Schuld und Sühne

Britta Schmeis

Von Britta Schmeis

Do, 16. März 2017

Kino

DRAMA:"Zwischen den Jahren".

"Sind Sie jetzt ein anderer Mensch?" Zwei Männer sitzen an einem langen Tisch in einem Chinarestaurant, jeder am entgegengesetzten Ende, jeder eine Schale Tee vor sich, eine Kanne in der Mitte. Ein beklemmend komponiertes Bild. Der eine ist Dahlmann (Karl Markovics), ein bärtiger, hagerer Typ, der andere Becker (Peter Kurth), grobschlächtig, wortkarg, mit den typischen Knasttattoos auf den Händen. Dahlmann hat vor fast 20 Jahren bei einem Raubüberfall Frau und Tochter verloren, Becker war der Täter. 18 Jahre lang hat er gesessen. Er bleibt Dahlmann die Antwort auf die Frage schuldig.

Auch Regisseur Lars Henning hält sich in seinem Drama "Zwischen den Jahren" mit Antworten zurück. Wie um ihrer selbst willen erzählt er die Geschichte eines Zweifachmörders, der zurück ins Leben finden will. Becker will seine Ruhe, arbeitet als Nachtwächter irgendwo im Umland von Köln. Seine Wohnung liegt in einer grauen Hochhaussiedlung, die Tapete ist wellig, sein Essen kommt aus Styroporkisten. Eines Abends sitzt er in der U-Bahn, als Dahlmann ihn vom Bahnsteig aus erblickt – ein Motiv, das schon bei Hennings Fernsehfilm "Kaltfront" die Geschichte ins Rollen brachte. Mit dem Unterschied, dass sie dort in der kühlen Ästhetik der Frankfurter Bankentürme spielte. Nun ist es die Hoffnungslosigkeit einer sterbenden Industrieregion, eines Ex-Knackis zwischen Multiplexkinos, Pornobuden und kriminellen Rockern.

Becker versucht nicht, sich ein soziales Leben aufzubauen – zumal sein aggressives Potenzial und seine rassistische Gesinnung immer mal wieder durchbrechen. "Ich bin nicht so gut mit Menschen", sagt er zu Beginn. Doch dann sind da Menschen, die sich für ihn interessieren: sein armenischer Kollege (Leonardo Nigro), ein Expolizist, der selber mal "Scheiß gebaut hat", und die Putzfrau Rita (Catrin Striebeck). Sie stellt keine Fragen, sie lässt Becker in ihr Leben. Ein bescheidenes Idyll, in das Becker eintaucht – und das ihm Dahlmann nehmen will.

Ohne viele Worte und in langen Detaileinstellungen schildert Henning, wie sich die Täter-Opferkonstellation verschiebt. Er bezieht keine Position, wirbt nicht für Verständnis oder Sympathie und erzählt auf diese Weise eine Geschichte von Rache und Sühne, wie man sie nur selten im Kino sieht. (Läuft flächendeckend, ab zwölf Jahren)