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18. Juni 2017 13:33 Uhr

Baal novo-Premiere in Nonnenweier

Eine Heimatrevue ohne Heimattümelei

Mit der Uraufführung des Stückes "Blutsschwestern und Blutsbrüder" in Nonnenweier ist dem Baal novo-Theater einer Heimatrevue ohne Heimattümelei gelungen.

  1. Die Uraufführung im Innenhof des Diakonissenhauses Foto: Wolfgang Künstle

  2. Foto: Wolfgang Künstle

SCHWANAU-NONNENWEIER. Man fühlte sich erinnert an Walter Kempowskis "Deutsche Chronik" und an Edgar Reitz‘ "Heimat"-Filme bei der Uraufführung des Stückes "Blutsschwestern und Blutsbrüder" des Theaters Baal novo am Freitagabend. Vor rund 250 Zuschauern hat die auf Zeitzeugenberichten basierende "Heimatrevue" im malerischen Innenhof des Diakonissenhauses in Nonnenweier ein Panorama der letzten Kriegsjahre und der Nachkriegszeit in einem Dorf der Ortenau entwickelt.

In noch eine große Theatertradition stellt sich das Baal novo-Theater, das seit zwei Jahren unter dem Beinamen "Theater Eurodistict" firmiert: Die professionelle, unabhängige Theatertruppe unter Leitung von Intendant und Regisseur Edzard Schoppmann mit Sitz in Offenburg, einem theaterpädagogischen Zentrum im Lahrer Zeitareal und ab 2018 – wenn alles klappt – einer neu gebauten, festen Spielstätte in Altenheim ist in diesem Sommer mit einer Wanderbühne unterwegs, wie sie vor allem im 17. und 18. Jahrhundert in ganz Europa auch abseits der Metropolen für Unterhaltung sorgten.

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Schon bislang war Baal novo mit seinen Stücken in der ganzen Region – auch jenseits des Rheins – mit seinen Stücken unterwegs gewesen und hatte in Schulen und Festhallen gespielt. Nun bringt das unter anderem vom Innovationsfonds des Landes Baden-Württemberg und dem Euro-Distrikt geförderte Theater mit seinem neuen Stück Geschichten zurück, die sie zuvor in der Region im Projekt "Geschichten für das Nichtvergessen" eingesammelt haben. "Blutsschwestern und Blutsbrüder" ist die verdichtete, durch viel Musik und sehr stimmige Ausstattung aufgearbeitete neuere Geschichte unserer Region, erzählt von Menschen, die sich an ihre Jugend auf dem Dorf erinnern. An die schönen und schweren Zeiten, an Abenteuer und Schicksalsschläge, an Aufbruchstimmung und Abgründe.

Dass das Stück einerseits nichts beschönigt, andererseits aber auch kein Problemstück wurde, liegt daran, dass Edzard Schoppmann das Ganze aus der Sicht von Kindern schildert, die zwar viel mitbekommen, aber nicht alles verstehen. Dadurch, dass die Zeitzeugenberichte alter Menschen von Kindern und Jugendlichen erzählt werden, wird es zu einem Stück, das für viele Altersstufen Anknüpfungspunkte bietet.

Pappfiguren besetzen

die Nebenrollen

Bei der Premiere am Freitagabend war vor allem die ältere Generation im Publikum vertreten, die entweder selbst noch erlebt hat, wie nationalsozialistische Aufmärsche durch den Ort zogen, oder wie nach dem Krieg die Hamsterer aus der Stadt aufs Land kamen, um Lebensmittel von den Bauern zu kaufen. Mit Sylvie Kristin Reimer, Benjamin Wendel, Marie Wuillème und Korbinian Josef Müller standen vier junge Schauspieler auf der von Martin Bernhard und Bruno Boulala ausgestatteten Bühne, die auf drei Ebenen bespielt wurde. Schon allein durch diesen Kunstgriff entstanden immer wieder tolle Bühnenszenen, wenn zum Beispiel im sturmfreien Wohnzimmer im ersten Stock Rock ’n‘ Roll geübt wird "so gut das halt ging", denn woher hätte man auf dem Dorf ohne Fernseher wissen sollen, wie man zu der mitreißenden Musik von Elvis tanzt?

Als kleine Kinder nehmen die vier Protagonisten die Bedrohung des Krieges als quasi märchenhafte Begegnung wahr. Der Gauleiter, der die Mutter sexuell bedrängt, aber zum Geburtstag von Marthe, der zufällig auf Hitlers Geburtstag fällt, eine Schwarzwälder Kirschtorte schenkt, erscheint als schwarzer Rübezahl, aus dessen Hose ein bedrohlich wirkender Tannenzapfen wächst. Der französische Zwangsarbeiter soll dafür erschossen werden, dass er mit den Kindern geredet hat. Der traumatisiert aus dem Krieg heimgekehrte Vater verarbeitet das, was heute als posttraumatische Belastungsstörung behandelt wird, in einer Zeit des Wahns als Gespenst – wird später aber Bürgermeister. Der Gauleiter wird nach der Entnazifizierung Bankdirektor, die Kinder werden junge Erwachsene, ziehen zum Teil hinaus in die Welt – und kommen doch wieder zusammen.

Neben der insgesamt sehr gelungenen Ausstattung (Diana Zöller) und der hervorragenden musikalischen Gestaltung (Camilla Kallfass) überzeugte bei dieser Inszenierung der Kunstgriff, fast alle Nebenrollen als zweidimensionale Pappfiguren mit beweglichen Köpfen und Armen auszustatten. Damit bleibt der Fokus auf den Hauptcharakteren, auf ihrem Erleben eine Zeit voller schwerer Erinnerungen und Aufbruchstimmung. Großer Applaus und Anerkennung vom Publikum für eine Heimatrevue, die ganz ohne die derzeit so beliebte Ironisierung von Heimat auskam, aber auch nicht in Heimattümelei verfiel, sondern ein zeitgemäßes Volkstheater auf die Bühne brachte.

Weitere Aufführungen: 23. Juni, 20 Uhr, Klosterplatz Hausach; 8. Juli, 20 Uhr, Am Rathaus Lauf; 13. Juli, 20 Uhr, Schlachthof Lahr; 14. Juli, 20 Uhr, Reithalle Offenburg; 15. Juli, 19 Uhr, Am Rathaus Altenheim; 20. Juli, 20 Uhr, Hofladen Busam Oberkirch-Nussbach; 21. Juli, 20 Uhr, Rathausplatz Berghaupten; 28. Juli, 20 Uhr, Städtisches Gymnasium Ettenheim; 4. August, 20 Uhr, Kanzleiplatz Zell a.H. Karten sind in allen BZ-Geschäftsstellen und über E-Mail reservation@baalnovo.com erhältlich.

Autor: Juliana Eiland-Jung