"Wir nehmen nur Frauen mit Kopftuch wahr"

bex

Von bex

Fr, 15. Dezember 2017

Schülertexte

ZISCHUP-INTERVIEW mit dem Religionswissenschaftler Michael Blume darüber, dass sich immer mehr Muslime von ihrer Religion lösen.

Im Herbst erschien das Buch "Islam in der Krise. Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug" von Michael Blume. Bei Zischup-Reporter David Peters war das Buch zu Hause häufig Thema, denn Davids Vater arbeitet im Patmos-Verlag, in dem Blumes Buch erschienen ist. Also hat sich der Schüler mit Blume getroffen, um ihn zu interviewen. David Peters geht in die Klasse 9a des Freiburger Berthold-Gymnasiums.

Zischup: Herr Blume, worin besteht die Krise des Islams? Von der Radikalisierung merkt man etwas, doch vom stillen Rückzug eher weniger.
Blume: Als Christ oder Christin zählt man erst, wenn man getauft ist und weiterhin einer Kirche angehört. Wenn man aber austritt aus der Kirche, wird man in der Statistik nicht mehr als Christ gezählt, sondern als konfessionslos. Bei Muslimen ist das anders. Man wird in die Religion hineingeboren. Das führt dazu, dass Menschen, die gar nichts mehr mit ihrer Religion zu tun haben, trotzdem als Muslime gezählt werden. Wir sehen aber, dass inzwischen nur noch eine Minderheit der Menschen mit muslimischem Hintergrund wirklich noch fünf Mal pro Tag betet. Die allermeisten tun das gar nicht mehr oder nur noch ganz selten. Meine Frau zum Beispiel trägt kein Kopftuch. Sie muss sich immer wieder anhören: Ach, Sie sind Muslimin, das sieht man ja gar nicht. Das heißt, wir nehmen die Frauen mit einem Kopftuch wahr. Aber die anderen nicht. Und tatsächlich nimmt der Anteil der jungen Frauen, die Kopftuch tragen, sogar ab. Dass wir im Moment wieder mehr Kopftücher sehen, liegt vor allem an den Flüchtlingen aus islamisch geprägten Ländern. Das nenne ich den stillen Rückzug. Wir sehen sozusagen diejenigen, die sich islamisch kleiden, aber wir erkennen nicht diejenigen, für die Religion nur noch eine untergeordnete oder gar keine Bedeutung mehr hat – und das sind sehr sehr viele.

Zischup: Sie sagen: "Der Islam ist noch nicht tot, doch er gleicht einem Schwerkranken, der vor Verzweiflung und Schmerz um sich schlägt. Und erst, wenn wir – Nichtmuslime und Muslime gleichermaßen – dies realistisch wahrnehmen, besteht die Chance auf eine bessere, gemeinsame Zukunft." Wie stellen Sie sich ganz konkret eine gemeinsame friedliche Zukunft vor?
Blume: Ganz viele Muslime fragen sich heute: Wir waren früher so eine Hochkultur, wir waren wissenschaftlich sogar weiter als Europa, was ist eigentlich schief gelaufen? Die falsche Antwort darauf sind die in der islamischen Welt verbreiteten Verschwörungsmythen, zum Beispiel gegen die Feinde des Islams, gegen die sie meinen kämpfen zu müssen. Richtig wäre stattdessen, zu fragen, was ist bei uns selber falsch gelaufen, was können wir selbst in Zukunft besser machen? Um nur ein Beispiel zu nennen: Das Verbot des Buchdrucks um das Jahr 1485 herum hat dazu geführt, dass die damalige islamische Welt zwar stabil geblieben ist, aber erstarrt ist und dieser Bildungsabstand ist bis heute nicht aufgeholt worden. Deswegen sind Muslime heute im Durchschnitt weniger gebildet und belesen als Christen oder Konfessionslose. Natürlich erlebe ich auch ganz bildungsorientierte Muslime, die laden mich zum Beispiel in ihre Moschee ein. Sie wollen selber dafür sorgen, dass es wieder besser wird und mit diesen vernünftigen Menschen kann man natürlich gut zusammenarbeiten. Diejenigen, die sagen, alle Wissenschaftler sind Verschwörer, mit denen kann man natürlich nicht reden, aber das sind nicht die meisten, sondern wenige.

Zischup: Wir erfahren von Ihnen, dass um 1800 etwa 50 Prozent der Deutschen lesen und schreiben konnten, in Portugal waren es 20 Prozent und im Osmanischen Reich unter fünf Prozent. Sie sagen, dass das die Hauptwurzel für die tiefe Krise des Islams ist. Wie steht es um den Bildungsstand heute in den islamischen Ländern?
Blume: Die Bildung in den islamischen Ländern nimmt insgesamt zu, wenn auch einige verschwörungsgläubige Gruppen dagegen kämpfen, zum Beispiel die Boko Haram in Nigeria oder die Taliban in Afghanistan. Die kämpfen vor allem gegen Mädchenschulen. Die wollen nicht, dass die Leute gebildet werden. Das führt zu einer großen Unzufriedenheit. Ein großer Teil der Leute zieht sich von der Religion zurück, aber ein kleiner Teil radikalisiert sich auch und verübt dann Anschläge. Über 90 Prozent der Anschläge richten sich dabei übrigens gegen andere Muslime, aber zehn Prozent eben auch gegen Christen oder Andersgläubige.

Zischup: Sie beschreiben einen Zusammenhang zwischen der Islamkrise und dem Öl. Worin besteht der?
Blume: Als die Islamische Welt verfallen war, entstanden auch große wirtschaftliche Schwierigkeiten. Das große Pech war, dass in Ländern wie zum Beispiel Saudi- Arabien, Irak und Libyen Öl gefunden wurde. In diesen Ländern wird heute fast nichts anderes produziert als Öl. Dadurch, dass die ganze Welt dieses Öl kauft, unterstützen wir die Regime dort, auch mit Waffenlieferungen. Deshalb beklagen sich Muslime zu Recht, dass wir uns einerseits über islamische Radikale beschweren, aber gleichzeitig das extrem intolerante Königtum Saudi-Arabien unterstützen. Saudi-Arabien ist sehr intolerant und frauenfeindlich. Solange wir im Westen mit solchen Regimen kooperieren, stehen wir nicht wirklich für Menschenrechte, und das ist der Grund, warum ich persönlich jetzt auch Elektroauto fahre.

Zischup: Hier in Deutschland verlassen immer mehr Menschen die Kirchen und haben keine konfessionelle Bindung mehr. Zudem zeigt unser demographischer Wandel, dass wir immer weniger Kinder bekommen. Im Gegensatz dazu spielt die Religion für muslimische Familien eine große Rolle, und die Familien haben teils sieben bis acht Kinder. Ist das nicht eine Bedrohung für Deutschland oder für die christlichen Kirchen?
Blume: Auch in der islamischen Welt brechen die Geburtenraten ein. In der Türkei und im Iran sind sie schon auf durchschnittlich unter zwei Kinder gefallen, weil die Menschen die gleichen Probleme haben wie wir auch. Man kann sich zum Beispiel in einer größeren Stadt mit mehreren Kindern kaum eine Wohnung leisten – vor allem nicht, wenn nur einer arbeitet, weil die Frau nicht mal arbeiten darf. Wichtig wäre für uns in Deutschland eine bessere Familienpolitik, die kinderreiche Familien besser fördert. Auch die Kirchen sollten erkennen, dass sie zwar viel zum Guten beitragen, insbesondere durch ihr Engagement für Bildung, aber eben auch viele Fehler gemacht haben. Insgesamt ist es gut und wichtig, dass wir unsere Kultur pflegen. Wenn man einen festen eigenen Glauben hat, ist man im Dialog glaubwürdiger. Ich bin gar nicht so pessimistisch, denn ich bin der Meinung, dass wir oft gar nicht mehr sehen, wie gut es uns eigentlich geht und wie viel Grund zur Dankbarkeit wir haben. Um ein Beispiel zu nehmen: Ohne Luthers Übersetzung der Bibel gäbe es heute kein gemeinsames Deutsch oder Englisch. Da hat die christliche Geschichte ganz positiven Einfluss gehabt.

Zischup: Sie sind Christ, aber mit einer Muslimin verheiratet. Praktizieren Sie und Ihre Frau Ihren Glauben aktiv? Und wie erziehen Sie Ihre Kinder?
Blume: Ja, wir sind beide religiös, aber liberal und tolerant zueinander. Wir gehen mit unsren Kindern sowohl in die Moschee als auch in die Kirche, um ihnen die Möglichkeit zu geben, die verschiedenen Religionen kennenzulernen, damit sie, wenn sie groß sind, selber entscheiden können. Bisher funktioniert das sehr gut. Ich darf daran erinnern: Vor ein paar Jahrzehnten durften katholische und evangelische Christen noch nicht oder nur unter Inkaufnahme erheblicher Nachteile einander heiraten, das ist heute schon ganz normal. In Zukunft kann es genau so normal sein, auch innerhalb verschiedener Religionen zu heiraten. Daran glaube ich. Man sollte skeptisch sein, wenn sich eine Religion gegen die Liebe stellt.

Zischup: Wäre es für Sie schlimm, wenn Ihre Kinder später ohne konfessionelle Bindung leben wollen?
Blume: Ich wäre traurig, wenn ihnen Religion nichts bedeuten würde. Aber mir ist es lieber, wenn sie das offen sagen, statt einen Glauben zu heucheln. Wenn sie nicht glauben, kann ich das akzeptieren.

Zischup: Wie würden Sie reagieren, wenn ihre Tochter sich zum Islam bekennt und verschleiert leben möchte?
Blume: Wahrscheinlich würden meine Frau und ich uns Sorgen machen, wenn die Tochter unbedingt Kopftuch tragen wollte. Wir finden beide, dass man alle Religionen offen und liberal leben sollte. In unserem Fall steht das aber auch nicht zu erwarten, weil sie evangelisch getauft ist. Das war ihre Entscheidung. Sie geht außerdem auf eine katholische Schule, weil es ihr dort besser gefällt.

Zischup: Haben Sie angesichts vieler Radikaler in Deutschland nicht ab und an Angst um das Wohlergehen Ihrer Familie? Immerhin berichten Sie kritisch über den Islam.
Blume: Meine Frau und ich sind ganz am Anfang von Rechtsextremen bedroht worden. Die haben gesagt, dass die Heirat zwischen einem Deutschen und einer Deutschtürkin eine Rassenschande wäre. Wir haben uns damals vorgenommen, dass wir uns in unserem Leben niemals durch Extremisten und Terroristen einschüchtern lassen. Natürlich sind wir vernünftig und achten auf unsere Sicherheit, aber im Grundsatz glauben wir, dass eine Demokratie dann stirbt, wenn man sich einschüchtern lässt. Deswegen rufen wir auch dazu auf, keine Angst zu haben.

Zischup: Wie wird Ihrer Meinung nach der Islam in 50 Jahren aussehen? Wagen Sie eine Prognose?
Blume: Ich glaube, dass der Islam in fünfzig Jahren noch vielseitiger sein wird. Ein großer Teil der Muslime, die heute als solche gezählt werden, werden, so wie im Christentum schon heute vielfach, nichts mehr mit der Religion zu tun haben. Idealerweise sind die dann aber auch gut gebildet und werden die Radikalen zurückgetrieben haben. Das kann jedoch nur gelingen, wenn wir bis dahin nicht mehr vom Öl abhängig sind.