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27. Mai 2017

Unter Kreuz und Hakenkreuz

Wie ein Dorfpfarrer den Nationalsozialisten widerstand.

  1. Karl Hanser mit den Akten und einem Foto von Pfarrer Anton Schmid Foto: Frank Leonhardt

HOHBERG-HOFWEIER. Zum Vortrag "Unter Kreuz und Hakenkreuz, ein Dorfpfarrer widersteht den Nazis" hatte der Historische Verein Hohberg eingeladen. Im voll besetzten Veranstaltungsraum des Bürgerhauses Hofweier berichtete Karl Hansert über den früheren Schutterwälder Pfarrer Anton Schmid, der schon früh gegen Machtergreifung und Gleichschaltung Widerstand leistete, was ihm Schikane, Verhöre und Haft einbrachte – und die Androhung des KZ.

Der Referent Karl Hansert war früher Arzt in Schutterwald und lernte Anton Schmid noch persönlich kennen. Durch Zufall hatte er während eines Pfarrerwechsels ein Aktenbündel vor dem Pfarrhaus entdeckt. Darin auf über 200 Seiten: Die handschriftlichen Aufzeichnungen des Pfarrers über die Jahre 1933 bis 1943.

Das war die Basis für die nähere Beschäftigung mit dieser Person, die den Naziterror überlebt hat, bis 1960 Pfarrer in Schutterwald war, die Ehrenbürgerwürde der Gemeinde verliehen bekam und dort 1979 im Alter von 80 Jahren starb.

Fast zeitgleich mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten kam Anton Schmid als katholischer Pfarrer nach Schutterwald – wo es unter den 3003 Einwohnern damals nur 11 Protestanten gab. Ein finanzielles Desaster lastete bei seinem Antritt auf der Gemeinde: Sein Vorgänger hatte durch den Bau eines überdimensionalen Gemeindehauses die Verschuldung vieler Bürgen verursacht.

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Der "Neue" konnte dank eines Rettungspakets die verfahrene Situation bereinigen, was ihm hohe Anerkennung und später Rückhalt in der Bevölkerung verschaffte. Schnell habe auch in Schutterwald die Machtergreifung Fuß gefasst, konnte der Referent aus des Pfarrers Aufzeichnungen entnehmen, nach dem Führerprinzip sei ein Nazi-Bürgermeister eingesetzt worden. Der Schulleiter wurde Ortsgruppenleiter der NSDAP. Er sei einer derjenigen gewesen, die dem Geistlichen jahrelang übel zusetzten.

Vor vollem Haus benannte er die Übeltäter

Besonders die Jugend sei unter Druck gesetzt und infiltriert worden. Im Schutterwälder Hof habe der Kreisleiter laut den Aufzeichnungen gebrüllt, dass es für jeden Vater und jede Mutter eine Ehre sei, ihre Kinder dem Führer zu schenken.

Karl Hansert konstatierte, dass wenige Jahre später dazu reichlich Gelegenheit war. Bei Kriegsende seien in Schutterwald 280 Gefallene zu beklagen gewesen.

Pfarrer Anton Schmid begann seinen Kampf um die Jugend, wie er es nannte, während viele andere Geistliche eher in Deckung gingen. Er beschwerte sich bei Lehrern, beim Bürgermeister, fuhr nach Offenburg ins "Haus der Gestapo", holte sich etliche "Anbrüller".

Schließlich hielt er seine "Große Predigt", wie er sie angekündigt hatte. Darin benannte er vor vollem Haus die Übeltäter. Die Folge: Anzeige, Haft, Geldbuße, Hausdurchsuchung – und Androhung von Schutzhaft bei Rückfall. Letzteres bedeutete in der Regel Deportation in ein Konzentrationslager – und den Tod.

Doch Schmid hat sich nicht beugen lassen. Schließlich haben die Nazis unter dem Vorwand eines Ausbruchs der Maul- und Klauenseuche die Kirche für drei Monate schließen lassen – bis dahin war so etwas unvorstellbar.

Vom ersten Kriegstag an hat Schmid die briefliche Verbindung zu den "unsinnig vielen Kriegern" der Gemeinde aufgenommen und auch Rundbriefe verschickt, woraufhin die Gestapo seine Schreibmaschine und den Vervielfältiger beschlagnahmte.

Der Erzbischof habe ihm nicht geholfen, aber einige seiner Schäfchen halfen ihm beim Schreiben der Briefe – unter Lebensgefahr. Wie durch ein Wunder hat Anton Schmid den Naziterror überlebt und nach Kriegsende viele Flüchtlinge im Pfarrhaus aufgenommen – auch jenen Bauernführer, der ihm zuvor das Leben schwer machte und sich vor den ins Dorf einrückenden Franzosen in Sicherheit bringen musste. Er sei, auch das steht in den Unterlagen, wenige Jahre später wieder im Kreistag zu finden gewesen.

Autor: Frank Leonhardt