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20. Juli 2012

Einbruch der Anmeldezahlen

Schülerzahlen zwingen zum Handeln

Einbruch der Anmeldezahlen für die Werkrealschulen forciert Debatte über Gemeinschaftsschule im nördlichen Breisgau.

  1. Infoabend zum Thema Gemeinschaftsschule in Kenzingen. Foto: Michael Haberer

KENZINGEN. Die Gemeinschaftsschule im Nördlichen Breisgau dürfte kommen. Dies wurde am Informationsabend am Mittwoch im Gymnasium deutlich. Bürgermeister Ernst Schilling erklärte, Herbolzheim strebe einen entsprechenden Antrag für das Schuljahr 2014/15 an. Kenzingens Bürgermeister Matthias Guderjan ließ durchblicken, dass er auf einen solchen Zug unter Trägerschaft des Verwaltungsverbandes gerne aufspringen würde.

Guderjan betonte zwar, dass die Einführung der Gemeinschaftsschule nicht übers Knie gebrochen werden dürfe. Er machte aber auch deutlich, dass für ihn eine gewisse Eile angesagt ist. Denn Guderjan muss eine Zukunft für seine Werkrealschüler finden. "Der Schultyp Hauptschule/Werkrealschule läuft aus. Der Versuch ist gescheitert", erklärte Guderjan. Hintergrund seines Fazits: Für die fünfte Klasse seiner Verbund-Werkrealschule gebe es gerade noch neun Anmeldungen, davon eine in Rheinhausen. Schulamtsleiter Manfred Voßler bestätigte den Niedergang der Werkrealschulen, der in anderen Gebieten noch deutlich stärker zu beobachten sei. Zwar steht die Werkrealschule in den Emil-Dörle-Schulen noch vergleichsweise gut da, aber auch dort gehen die Anmeldungen zurück.

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Laut Guderjan bleiben die Zahlen von Gymnasien und Realschulen weitgehend gleich und der allgemeine Rückgang der Schülerzahlen schlage sich bei den Werkrealschulen nieder, auch weil es am Ende der Grundschulzeit für die Eltern keine bindende Empfehlung für eine der weiterführenden Schulen mehr gibt.

Auch angesichts der nötigen Suche nach einer zukunftsträchtigen Schulform kommt es gerade recht, dass die grün-rote Landesregierung auf den Schultyp Gemeinschaftsschule setzt. Dem Publikum, das zu einem guten Teil aus Gemeinderäten und Lehrern bestand, wurde ein Werbefilm vorgeführt, der die Zukunftsaussichten der Gemeinschaftsschule in den leuchtendsten Farben ausmalte. Das gemeinsame Lernen der Schüler aller Fähigkeitsgrade ist danach sozial gerecht und führt zu den besseren Lernergebnissen.

Guderjan brach als Reaktion auf den Film eine Lanze für die bisherigen Schulformen und Günter Krug, Leiter des Gymnasiums in Kenzingen, betonte, viele der im Film gezeigten modernen Lernformen würden bereits im bestehenden Schulsystem praktiziert. Guderjan hob aber hervor, dass er der Gemeinschaftsschule offen gegenüberstehe. Er und Schilling wiesen darauf hin, wie viel Vorarbeit Bürgermeister, Schulleiter und Parteien in beiden Städten öffentlich und hinter den Kulissen bereits geleistet hätten.

Auch Voßler bestätigte, dass "Individualisierung" und "Differenzierung" schon länger zum pädagogischen Handwerkszeug gehören. Nötig sei aber ein neues pädagogisches Bekenntnis zur Schule. Er berichtete von den Schwierigkeiten seiner Behörde, mit der derzeitigen Situation umzugehen, und kam zu dem Schluss: "Manche nennen das Chaos. Ich tue das nicht."

Voßler betonte, dass für die Gründung einer Gemeinschaftsschule hohe Forderungen erfüllt werden müssen. Die Gemeinschaftsschule eigne sich nicht zur Standortsicherung einer Werkrealschule. Voßler sieht in Kenzingen die Voraussetzungen für eine Gemeinschaftsschule als nicht gegeben. Dazu gehören mindestens 40 Schüler pro Jahrgang.

Voßler: Ganztagsunterricht für alle Schüler ist notwendig

Ein zweiter Punkt ist die "gebundene Ganztagsschule", also ein "rhythmisierter" Ganztagsunterricht, inklusive Mittagessen, der für alle Schüler bindend ist. An dieser Hürde würden die Gemeinschaftsschulen oft im ländlichen Raum scheitern, so Voßler, weil die Eltern nicht mitmachten. Auch ein Raumkonzept ist nötig. "Das kostet Geld", betonte Voßler, doch teils aufwändige "Lernateliers" wie im Werbefilm müssen es nicht zwingend sein. Ein Raumkonzept komme auch mit weniger aus. Wie hoch die Kosten wirklich sein werden, konnte Voßler nicht sagen, und eine entsprechende Schulbauförderung gebe es bislang auch nicht. Richard Stubert, CDU-Stadtrat in Herbolzheim, äußerte Bedenken, dass die Investition in die Gemeinschaftsschule zu Lasten der anderen Schulen gehe. Eberhard Aldinger, CDU-Stadtrat in Kenzingen, forderte klare Angaben zu Finanzen und Raumprogramm, bevor der Gemeinderat über den Einstieg in eine solche Schulform entscheiden könne.

Notwendig ist auch ein pädagogisches Konzept. "Da haben wir einen harten Prüfauftrag", erklärte Voßler. Zudem brauche es ein motiviertes Kollegium, um die neue Aufgabe des "Lernbegleiters" auch umsetzen zu können. Voßler ging von einem Jahr Vorlauf aus, bis die pädagogischen Voraussetzungen geschaffen sind.

Nora Deckler, die die Hausaufgabenbetreuung an der Werkrealschule in Kenzingen unter sich hat, wies darauf hin, dass Prinzipien wie "die Starken helfen den Schwachen" bei ihr bereits seit Jahren praktiziert würden. Sie bezweifelte, dass man dafür die pädagogischen Voraussetzungen in einem Jahr auf die Beine stellen kann. Letztlich ist in Herbolzheim und Kenzingen angestrebt, dass bis Ende dieses Jahres in den Gemeinderäten und Schulen eine Entscheidung pro oder kontra Gemeinschaftsschule fällt.

Autor: Michael Haberer


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