Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
16. Februar 2009
Reise ins Ungewisse und zu sich selbst
Abenteuerliche Spurensuche in verwehter Loipe: Stefan Böhm trägt den Rucksack 100 Kilometer weit als Erster zum Belchen.
SKILANGLAUF. "Komme guet nom." Das ruft Karl Koch, der frühere Streckenchef, den Rucksackläufern seit vielen Jahren hinterher, wenn sie sich an einem Samstag im Februar um 7 Uhr bei Dunkelheit in Schonach aufmachen zum 100 Kilometer entfernten Fuß des Belchens. Vorgestern stellten sich 324 der 350 gemeldeten Männer und Frauen diesem Abenteuer oder dem "kleinen Rucksacklauf", der nach 60 Kilometern in Hinterzarten endet. Dort kamen 189 Männer und 20 Frauen an, die volle Distanz schafften 93 Männer und zwei Frauen.
Der gute Wunsch hat durchaus tiefere Bedeutung, denn dieser Wettlauf quer durch den Schwarzwald mit rund 2300 Höhenmetern ist für die Teilnehmer eine Reise ins Ungewisse und zu sich selbst. Keiner weiß, was ihn unterwegs erwartet, sicher ist nur Eines: Es wird hart. Hier stellt sich jeder einer Herausforderung, die ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit an die eigenen Grenzen führt – die der körperlichen Belastbarkeit und der mentalen Stärke.Auf 100 Kilometern ist sehr viel Raum und Zeit für starke Gefühle im Widerstreit: frohe wie bange Erwartung, Kampfgeist, Schwäche, Aggression, Euphorie, Erschöpfung, Niedergeschlagenheit, Schmerz, Selbstzweifel, Trotz, Einsamkeit und Glück. Hier wird der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen und muss mit sich klarkommen – so oder so. "Was man hier lernt, ist Demut und Respekt", sagt Frank Wagner in Belchen-Multen zu einem Läufer, der wenige Minuten nach ihm ins Ziel läuft. Der 32-jährige Freiburger, der als Sonderschullehrer in Waldkirch arbeitet, hat nicht nur in der Zeit von 7:36,53 Stunden den sechsten Platz erreicht, sondern auch sein "Trauma überwunden", das er 2006 bei schlechtem Wetter auf dem nicht gespurten Streckenabschnitt hoch zum Feldberg erlitt.
Werbung
Dieses Erlebnis gab’s diesmal schon viel früher und gänzlich unerwartet, betroffen waren vor allem die schnellsten Läufer, die im tiefen Neuschnee Spurarbeit leisten mussten. Vom Start weg schneite es, teils kräftig.
Kilometer 15: Nach einem langen Anstieg lauert auf der Martinskapelle die unangenehme Überraschung: Die Spur ist weg, verborgen unter zehn bis 15 Zentimetern Neuschnee, wie der Breitnauer Tobias Bach und andere später erzählen. Bach gehört zur achtköpfigen Spitzengruppe. Gut, dass hier noch keiner weiß, dass sie rund zehn Kilometer von der nächsten ordentlichen Loipe trennen. Auf der Neueck kurz vor Kilometer 23 sieht der Tross der Betreuer wie sich 18 Langläufer nähern, aufgereiht wie auf einer Perlenkette, nach kurzer Lücke zwei weitere. Es führt Jochen Burkart (Offenburg), der Sieger der letzten Auflage 2006. An der Kontrollstelle werden die Startnummern abgeknipst, dahinter gibt’s Tee von der SZ Brend. Dann ziehen die zwei Karawanen weiter: die Läufer auf dem Fernskiwanderweg, der Begleittross aus Verpflegern, Wachsern, Masseuren und Seelentröstern in den Autos zum nächsten gut erreichbaren Etappenziel.
Kalte Herberge, Kilometer 33: Lukas Ebner (SZ Brend) führt beim Überqueren der Straße Richtung Urach die sechsköpfige Spitzengruppe an. "Große Klasse, ade, danke", über solche Kommentare freut sich das Team vom Wirtshaus Kalte Herberge, das den Rucksackläufern portionierte Bananen, Orangen, Schokolade, Müsliriegel und Getränke spendiert.
Gespannte Erwartung in Hinterzarten: Wer taucht zuerst auf, ein Finisher oder jemand, der der Skigemeinde gleich wieder den Rücken kehrt? 4:02 Stunden nach dem Start taucht zuerst Jochen Burkart auf, gefolgt von gleich drei Athleten des SC Münstertal, Jürgen Gutmann, Stefan Böhm und Marco Geiger.
Rund drei Minuten später kommt Tobias Bach, auch er auf der Durchlaufspur. Aber der nächste Ankömmling bleibt und gewinnt den "kleinen Rucksacklauf" in 4:06,04 Stunden: Es ist Lukas Ebner, der 19-jährige Furtwanger aus dem DSV-Landeskader. Die letzten zehn Kilometer waren eine "Quälerei", sagt der Abiturient über seine Premiere.
Nur 46 Sekunden nach Ebner wird Stefanie Doll (SZ Breitnau) Zweite über die 60 Kilometer. Die 20-jährige frühere Kaderbiathletin zeigte bei ihrem ersten Rucksacklauf ein grandioses Rennen, die langen Trainingseinheiten mit rund 2000 Schneekilometern zahlten sich aus.
Notschrei, Kilometer 82: Seit dem Start sind sechs Stunden und sieben Minuten vergangen, als Gutmann, Böhm, Burkart und Bach ihre Ski über die Straße tragen und sich von ihren Betreuern verpflegen lassen. "Stefan komm", drängt Gutmann seinen Vereinskollegen, während Bach noch mit vollen Backen Schokolade und Bananen kaut. Rund eine Stunde braucht die Spitze noch für die restlichen 18 Kilometer, denn nun geht’s mehr bergab als bergauf.
Stefan Böhm biegt als Erster aus dem Waldweg auf die letzte Abfahrt zum Ziel neben der Gastwirtschaft in Belchen-Multen. 7:06,15 Stunden hat der 38-jährige Wintertriathlet bei Minusgraden auf stumpfem Schnee gebraucht.
Dass er gleich seinen ersten Rucksacklauf gewinnen konnte, findet der in Schopfheim lebende Zöllner aus Franken "super". "Krämpfe am Thurner, gut erholt nach Hinterzarten, Vorteile am Berg", lautet seine Kurzanalyse des Rennens.
Burkart lief nach 7:08,05 Stunden als Zweiter ins Ziel und sprach von einem "Einbruch": "Vielleicht bin ich zu schnell los." Tobias Bach hatte nach dem Wiedener Eck Jürgen Gutmann überholt und sein Rennen nach 7:10,30 Stunden hinter sich. Seinen dritten Platz über 100 Kilometer schätzt er höher ein als den Sieg im "kleinen Rucksacklauf" 2006.
Hinter Gutmann war Marco Geiger der dritte Starter des SC Münstertal unter den ersten fünf. "Hart, aber superschön, ein Wahnsinnserlebnis", sagt Agnes Gremmelspacher (SC St. Peter), die nach 9:39,18 Stunden im Ziel von ihren vier Kindern stürmisch umarmt wurde. Wichtiger als ihr Sieg bei diesem "Kraftlauf" nach Magen-Darm-Problemen unter der Woche waren der strahlenden 44-Jährigen die elementaren Erfahrungen unterwegs, ein "totales Tief auf dem Thurner" eingeschlossen.
Autor: Annemarie Zwick
