
Gül: Das war in den Anfängen meiner Arbeit auf der Intensivstation. Ein junger Mann nahm in suizidaler Absicht zu Hause Tabletten ein. Er überlegte es sich anders und rief den Notarzt. Als dieser eintraf, öffnete er dem Rettungsteam noch die Tür und wurde dann wiederbelebungspflichtig und kam unter Reanimation zu uns auf Station. Wir haben um sein Leben gekämpft. Es war vergebens. Dieser junge Mann verfolgte mich einige Zeit sogar in meinen Träumen.
Zischup: Wie zeigt sich der Pflegemangel?
Gül: In erster Linie spüren wir Pflegenden die enorme Zunahme des Pflegepensums. Ich schaffe es nicht immer, meinen Ansprüchen und denen der Patienten gerecht zu werden. Es geht im Team allen ähnlich und dadurch entsteht eine sehr hohe Unzufriedenheit. Die extrem gestiegene Arbeitslast zeigt sich durch ausfallende Pausen, Überstunden, mangelnde Regenerationsmöglichkeiten und hoher Krankenstand. Ich möchte seit Monaten an einer vom Klinikum angebotenen Fortbildung teilnehmen. Das wird mir bisher immer verwehrt, weil wir Personalmangel haben und ich für die Versorgung der Patienten ausfallen würde.

Zischup: Weshalb können Sie den Patienten nicht gerecht werden?
Gül: Normalerweise betreue ich zwei Intensivpatienten in meiner Schicht. Durch die genannten Umstände bin ich oft für drei Patienten gleichzeitig verantwortlich. Um diese Arbeit ansatzweise zu schaffen, bin ich gezwungen, Tätigkeiten ausfallen zu lassen. Es versteht sich, dass ich dann weder mir, den Patienten, den Angehörigen und dem gesamten Umfeld gerecht werden kann.
Zischup: Kommen viele Drogenabhängige zu Ihnen auf die Intensivstation?
Gül: Nein, eher weniger. Meistens kommen die drogenabhängigen Menschen in die Notaufnahme.

Zischup: Was ist Ihrer Meinung nach der größte medizinische Fortschritt in der Intensivmedizin?
Gül: Es ist für mich nicht möglich, die Fortschritte auf einen Punkt zu reduzieren. Es gibt so viel Fortschritt. Lassen Sie mich die Antwort allgemein formulieren. Das "Größte" ist, dass Menschen die vor ein paar Jahren alle noch gestorben wären, heute die Chance haben zu überleben. Das liegt an Fortschritten in der Technik, in der Pharmazie, in den Behandlungsstrategien, in der professionalisierten Pflege.