Zischup-Interview

"Wir haben keine Machtansprüche"

Daud Seleman, Klasse 9 a des Berthold-Gymnasiums Freiburg

Von Daud Seleman & Klasse 9 a des Berthold-Gymnasiums Freiburg

Do, 08. Dezember 2011 um 07:48 Uhr

Schülertexte

ZISCHUP-INTERVIEW mit Amin Karim, dem offiziellen Vertreter der Hizb-e-Islami Afghanistan in Frankreich.

Amin Karim ist seit den 80er Jahren ein aktives Mitglied der Hizb-e-Islami Afghanistan, der islamischen Partei Afghanistans, die unter der Führung von Gulbuddin Hekmatyar steht. Vor einem Jahr reiste er als offizieller Vertreter der Hizb-e-Islami nach Afghanistan, um Friedensverhandlungen mit Vertretern der Regierung und des Parlaments zu führen. Daud Seleman, Klasse 9 a des Berthold-Gymnasiums Freiburg , führte mit ihm per Skype auf Persisch ein Interview und übersetzte es danach.

Zischup: Sie waren vor einem Jahr in Afghanistan um Verhandlungen mit der Regierung zu führen. Was wurde verhandelt?
Amin Karim: Parallel zu unserem militärischen Widerstand hat die Hizb-e-Islami immer Vorschläge zu Friedensgesprächen unterbreitet. Diesbezüglich haben wir auch heute sehr präzise und detaillierte Vorschläge. In diesem Zusammenhang bin ich mit anderen Repräsentanten der Hizb-e-Islami nach Afghanistan geflogen, um Friedensverhandlungen mit verschiedenen Instanzen zu führen. Unsere Vorschläge berücksichtigen sowohl den geordneten Abzug der westlichen Kräfte als auch die Sicherheit der Bevölkerung Afghanistans danach.

Zischup: Wie sahen die Vorschläge aus?
Karim: Um die Zustände nach dem Abzug der Sowjet Union Ende der 80er Jahre nicht zu wiederholen, haben wir einen Vorschlag gemacht. Mit jenem Friedensvorschlag wollten wir zeigen, dass wir keinerlei Interesse an militärischen Auseinandersetzungen und keine Machtansprüche haben. Wir wollen einen Vorschlag machen, wie sich alle afghanischen Kräfte durch eine demokratische Prozedur an der Macht beteiligen und das Schicksal des Landes etappenweise in ihre eigenen Hände nehmen können.

Zischup: Wenn die Partei Hizb-e-Islami an der Macht wäre, welche Punkte würde sie innenpolitisch sofort in Kraft setzen?
Karim: Zu den Zielen der Hizb-e-Islami gehören Selbstständigkeit, Unabhängigkeit und soziale Gerechtigkeit. Mit Unabhängigkeit meinen wir, dass das afghanische Volk sein Schicksal selbst in die Hand nimmt. Für uns ist also Freiheit gleichgesetzt mit Gerechtigkeit. Dementsprechend streben wir nach einer demokratisch gewählten Regierung, die sowohl soziale, wirtschaftliche als auch politische Stabilität in die Wege leitet. Zu erwähnen ist noch die Bekämpfung der Korruption in Afghanistan, die in den vergangenen zehn Jahren beispiellos war.

Zischup: Wie würde die Partei ohne finanzielle Hilfe von Außen regieren?
Karim: Wir leben im Zeitalter der Globalisierung. Das heißt, was in Afghanistan passiert, betrifft auch andere Teile der Welt und umgekehrt. So wie die Afghanen Hilfe von außen benötigen, brauchen auch andere Länder die Hilfe Afghanistans. Die Neutralität der Afghanen und die Sicherheit des Landes ist auch ein wichtiger Punkt. Wir sind davon überzeugt, dass viele Wünsche und Interessen des Westens unseren nicht widersprechen. Zum Beispiel, was die Demokratie betrifft, was die Frauenrechte betrifft, was den Ausbau der Pipelines betrifft und die Bekämpfung des Terrors. Das sind einige Punkte, in denen wir Übereinstimmungen erreichen können. Dies muss aber in einer gleichberechtigten Art und Weise stattfinden. Ein neutrales und unabhängiges Afghanistan wird sowohl im Interesse des Westens als auch im Interesse Afghanistans sein.

Zischup: Mit wem würde die Partei koalieren, wenn sie an der Macht wäre?
Karim: Wir werden mit allen Kräften, die unseren Zielvorstellungen entsprechen, zusammenarbeiten. Wir sind für eine Regierung, die durch die Mehrheit der Stimmen an die Macht kommt.
Zischup: Wie steht die Hizb-e-Islami zu Taliban und al-Qaida?
Karim: Al-Qaida war eine sehr kleine und unbedeutende Gruppe in Afghanistan während der sowjetischen Invasion. Die Beziehung mit al-Qaida beschränkte sich nur auf den Schutz von einigen arabisch-muslimischen Flüchtlingen, die in der Zeit der Sowjetunion am afghanischen Widerstand teilgenommen haben. Die Hizb-e-Islami hatte nie irgendeine organisatorische oder strukturelle Beziehung mit al-Qaida. Mit Ausnahme vom gemeinsamen Widerstand gegen die ausländischen Kräfte in Afghanistan hatte die Hizb-e-Islami auch keinerlei Beziehungen zu den Taliban. Die Ziele der Hizb-e-Islami und die der Taliban unterscheiden sich fundamental. Zum Beispiel, was die Rechte der Frauen betrifft, die Demokratie betrifft, die Freiheit betrifft und was unnötige Selbstmordattentate betrifft, bei denen unschuldige Menschen Opfer werden.

Zischup: Warum wird dann Gulbuddin Hekmatyar, die Spitze der Hizb-e-Islami, als Terrorist gesucht?
Karim: Als Herr Bush beschlossen hat, in Afghanistan einzumarschieren, hat er den Krieg als Kreuzzug bezeichnet. Das hat er ganz eindeutig formuliert, nämlich einen Krieg zwischen dem christlichen Westen und dem islamischen Osten. Die Hizb-e-Islami ist Vertreter des islamischen Widerstandes in Afghanistan. Zudem hat die Hizb-e-Islami niemals Krieg gegen den Westen oder ein anderes Land geführt, sondern fühlt sich verpflichtet, ihr Land zu verteidigen. Wir sind Freiheitskämpfer und keine Terroristen.

Zischup: Wie steht die Hizb-e-Islami zu den Frauenrechten?
Karim: Die Hizb-e-Islami hat von Anfang die Rechte der Frauen verteidigt und hatte auch einen großen Teil der Frauen während des Widerstandes an seiner Seite. Aber die Probleme der Frauen in Afghanistan sind ganz andere als die der Frauen im Westen. Was wir nicht wollen, ist, dass Frauen zu Profitzwecken instrumentalisiert werden. Es ist offensichtlich, dass die Rechte der Frauen in Afghanistan extrem missachtet und unterdrückt werden. Daran werden wir vieles ändern wollen, zum Beispiel Gewalt gegen Frauen, Zwangsverheiratungen, die Abschaffung kultureller Traditionen, die die Frauen zu Objekten instrumentalisieren, das Recht auf Bildung und Arbeit und viele andere Rechte, die den Frauen nicht gegeben werden.

Der Korrespondentenblick

"Zunächst einmal muss man dem Schüler gratulieren. Es ist eine journalistische Leistung, diesen Menschen zu einem Interview an die Leine zu kriegen! Das Problem, das ich habe, ist die etwas unkritische Herangehensweise. Er führt sozusagen ein Infointerview. Dem Leser wird nicht klar gemacht, dass man Gulbuddin Hekmatyar und seine Leute durch zwei verschiedene Brillen betrachten kann beziehungsweise muss. Amin Karim behauptet im Interview, sie seien kein Teil von Taliban. Das kann man so nicht stehen lassen."

Willi Germund,BZ-Korrespondent für Asien

Der Widerspruch

Die Partei Hizb-e-Islami um Gulbuddin Hekmatyar bestreitet, dass sie mit Al-Qaida und Taliban in Verbindung steht. Experten widersprechen dem. Außerdem gibt es immer wieder Nachrichten, dass die Parteianhänger sich Gefechte mit der Bundeswehr lieferten. Hekmatyar soll zudem auf der Terrorliste der Vereinten Nationen stehen. Amin Karim antwortet auf diese Frage nicht, sondern lenkt vom Thema ab. Die Aufgabe eines ausgebildeten Journalisten wäre in diesem Fall, den Gesprächspartner durch kritisches Nachfragen mit den Vorwürfen

zu konfrontieren.

Gründe für den Abdruck

Die Lage in Afghanistan ist so schwierig, dass nur noch Gespräche mit wirklich allen Konfliktparteien die (kleine) Chance auf Frieden bieten. Wenn dem so ist, muss man sich aber auch mit Kräften wie Hizb-e-Islami befassen. Das Interview gibt einen – in Teilen entlarvenden – Überblick über deren Denken. Dass manches hehre Plädoyer womöglich eher Propaganda denn klares Ziel ist, sollten die Leser nicht vergessen. BZ