Aus dem Gerichtssaal auf die Bühne

Annette Mahro

Von Annette Mahro

So, 19. August 2018

Theater

Der Sonntag Was wusste Henrik Ibsen über den Chemiemüll in der Region Basel? Die Rattenfänger suchen in Muttenz den wahren Volksfeind.

Ein Umweltskandal, behördliche Vertuschungsversuche und ein ganzes Dorf, das einen vermeintlichen Nestbeschmutzer verurteilt – Henrik Ibsens 130 Jahre altes Drama "Ein Volksfeind" ist brandaktuell. Die Muttenzer Theatergruppe Rattenfänger garniert es jetzt mit reichlich Zeit- und Lokalbezug.

Zu "Feinden des Volkes" werden schon immer gerne diejenigen ernannt, die unangenehme Wahrheiten aussprechen und wurden es bekanntlich erst jüngst wieder. Umso schlimmer, wenn sie ihre Wahrheiten auch noch belegen können und das schriftlich und öffentlich tun. Ibsens 1882 geschriebenes Bühnenwerk ist als erstes Umweltdrama in die Weltliteratur eingegangen, auch die Medien spielen im Original eine Rolle. Gewichtiger wird sie jetzt bei der recht frei an die Vorlage angelehnten Muttenzer Fassung, die auch anonyme online gestellte Hasstiraden und die Grenzen der Presse- und Meinungsfreiheit zum Thema macht.

Ausgangspunkt ist bei den Rattenfängern aber ein eigener Umweltskandal, die Muttenzer Chemiemülldeponie Feldreben, über deren Total- oder Teilsanierung seit Jahren gestritten wird, derzeit vor Gericht. Das in 400 Meter Luftlinie entfernt gespielte Stück und sein Programmheft geben noch einmal einen Überblick über das seit Jahren verschleppte Thema und den aktuellen Stand. Eine fiktive Verhandlung hat Danny Wehrmüller, der die Gruppe seit ihrer Gründung 1989 leitet, dem Stück in seiner Fassung als Prolog vorangestellt. Die Anwälte, die sich darin gegenüberstehen, kommen im Stück selbst wieder. Dann tauscht der Befürworter der kostengünstigeren Variante seine Anwaltsrobe gegen den Anzug des Bürgermeisters und die Anwältin der Bürger, die die Totalsanierung verlangen, wird zur leidgeplagten Chefredakteurin des lokalen Volksboten .

Der in seiner Rolle mit jeder Faser glaubhafte Peter Wyss ist erst ein eloquenter Anwalt, der mutmaßlich und ohne mit der Wimper zu zucken über Leichen gehen würde und später der nicht weniger berechnende Politiker und Vorsitzende der örtlichen Bäderverwaltung. Die Herausgeberin und verantwortliche Redakteurin der Lokalzeitung hat demgegenüber gegen wirtschaftliche Zwänge und die Macht der Inserenten zu kämpfen, möchte aber gleichzeitig informieren und nicht nur schreiben, was man ihr vorschreiben will. Natalie Müller verleiht der Figur sehr körperbetont und zudem mit einer beeindruckenden Modenschau in Dauerschleife zusätzliche Farbe. Ihre Rolle ist aus der des Buchduckers Aslaksen bei Ibsen entstanden.

Den Badearzt Thomas Stockmann (Daniel Fabian) und seine Familie gibt es dagegen auch im Original, während die Oppositionspolitikerin und Privatschulleiterin Anja Billing eine echte Mischfigur ist. In Wehrmüllers Spielfassung vertritt sie die leicht wankende öffentliche Meinung, die theoretisch täglich die Seiten wechseln kann und vor allem immer auf den eigenen Vorteil schaut. Sind es ursprünglich Abwässer einer Gerberei, die das als heilend angepriesene aber in Wirklichkeit gesundheitsschädliche Wasser des Kurortes belasten, modernisieren die Rattenfänger den Verursacher zur regionalen Geschichte passend in eine Lack- und Farbenfabrik.

Je nach Stand wechselt das Bühnenbild (Kurt Walter) von schäumenden Wellen zu drohenden Bakterien und wieder zurück. Auch die Bühne selbst, die bis hin zum Mobiliar und der musikalischen Untermalung Varianten ebenjener großen Fässer zum Einsatz bringt, die einst tonnenweise und mit mehr oder weniger giftigem Industriemüll gefüllt in die zahlreichen Deponien rund um Basel gekippt worden waren, hat reichlich Vor-Ort-Bezug. Dass der Bürgermeister und Halbbruder des Badearztes auf dessen vorgelegtes Gutachten gleich ein Gegengutachten in Auftrag gibt, das selbstredend die restlose Unbedenklichkeit des Heilwassers belegt, ist Realsatire und weithin beliebte Praxis.

Der Rattenfänger-Schluss findet zwar für das Thema Feldreben noch ebenso wenig eine Lösung wie für die auch auf der anderen Rheinseite in Deutschland gerne behördlich genehmigte hochaktuelle Teilsanierungspraxis. Für Thomas Stockmann und seine Familie nimmt alles indes anders als in der Vorlage aber ein positives Ende. Natürlich konnte Ibsen auch die Hashtag-Stürme und alles uferlose Online-Geschrei von beiden Seiten noch nicht vorhersehen, die nächtens eingeworfenen "Volksfeind"-Fensterscheiben hingegen auch schon Ende des 19. Jahrhunderts. Die Lösung, zu der am Ende Ingrid Aslaksen und ihr Volkskurier beitragen werden, ist allerdings etwas zu schön, um wahr zu sein. Aber zum Wesen des Theaters gehört es auch, träumen zu dürfen. Annette Mahro
Ein Volksfeind – frei nach Henrik Ibsen, Theatergruppe Rattenfänger, Spielort: Areal Gymnasium Muttenz, Gründenstraße 30, Spieldaten: Mittwoch bis Samstag, 22. bis 25. August, 29. August bis 1. September, 5. bis 8. September, jeweils 20 Uhr, Informationen und Karten: http://www.theatergruppe-rattenfaenger.ch