"Meistens rufen die Mütter an"

bex

Von bex

Fr, 16. Mai 2014

Schülertexte

ZISCHUP-INTERVIEW mit Carmen Kunz vom Freiburger Jugendhilfswerk über Computerspielsucht und wie man sie bemerkt.

Viele Jugendliche hängen nur noch im Netz. Während immer mehr Mädchen sich stundenlang in sozialen Netzwerken tummeln, verbringen Jungen einen Großteil ihrer Freizeit in der virtuellen Welt der Computerspiele. Philipp Gross und David von Kirchbach, die die Klasse 8 c des Wentzinger-Gymnasiums besuchen, sprachen darüber mit Carmen Kunz, der Fachbereichsleiterin für Medienpädagogik beim Freiburger Jugendhilfswerk.

Zischup: Frau Kunz, gibt es Statistiken zur Anzahl von Computerspielsüchtigen unter 21 Jahren in Freiburg?
Kunz: Für Freiburg speziell gibt es keine Statistik. Sehr umfassend ist jedoch eine Studie der Uni Lübeck von 2011 zum Thema Internetabhängigkeit, bei der etwa 20 000 Menschen im Alter von 14 bis 64 telefonisch interviewt wurden. Die Auswertung ergab, dass ein Prozent aller Befragten internetabhängig ist. Interessanterweise findet sich der höchste Wert der Abhängigkeit, nämlich vier Prozent, in der Altersgruppe der 14- bis 16-Jährigen. Ebenso ergab die Studie, dass mehr Mädchen als Jungs internetabhängig sind. Während Mädchen auf soziale Netzwerke fixiert sind, beschäftigen sich Jungen hauptsächlich mit Computerspielen.

Zischup: Wer meldet sich denn bei Ihnen, um Hilfe zu erhalten?
Kunz: In der Regel rufen Mütter an, seit etwa zwei Jahren sogar verstärkt wegen ihrer Töchter, weil diese permanent mit dem Smartphone beschäftigt sind. Ab und zu ruft auch ein Schulsozialarbeiter an. Jugendliche selbst melden sich eigentlich nicht, eher junge Erwachsene im Alter ab 20 Jahren, wenn überhaupt.
"Es entsteht der Eindruck, dass die Online-Welt besser
ist als die Realität."

Zischup: Gibt es erkennbare Zusammenhänge zwischen der häuslichen Situation und der Spielsucht?
Kunz: Man kann das nicht auf die häusliche Situation begrenzen. Meiner Ansicht nach gibt es drei entscheidende Faktoren, ob jemand süchtig wird. Erstens wirkt das gesamte Umfeld, also das Zuhause, die Schule und der Freundeskreis, auf die Betroffenen. Dann kommen als zweites die Medien hinzu, zum Beispiel die angebotenen Computerspiele oder auch Facebook. Und drittens ist es die Veranlagung der Spieler, das heißt, wie sie den Computer nutzen.

Zischup: Bei so vielen Einflussfaktoren stellt sich die Frage der Verantwortlichkeit. Kann man denn sagen, wer im Vorfeld versagt hat?
Kunz: Die erste Medienerziehung findet zu Hause in jungen Jahren statt. Es sind die Eltern, die Regeln aufstellen, wie lange ein Kind welches Medium verwenden darf. Wenn es die Eltern natürlich versäumen, Regeln aufzustellen, dann wird es sehr schwierig, dem Jugendlichen ein Zeitlimit zu setzen, wenn es beispielsweise um die Dauer des Computerspielens geht. Es wäre wichtig, dass Eltern genau hinschauen, was ihre Kinder am Computer machen, und auch die Schule sollte Medienerziehung leisten. Wir können Medien nicht generell verbieten, wir leben in einer Medienwelt. Aber man muss Kindern und Jugendlichen auch Alternativen wie beispielsweise Sport anbieten.

Zischup: Wie beginnt denn die klassische Computerspielsucht?
Kunz: Jedes Spiel beginnt mit Spaß und Begeisterung. Problematisch wird es, wenn ich nicht mehr merke, wie viel Zeit ich vor dem Computer verbringe. Parallel dazu stellen sich oftmals Probleme in der Schule ein, beispielsweise dass die Betroffenen sich nur schwer konzentrieren können, dass sie oftmals müde sind und die Schulnoten schlechter werden. Genau hinschauen muss man, wenn auch noch die realen Freunde vernachlässigt werden und die Jugendlichen zum Beispiel nicht mehr zum Sporttraining gehen oder andere Hobbys vernachlässigen.
Zischup: Warum machen denn ausgerechnet Computerspiele süchtig?
Kunz: Beim Spielen erlebt der Spieler Gefühle wie Anerkennung, Respekt und Erfolg und er entwickelt eine Sehnsucht nach diesen positiven Erlebnissen. Jeder Mensch möchte diese Gefühle erleben und Computerspiele erfüllen diesen Wunsch ganz schnell. Schwierig wird es für die Betroffenen, wenn sie das Gefühl der Gruppenzugehörigkeit – weil sie beispielsweise in einer Gilde spielen – nur noch im Virtuellen erleben. So entsteht oftmals der Eindruck, dass die Online-Welt besser ist als die Realität. Spätestens dann müssten alle Alarmglocken läuten.

Zischup: Wie alt sind denn die Spielsüchtigen, mit denen Sie zu tun haben?
Kunz: Ich hatte einen Fall, bei dem sich der Vater eines Sechsjährigen bei uns gemeldet hat. Der Junge spielte viel zu intensiv mit seinem Nintendo und verbrachte viel zu viel Zeit vor dem Fernseher. Wir haben mit den Eltern erst einmal geklärt, welche Inhalte für ein Kind in dem Alter geeignet sind und wie viel Zeit wir für solche Medien für angemessen halten. Natürlich ist es für viele Eltern bequem, ihr Kind vor einem Medium zu parken, aber das menschliche Gehirn verkraftet so etwas überhaupt nicht. Die meisten Betroffenen, die zu uns finden, sind jedoch zwischen 14 und 16 Jahren.

Zischup: Wie ändert sich das Verhalten eines Computerspielsüchtigen?
Kunz: Wenn man einem Alkoholiker den Alkohol wegnimmt, reagiert er aggressiv. Genauso reagiert ein Computerspielsüchtiger auch, wenn man ihm den Internetzugang sperrt oder den Computer wegnimmt. Das geht so weit, dass Jugendliche sogar ihre eigenen Eltern angreifen.

Zischup: Welche Möglichkeiten zur Suchtbekämpfung empfehlen Sie?
Kunz: Es ist nicht damit getan, den Computer einfach wegzusperren. Als Jugendlicher benötigt man den Computer ja auch für die Schule, um Hausaufgaben zu erledigen und Recherchearbeiten zu machen. Wir beim Jugendhilfswerk haben sehr gute Erfahrungen mit unserem Projekt "Level up!" gemacht, für das die Finanzierung leider ausgelaufen ist. Eltern konnten sich beraten lassen, Betroffenen sich austauschen. Leider erkennen die Krankenkassen das Problem nicht als Krankheit an, sodass Entzugsmöglichkeiten, zum Beispiel in Kliniken, recht problematisch sind.