Interview

Noga Erez: "Energie ist am wichtigsten"

Ralf Strittmatter

Von Ralf Strittmatter

So, 19. August 2018 um 00:00 Uhr

Rock & Pop

Der Sonntag Die Elektropop-Künstlerin Noga Erez aus Israel kommt zum Zürcher Theater Spektakel.

Beim Zürcher Theater Spektakel treten seit Donnerstag wieder 18 Tage lang 48 internationale Gruppen rund um den Zürichsee mit Theater, Tanz und neuer Musik auf. Die israelische Elektropop-Künstlerin Noga Erez beschließt am 27. August auf dem Festival ihre Europa-Tournee.

Der Sonntag: Frau Erez, Sie sind gerade mit dem Debutalbum "Off The Radar" auf Europa-Tour. Wie würden Sie die Songs beschreiben?

Noga Erez: "Off The Radar" dokumentiert meine Suche als Künstlerin. Es ist immer schwer, über die eigene Musik zu sprechen. Vielleicht macht meine Kunst aus, dass sie sich nicht auf ein Genre oder eine bestimmte Methode festlegen lässt, sondern mit Suchen und Fragen zu tun hat und daher sehr unterschiedlich ist. Das ist mal zugänglicher, mal schwerer greifbar.
Der Sonntag: Auf dem Album steht Hip Hop neben orientalischen Instrumenten. Wie kommt dieser Stilmix?

Noga Erez: Einflüsse sind bei Künstlern nicht leicht auseinanderzuhalten, weil sich heute grundlegend alles vermischt. Vielleicht macht meinen Mix aus, dass ich mit westlicher Musik ebenso vertraut bin wie mit Musik aus dem mittleren Osten. Mit beidem bin ich aufgewachsen. In Israel, wo ich herkomme, fließen musikalische Einflüsse aus ganz Afrika zusammen. Außerdem habe ich in den letzten Jahren mit Hip Hop und R ’n’ B auch viel Musik mit afrikanischem Ursprung gehört. Das steht bei mir aber nicht im Vordergrund, sondern ist eher subtil.
Der Sonntag: In Ihrer Band spielen Ori Rousso Synthesizer und Jacobocitz Ran E-Drums. Wie entstehen die Songs, beim Jammen?

Noga Erez: Ori und ich produzieren die Songs im Studio. Ran kommt später dazu. Wer was macht, kann nicht eindeutig getrennt werden. Oft fängt Ori mit einem Beat an und ich singe drüber, manchmal ist es umgekehrt. Wenn jeder für sich Ideen entwickelt, werfen wir sie anschließend zusammen. Im Studio ergänzen wir uns perfekt.

Der Sonntag: Musikalisch haben Ori Rousso und Sie ganz unterschiedliche Hintergründe.

Noga Erez: Stimmt, Ori kann auf eine breite Erfahrung in Rockbands zurückgreifen. Als Musiker ist er sehr vielseitig und besitzt für elektronische Musik oder Hip Hop ein ebenso tiefes Verständnis. Ich selbst habe eine klassische Gesangsausbildung. Weil ich Stücke schreiben wollte, habe ich in Jerusalem zwei Jahre Komposition studiert. Ich habe auch einige Instrumente wie Gitarre oder Percussion ausprobiert, bin aber dann bei Klavier geblieben. Ich bin aber keine Pianistin. Für mich war Klavier einfach nützlich, um komponieren zu lernen.

Der Sonntag: Sie haben früher Jazz gemacht. Wie sind Sie zur elektronischen Musik gekommen?

Noga Erez: Es hat mich immer interessiert, neue Genres zu entdecken. Als ich mit Musik am Computer anfing, änderte sich meine Herangehensweise an Musik komplett. Elektronische Musik ermöglicht mehr Freiheiten und funktioniert sehr intuitiv. So ist schließlich mein Sound entstanden. Meine gesamte Klangwelt ist beim Probieren am Computer herausgekommen.

Der Sonntag: Würden Sie Ihre Musik als persönlich bezeichnen?

Noga Erez: Auf jeden Fall. Musik ist immer persönlich, auch wenn sie von Politischem oder Gesellschaftlichem handelt. Ich glaube nicht, dass man das trennen kann.

Der Sonntag: Sind Ihre Songs auch deswegen inhaltlich sehr politisch?

Noga Erez: Ich beziehe mich in Songs immer darauf, was um mich herum geschieht. Ereignisse in der Welt beeinflussen und berühren mich auch persönlich. Das findet sich in meinem Charakter und meiner Musik wieder. Heute ist es leicht, sich vor dem Weltgeschehen zu verschließen. Auch ich mache das, weil Distanz wichtig ist, um sich zu besinnen, wo man selbst im Leben steht.

Der Sonntag: Und wie schalten Sie ab?

Noga Erez: Ich lese dann keine Zeitung und nutze auch keine Sozialen Medien. Das verhindert schon enorm, dass äußere Eindrücke auf mich einprasseln. Trotzdem finde ich wichtig zu wissen, was in der Welt passiert. Um alles zu verarbeiten, gehe ich laufen. Ich lebe nur sieben Minuten vom Strand entfernt, das ist ein großes Geschenk. Es ist ein Klischee, aber den Ozean zu betrachten und Luft zu atmen, die von woanders über das Meer kommt, ermöglicht eine andere Sicht auf die Dinge. Auch Leute am Strand zu beobachten finde ich sehr inspirierend, weil sie dort beim Spazieren viel offener und ruhiger als sonst sind.

Der Sonntag: Wie wichtig ist es für Sie als Künstlerin, eine Botschaft zu haben?

Noga Erez: Am wichtigsten ist es, etwas Hochwertiges zu schaffen, das interessant ist und alles vereint, was Kunst ausmacht. Also zunächst ästhetisch etwas auszuarbeiten, das andere reizt. So erreicht man Leute auf einer emotionalen Ebene und kann ihnen helfen, sich selbst näher zu kommen. Erst dann kommt die Botschaft. Die ist sicher auch ein wichtiger Bestandteil von Kunst, aber darum geht es nicht allein. Die Botschaft trägt nur einen kleinen Teil des Ganzen. Wichtiger ist die Energie, die Leute dazu bringt, sich mit deiner Musik zu befassen.

Der Sonntag: Und wie sieht Ihr Bandalltag in Israel aus?

Noga Erez: Wir haben hier eine große Anhängerschaft und liebevolle Menschen, die uns von Anfang an begleitet haben. Weil Israel aber sehr klein ist, spielen wir nicht so oft live hier. Das ist nicht mit einer Tour vergleichbar, bei der wir an vielen Orten auftreten. Meistens spielen wir eine große Show in Tel Aviv. In der Heimatstadt zu spielen ist aber immer eine ganz eigene Erfahrung.

Der Sonntag: Stimmt es, dass Sie drei Jahre an Ihrem Debutalbum gearbeitet haben?

Noga Erez: Wir wollten kein Album machen, sondern haben einfach an Songs gearbeitet und dazwischen live gespielt. Irgendwann kam City Slang, eine Plattenfirma aus Berlin, auf uns zu. Die hatten unsere Musik auf Youtube gehört und gesagt: Stellt eure besten Songs zusammen, wir machen ein Album. Das haben wir dann getan. Wir hatten noch viel mehr Songs als die, die auf dem Album gelandet sind.

Der Sonntag: Ihre Songs klingen mal verträumt und gleichzeitig gefährlich. Stimmen Sie mir zu?

Noga Erez: Ja, in den Songs schwingt immer etwas mit Ecken und Kanten mit, das fordernd klingt. Gleichzeitig versuche ich mit meiner Musik auch zu gefallen und sanftere Dinge zu beschreiben. So bilde ich Wirklichkeit wohl am genauesten ab. Ich glaube, das eine kann ohne das andere nicht existieren. Musikalisch ließe es sich bestimmt ausdrücken, würde Wirklichkeit aber immer nur flach wiedergeben. Wie Gefühle, Leben, Klänge oder die Welt sind gerade in der Musik die Stücke am schönsten, durch die ein Bruch geht.

Der Sonntag: Wenn "Off The Radar" Ihre Suche als Künstlerin darstellt, haben Sie sich jetzt gefunden?

Noga Erez: Mit "Off The Radar" habe ich mich als Künstlerin schon irgendwie gefunden. Trotzdem kenne ich mich gut genug, um zu wissen, dass ich in einem Jahr vielleicht wieder an komplett anderer Musik arbeiten werde. Als Künstlerin habe ich mich in vielerlei Hinsicht gefunden, aber nicht so, dass man das nächste Album hört und sagt: Noga Erez macht Hip Hop oder Pop. So wird es für mich nie sein.
Konzert Noga Erez, Montag, 27. August, 21 Uhr, Saal, auf der Landiwiese, Mythenquai 301, Zürich-Wollishofen. Tickets kosten 29 Franken, ermäßigt 19 Franken. Infos und Hörproben unter http://www.nogaerez.com
Zürcher Theater Spektakel, noch bis Sonntag, 2. September, an verschiedenen Orten rund um den Zürichsee. Karten und weitere Infos zum Programm gibt es im Internet unter http://www.theaterspektakel.ch