Schwierige Zeitenwende

Frank Hellmann

Von Frank Hellmann

Do, 23. August 2018

1. Bundesliga

Nach dem Nationalteam soll nicht auch noch die höchste deutsche Spielklasse den Anschluss ans Weltniveau verpassen / Nationaler Wettbewerb als Stimmungstest.

FRANKFURT. Ansgar Brinkmann, der weiße Brasilianer, der in erster und zweiter Liga fast 400 Spiele machte, war um einen flotten Spruch noch nie verlegen. "Kinder, die in diesem Sommer eingeschult werden, kennen nur den FC Bayern München als Meister. Da ist die Kindheit schon am Arsch", hat der 49-Jährige jetzt gesagt. Ein flapsiger Spruch, na klar, aber nun auch mal ein Fakt. Wer als fußballbegeisterter Knirps eine Stecktabelle pflegt, der kann ganz oben das FCB-Emblem lassen. Seit sechs Jahren thronen die Münchner nun schon über dem Rest der Liga.

Dass die Münchner spätestens im Frühjahr die Schale sicher haben, ist nicht nur für die Liga schädlich, sondern auch für sie selbst. Ohne den fordernden Wettbewerb gelang es den Bayern zuletzt nicht mehr, den Schalter in den entscheidenden K.o.-Spielen umzulegen. Der Spannungsabfall nach dem Ausscheiden im Champions-League-Halbfinale gegen Real Madrid war offensichtlich.

Alle anderen Vereine waren zu diesem Zeitpunkt längst in die Zuschauerrolle gezwungen. Das Abschneiden in den Europapokalwettbewerben kam einem Fiasko gleich. In der vergangenen Saison sammelten die österreichischen Klubs in Champions League und Europa League im Schnitt fast genauso viele Punkte wie die deutschen. Lange haben die Verantwortlichen bei dem sich abzeichnenden Abwärtstrend noch geschwiegen oder beschwichtigt.

2018 stürzte alles ein wie ein Kartenhaus

War es nicht so? 2013 erlebte die Königsklasse ein flirrendes Finale der deutschen Schwergewichte Bayern München und Borussia Dortmund, 2014 gelang einem hungrigen DFB-Ensemble unter Anleitung des Fußballlehrers Joachim Löw der Weltmeistertitel. Und nebenbei war seine Mannschaft ein Sinnbild für gelungene Integration. All das ist mit der WM 2018 zusammengestürzt wie ein Kartenhaus, an dem unvorsichtigerweise herumgefingert wurde.

Auch wenn Anhänger ihrem Lieblingsklub gewiss nicht den Rücken kehren, weil deutsche Nationalspieler in Russland dilettiert haben, ist die gegenseitige Wechselwirkung nicht zu unterschätzen. Die Nationalmannschaft ist das Aushängeschild – und entsprechend gern hat sich die Bundesliga als Weltmeisterliga geriert. Dieses Prädikat trägt die nächsten vier Jahre die Ligue 1 in Frankreich, die auch in Sachen Talentförderung und Ausbildung im Juniorenbereich vorbeigezogen ist. Wie gefährlich diese Entwicklung wird, zeigt der Blick auf die Uefa-Fünfjahreswertung, die für die Verteilung der Europapokalstartplätze maßgeblich ist.

Spanien ist uneinholbar enteilt, aber auch England und Italien liegen klar vor Deutschland. Die nächsten Jahre könnten die Franzosen vorrücken – und beim Überholmanöver hätte die Bundesliga statt vier fixen Startern in der Königsklasse auf einmal nur noch drei oder zwei. Solchen Szenarien gilt es entgegenzuwirken, zumal die Champions League eine enorme Einnahmequelle ist, die den Status quo in Europa in den nächsten Jahre verfestigen, vielleicht sogar zementieren wird.

Auch war die Aufarbeitung des WM-Desasters mit den hochrangigsten Vereinsvertretern am Dienstag in der DFL-Zentrale so wichtig, um nicht nur der Nationalmannschaft – in der Weltrangliste auf Platz 15 abgerauscht – wieder auf die Sprünge zu helfen. Hernach hieß es: "Um die Entwicklung des deutschen Fußballs wieder auf Weltniveau zu bringen." Zuvorderst DFL-Chef Christian Seifert bangt darum, dass das amateurhafte Tun der DFB-Vertreter auf die in der Vermarktung hochprofessionell aufgestellte Liga abstrahlt. Dabei bietet die Bundesliga Woche für Woche laut Seifert so viel: nämlich den Menschen die perfekte Ablenkung von den Alltagssorgen. Und einen hohen Grad an Emotionen. Das stimmt fraglos. Und doch sieht ein Stadionerlebnis oft so aus: tolle Stimmung, bunter Rahmen, einigermaßen Spannung, ordentlicher Einsatz – aber spielerische Armut. Der Stil ist zu häufig aufs Umschalten ausgelegt. Hinten gut stehen, vorne hilft der liebe Gott – oder ein Standard. So kamen auch bei der WM die meisten Teams weiter. Wer taktische Feinheiten gepaart mit virtuoser Technik bei einem offenen Schlagabtausch sucht, schaute oft ins Leere.

Einen attraktiven Spielstil will beispielsweise Ralf Rangnick bei RB Leipzig wieder hoffähig machen, der als ungeduldiger Lehrmeister noch mal ein Jahr auf der Trainerbank sitzt. Der Visionär beim Brauseklub hat verdeutlicht, wie sehr das Geld die Spielersuche bestimme. Um an die Besten heranzukommen, brauche es mehr Kapital, die nach seiner Ansicht über den Wegfall der 50+1-Regel zugeführt werden solle. Diese Sperrklausel wollten aber die 36 deutschen Profiklubs nicht kippen.

Rangnick stellte nun die grundsätzliche Frage: "Was wollen wir? Weiter unsere Tradition pflegen? Dann werden wir als Liga irgendwann dort landen, wo der eine oder andere Traditionsklub leider schon gelandet ist: auf dem Friedhof der Erinnerung." In dieselbe Kerbe schlägt Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge: "Wir müssen als Bundesliga ein Interesse daran haben, anzugreifen. Das kann nicht nur Bayern München alleine leisten, das muss die Bundesliga als Ganzes leisten."

Doch so einfach ist das nicht. Zumal der Einstieg von Investoren auf breiterer Front noch mehr Proteste der Basis bedingen würde. Die Aufkündigung des Fandialogs dieser Tage ist ein schwerer Schlag für das Miteinander. Die Zeitenwende in der Bundesliga, hin zu höherer Attraktivität allein über den Weg neuer Geldquellen zu erzwingen, könnte eine Sackgasse sein. Und aufs Spiel setzen, was die Bundesliga derzeit in Europa einzigartig macht: Dass ihre Anhängerschaft unerschrocken Gewehr bei Fuß steht. Im großen Teil sogar unabhängig von Gegner, Wetter oder Anstoßzeit.