Sechs Minuten Hass

dpa

Von dpa

Fr, 22. Dezember 2017

Deutschland

Ein Mann beschimpft einen Berliner Wirt mit antisemitischen Parolen – und wird dabei gefilmt.

BERLIN (dpa). "In zehn Jahren lebst du nicht mehr". Der Mann in der dunkelblauen Winterjacke baut sich vor Yorai Feinberg auf. "Bei euch geht es nur um Geld", sagt er. "Du kriegst deine Rechnung in fünf Jahren oder zehn Jahren – und deine ganze Familie und deine ganze Sippe hier!". Auch das Wort "Gaskammer" fällt. Der Mann vor Feinbergs Restaurant in Berlin will mit dem Hass gar nicht mehr aufhören. Feinbergs Freundin filmt die Szene mit dem Smartphone. Später wird das Video mindestens eine halbe Million Mal auf Facebook angeguckt: sechs Minuten ungefilterter Antisemitismus im Jahr 2017 in Deutschland.

Feinberg, Sohn eines Holocaust-Überlebenden, behält die Nerven. Als ein Streifenwagen vorbeifährt, ruft er um Hilfe. "Niemand schützt euch", sagt der pöbelnde Mann beim Anblick der Polizei. Dann wird der 60-jährige Deutsche festgenommen, später wieder freigelassen. Der Staatsschutz ermittelt gegen ihn wegen Volksverhetzung, Beleidigung und Widerstands gegen Polizisten. Das Video sei Beweismaterial, sagt ein Sprecher. Bereits am Mittwochabend hatte die Polizei den Vorfall in einer Pressemitteilung gemeldet. Aber erst über das Video bekommt der pöbelnde Mann, der nicht ganz klar wirkt, riesige Aufmerksamkeit.

Knapp zwei Wochen, nachdem auf pro-palästinensischen Demonstrationen in Berlin Fahnen mit dem Davidstern verbrannt wurden, sorgt der antisemitische Vorfall für Empörung. Auslöser für die Demonstrationen Anfang Dezember war die von US-Präsident Donald Trump verkündete Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels. Mit Muslimen hat dieser neue Fall nun nichts zu tun.

Am Donnerstagmorgen steht Yorai Feinberg in seinem Restaurant in der Fuggerstraße in Schöneberg, nicht weit vom Ku’damm, Gemälde mit dem Davidstern hängen an den Wänden, ein siebenarmiger Leuchter schmückt den Raum. Journalisten sind gekommen, der israelische Botschafter und die Bezirksbürgermeisterin haben sich angekündigt. "Wir sind doch nur ein Restaurant – und keine Botschaft", sagt der Restaurantbesitzer. Dass das "Feinberg’s" Zielscheibe des Hasses wird, ist für den 36-Jährigen keine neue Erfahrung. Seit sechs Jahren lebt Feinberg in Berlin, immer wieder gebe es Schmähungen, der Fall vom Dienstag sei nur "die Spitze des Eisbergs". Im Durchschnitt bekomme er zwei Hassmails im Monat, auch von muslimischer Seite.

Israels neuer Botschafter Jeremy Issacharoff bescheinigt Feinberg "großen Mut", sich dem Pöbler entgegengestellt zu haben. Issacharoff ist seit wenigen Wochen in Deutschland. Vor dem "Feinberg’s" muss er nun wieder zu einem judenfeindlichen Vorfall Stellung beziehen. "Gegen Antisemitismus kann es nur heißen: null Toleranz."

Zufällig am gleichen Tag warnen der frühere israelische Botschafter Shimon Stein und der Historiker Moshe Zimmermann vor einer einseitigen Wahrnehmung der Judenfeindschaft. Die Gesellschaft dürfe selbstverständlich nicht passiv bleiben gegenüber dem muslimischen Antisemitismus, schreiben sie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sie stellen aber klar, dass die überwiegende Mehrheit der antisemitischen Straftaten von "Bio-Deutschen" verübt werde.

Facebook hatte die Vorkommnisse zunächst falsch eingeschätzt. Das Netzwerk hatte das Video aus dem Netz entfernt. Das sei ein Fehler gewesen, räumt eine Sprecherin später ein. "Wir wissen, dass es frustrierend sein kann, wenn solch ein Fehler passiert und entschuldigen uns hiermit dafür."