Tanz

"Schwanensee" ganz anders: Ballettabend an der Elsässischen Rheinoper

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Fr, 11. Januar 2019 um 19:15 Uhr

Theater

Radhouane El Meddeb interpretiert in Straßburg "Schwanensee" auf eine ganz neue Weise.

Prinz Siegfried tritt nicht auf. Und auch nicht die verführerische Schwanenprinzessin mit der dunklen Seite, Odette/Odile. Wer nach der Handlung der berühmtesten Choreographie der Ballettgeschichte sucht, muss in Straßburg umdenken. Mit dem Auftrag an den tunesischen Schauspieler, Filmemacher und Choreographen Radhouane El Meddeb, Tschaikowskys Ballettkomposition "Schwanensee" auf die Bühne der mit Mulhouse und Colmar assoziierten Oper zu bringen, schlägt der Leiter des Ballet de l’Opera national du Rhin Bruno Bouché völlig neue Wege ein. El Meddeb hat bis dato noch nie ein klassisches Ballett choreographiert. Und dann gleich die Ikone: Das nennt man Chuzpe. Aber Bouché scheint nichts Geringeres vorzuhaben, als das französische Ballett des 21. Jahrhunderts wenn nicht neu zu erfinden, so doch neu zu positionieren: im europäischen, internationalen Rahmen. Im Lauf der Spielzeit sind noch Astor Piazzollas Tango-Oper "Maria de Buenos Aires" (Premiere 26. April) und "Danser Mahler au XXI siècle" mit dem griechisch-israelischen Choreographen-Duo Harris Gkekas und Shahar Binyamini (Premiere 27. Mai) zu sehen.

"Le Lac des Cygnes" kann man als programmatischen Auftakt dieses Unterfangens verstehen. Nicht nur der Choreograph gehört nicht der Grande Nation an. Am Pult des Orchestre philharmonique de Strasbourg steht der 1988 geborene Teheraner Hossein Pishkar, der das Ensemble engagiert und präzise durch Tschaikowskys Komposition führt, die hier nicht in die üblichen vier Akte eingeteilt ist. Es ist eben alles anders in Straßburg, wo sich zuletzt der damalige Ballettdirektor Bertrand d’At 1998 mit "Schwanensee" auseinandergesetzt hat.

Zunächst einmal schweigt das Orchester, minutenlang, während sich die Tänzerinnen und Tänzer locker auf der fast leeren Bühne verteilen: Ein Kronleuchter und ein grotesk ausladendes Tutu im Hintergrund sind die einzigen Requisiten. Links im Off hängen die klassischen Schwanenkostüme an einer Kleiderstange. Es ist offensichtlich eine Probensituation: Man unterhält sich hier, bildet dort ein Grüppchen. Die Spannung im Publikum steigt: Wann geht es endlich los mit dem Stück, mit der Musik?

Wenn es dann losgeht, muss man alles vergessen, was man über "Schwanensee" zu wissen glaubte. Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen Corps de Ballet und Solisten. Damit implodiert das Gerüst des klassischen Tanzes. Die Unterschiede zwischen Frauen und Männern verwischen. Ein Tänzer trägt einen Rock, eine Tänzerin eine der kurzen weißen Shorts, mit denen ihre Kollegen ausstaffiert sind (Kostüme: Celestina Agostino). Auch im Bewegungsvokabular ist eine weitgehende Anpassung der Geschlechter zu verzeichnen: Kein kräftiger Muskelmann hebt hier eine fragile Ballerina in die luftige Höhe, und – was besonders schön und fast auch witzig ist – die Tänzer tun es den Tänzerinnen in den für die traditionelle Choreographie charakteristischen schnellen Croisements gleich – nur ohne Spitzenschuhe. Sie sind eben alle Schwäne – so auch im berühmten "Tanz der kleinen Schwäne", in dem ein Quartett mit gekreuzten Armen eine Linie bildet. Hier sieht man gleich drei Formationen, eine davon rein männlich.

Radhouane El Meddeb – hier ist der Begriff am Platz – dekonstruiert das Vokabular des klassischen Tanzes, ohne es zu denunzieren. Es ist alles da, was das Herz des Ballettfans begehrt: nur nicht mehr in eine Handlung eingebunden oder bestimmten Figuren zugeordnet. Das sieht wie eine Befreiung vom strengen Regelwerk des Balletts aus. Sie wird endgültig vollzogen, wenn sich die Tänzerinnen, erst eine, dann zwei, dann alle der Spitzenschuhe entledigen, die einen kleinen elegischen Haufen bilden. Und dann kommt es dann doch noch zu einem furiosen solistischen Auftritt: Céine Nunigé und Riku Ota tanzen sich in hemmungsloser Raserei buchstäblich in die Erschöpfung. Am Ende erweist der Choreograf jedem einzelnen Mitglied der großartigen Compagnie die Reverenz. Alle treten einzeln an die Rampe und verabschieden sich mit einer individuellen Geste. Ein außerordentlicher, ein denkwürdiger Abend, der mit Standing Ovations gefeiert wurde. Zu Recht.

Weitere Termine: 12. bis 15. Januar Opera de Strasbourg, 24. und 25. Januar Colmar Theater, 1. bis 3. Februar Mulhouse Filature, jeweils 20 Uhr. Die Produktion ist außerdem noch in Reims und in Paris zu sehen.